Ingolstadt

"Mich interessieren kämpferische Frauenfiguren"

25.01.2018 | Stand 02.12.2020, 16:54 Uhr
Sandra Schreiber ist Lulu: "Man muss die Widersprüche und Extreme der Figur aushalten." −Foto: Probenfoto: Rößle/Stadttheater

Ingolstadt (DK) Sie ist Muse und Monster, Kind und Frau, Bestie und Beute: Lulu. Mehr als 100 Jahre nach dem Erscheinen von Frank Wedekinds "Monstretragödie" hat die bekannteste Femme fatale der deutschen Literatur nichts von ihrer Faszination verloren. In Ingolstadt wird Sandra Schreiber in ihre Rolle schlüpfen. Heute Abend ist Premiere.

Sie war die Katze in den "Bremer Stadtmusikanten", die junge Fundamentalistin Zaya in "In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich". Sie tanzte im "Ballhaus" und sang in "Rio Reiser". Und gerade sorgt sie im "Nackten Wahnsinn" als herrlich schräge untalentierte Schauspielerin für jede Menge Lacher. Seit 2015 ist Sandra Schreiber fest im Ensemble des Stadttheaters Ingolstadt und stellt ihre überraschende Wandelbarkeit stets aufs Neue unter Beweis. Jetzt übernimmt sie die Titelrolle in "Lulu". Frank Wedekinds "Monstretragödie", an der er mehr als zwei Jahrzehnte arbeitete, hat heute Abend im Großen Haus Premiere.

 

Frau Schreiber, ist Ihnen die Lulu schon mal begegnet im Laufe Ihres Berufslebens?

Sandra Schreiber: Als ich anfing, ernsthaft den Beruf der Schauspielerin in Erwägung zu ziehen, habe ich mir zur Orientierung ein Intendanten-Vorsprechen der Ernst-Busch-Hochschule angesehen. Da spielten zwei Studenten eine Szene aus "Lulu". Das war aufregend. Schon die Energie der beiden begeisterte mich so, dass ich mir damals dachte: Die Lulu möchte ich auch mal spielen. Dass es jetzt tatsächlich so gekommen ist, empfinde ich als Geschenk.

 

Was gibt es denn noch für Rollen, die Sie gern spielen würden?

Schreiber: Schwierige Frage. Ich kann mich immer so schwer entscheiden und möchte keine Figur benachteiligen. Klar sind große Rollen herausfordernd, weil man viel mehr zeigen kann. So eine Figur zu finden und zu tragen, ist schon Arbeit. Und man sucht als junge Schauspielerin nach Herausforderungen, an denen man wachsen kann. Rollen wie Lulu bieten einem das. Ich denke, mich interessieren vor allem kämpferische Frauenfiguren.

 

Lulu treibt die Männer scharenweise in den Tod. Aber sie hat auch eine Geschichte. Eine Missbrauchsgeschichte. Was ist sie bei Ihnen? Täterin oder Opfer?

Schreiber: Mit diesem Hintergrund ist sie auf jeden Fall ein Opfer: Ein ausgesetztes Kind, das von einem Pädophilen aufgenommen, missbraucht und später an eine Art Kinderhändler weitergegeben wurde, der es gesellschaftsfähig macht. Rein psychologisch könnte man Lulus Handeln sicher aus dieser Kindheitsgeschichte erklären. Aber ich glaube, Wedekind geht es nicht in erster Linie um eine psychologische Deutung. Das Stück ist expressionistisch und grotesk. Aber Wedekind hat mit der Figur der Lulu eine große Empathie - allein dass er so einer komplexen Frauenfigur ein riesiges Stück geschrieben hat. Dennoch: Lulu ist eine handelnde Figur. Sie ist Opfer und Täterin. Sie ist widersprüchlich. Das Besondere ist, dass sie trotz ihrer tragischen Geschichte nicht aufgibt. Da gibt es etwas, das sie antreibt. Sie ist auf der Suche - nach sich, nach Etwas, nach Liebe, nach Leidenschaft.

 

Geht es um Macht?

Schreiber: Macht spielt eine große Rolle. Zunächst hat sie ja Macht über Männer. Aber die eben auch über sie. Wenn im zweiten Teil alle mit Forderungen an sie herantreten, wenn sie erpresst wird, da kommt sie zu einem Punkt, wo sie sich ihre Macht zurückerobern muss. Wo es für sie um Leben und Tod geht. Lulu ist nicht leicht zu knacken. Aber genau das macht sie - auch für die Männer und Frauen - interessant. Sie ist smart. Immer, wenn sie in eine scheinbar ausweglose Situation gerät, vermag sie sofort einen Plan zu entwickeln, wie sie sich da wieder rausschlawinern kann. Ich glaube, dass da pure Instinkte greifen. Sie agiert natürlich, vielleicht auch triebhaft, auf jeden Fall nicht nach Normen.

ZUR PERSON

Sandra Schreiber wurde in Berlin geboren und studierte Schauspiel an der Folkwang Universität der Künste Essen und Bochum. Sie erhielt das Exzellenzstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. Im Fernsehen war sie z.B. in der Sat.1-Telenovela „Schmetterlinge im Bauch“ und in der RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ zu sehen. 2014 kam sie als Gast ans Stadttheater Ingolstadt, seit 2015 ist sie festes Ensemblemitglied.

 

Was ist denn die größte Herausforderung?

Schreiber: Die Widersprüche und Extreme der Figur auszuhalten und sich denen total auszusetzen, auch wenn es für einen persönlich fremd erscheint.

 

Im Stück geht es auch viel um Verkleidung. Wie ist es in der Inszenierung von Frank Behnke?

Schreiber: Es gibt auch hier einen Umkleide-Marathon. Bei der ersten Probe mit Kostüm hatte ich schon kurzfristig Bedenken, ob das zeitlich überhaupt machbar ist. Frank Behnke hat ja auch eine rigorose Strichfassung erarbeitet. Aber die Kostüme sind wirklich toll. Mit viel Glitzer. Und da steh ich ja schon ein bisschen drauf. Vor allem im Paris-Akt glänzt und glitzert alles. Wir wollen das ein bisschen Las-Vegas-mäßig erzählen, savoir-vivre. Aber eigentlich befindet sich Lulu da schon auf dem Weg in den Abgrund.

 

Das Stück ist Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben. Bleibt es in der Zeit?

Schreiber: Es ist unbestimmt. In "Lulu" geht es um das Bild von Weiblichkeit. Auch um Projektionen auf die Frau. Das ist ja ein brandaktuelles Thema. Natürlich denkt man sofort an die #MeToo-Debatte. Aber "Lulu" komplett darauf zuzuschneiden, würde dem Stück nicht gerecht werden. Ich finde vor allem die Geschichte von Wedekinds "Lulu" so aufregend - die Monstretragödie.

 

Wer ist denn das Monster in dieser Tragödie? Lulu? Die Männer?

Schreiber: Der Begriff lässt Assoziationen in verschiedene Richtungen zu. Er kann Lulu betreffen: Lulu wurde geschaffen von dieser Männerwelt, die sie zum Monster gemacht haben. Die Toten, die ihr angelastet werden. Der Mord an Schöning. Darüber hinaus verkuppelt sie die lesbische Gräfin mit ihrem ehemaligen Liebhaber Rodrigo. Das sind schon grausame Taten. Aber macht sie das zum Monster? Man könnte auch sagen, dass es die Männer sind, die so monströs die Frauen benutzen. Auch deshalb gibt es ja diese vielen verschiedenen Kostüme, weil die Männer ihre eigenen Vorstellungen von Weiblichkeit auf Lulu projizieren. Und Lulu bedient diese verschiedenen Typen von Frau. Sie wird von den Männern Eva, Katja, Mignon genannt, aber nie Lulu. Irgendwann will sie wissen, wer Lulu ist. Sie will raus, sich selbst finden.

 

Am Ende wird Lulu ein Opfer Jack the Rippers. Sterben Sie einen aufregenden Theatertod?

Schreiber: Im Stück ist dieser Mord tatsächlich sehr filmisch beschrieben, aber unser Regisseur ist auf der Suche nach einer anderen Bildästhetik. Ich will nicht zu viel verraten, aber das Ende ist schon monströs.

 

Die Fragen stellte Anja Witzke.

 

 

ZUR PERSON

Sandra Schreiber wurde in Berlin geboren und studierte Schauspiel an der Folkwang Universität der Künste Essen und Bochum. Sie erhielt das Exzellenzstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. Im Fernsehen war sie z.B. in der Sat.1-Telenovela "Schmetterlinge im Bauch" und in der RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zu sehen. 2014 kam sie als Gast ans Stadttheater Ingolstadt, seit 2015 ist sie festes Ensemblemitglied.

Frank Wedekinds "Lulu"

Frank Wedekinds zweiteilige "Lulu"-Tragödie zählt zu seinen Hauptwerken. Den ersten Teil veröffentlichte er 1895 unter dem Titel "Der Erdgeist". Die Fortsetzung, "Die Büchse der Pandora", erschien 1902. Beide Stücke wurden 1913 als Bühnenfassung in einem Werk mit dem Titel "Lulu" zusammengefasst. "Der Erdgeist" zeigt den gesellschaftlichen Aufstieg Lulus. Der reiche Zeitungsverleger Dr. Schöning kauft sie als Kind ihrem Zuhälter-"Vater" Schigolch ab, holt sie von der Straße, macht sie zu seiner Geliebten, führt sie in die Gesellschaft ein und verheiratet sie mit dem Medizinalrat Goll. Als dieser seine junge Frau in flagranti mit dem Maler erwischt, der sie porträtieren sollte, trifft ihn der Schlag. Lulu heiratet den Maler Schwarz. Der begeht Selbstmord, als er von ihrem zügellosen Leben erfährt. Daraufhin wird sie Schönings Frau, betrügt ihn aber - bis es zu einer weiteren Katastrophe kommt. Schöning drängt sie zum Selbstmord. Sie erschießt ihn und flieht mt seinem Sohn Alwa. Während im ersten Teil noch die Männer Lulus Opfer sind, verkehrt sich das Verhältnis im zweiten Teil: Nun wird Lulu Opfer der Männer. Landet erst im Gefängnis, dann einem Pariser Bordell, später in der Londoner Gosse, wo sie von Jack the Ripper ermordet wird. Mehr als 20 Jahre beschäftigte sich Frank Wedekind mit "Lulu". Die Entstehungs- ist auch eine Skandalgeschichte, die von heftigen Turbulenzen zwischen Autor, Zensur und Gericht gekennzeichnet ist. "Lulu" hat heute um 19.30 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt Premiere. Kartentelefon (08 41) 30 54 72 00.