Mensch, Monster, Maschine

"Der Sandmann" am Stadttheater Ingolstadt: Alexander Nerlich holt E.T.A. Hoffmanns Schauermärchen ins digitale Zeitalter

11.04.2021 | Stand 15.04.2021, 3:33 Uhr
Rundum-Überwachung: Nathanael (Péter Polgár) in seinem Studierzimmer. −Foto: Stadttheater Ingolstadt

Ingolstadt - Der Sandmann ist da.

Und mit ihm dringt das Grauen in Nathanaels Welt. Ein nackter Unhold ohne Gesicht schält sich aus der Wand. Kriecht unterm Waschbecken hervor. Schnüffelt an der Tischplatte. Er ist übermächtig. Gefährlich. Seine Stimme dröhnt in Nathanaels Kopf. Sein Gelächter. Sein Hohn. Und Nathanael wird wieder zum Kind. Das sich fürchtete vor dem unwillkommenen Gast. Mit schweren Schritten polterte Coppelius stets die Stufen hinauf, um dann mit dem Vater im Labor zu geheimnisvollen Experimenten zu verschwinden. Die Neugier trieb das Kind einst in das Zimmer. Und was dann geschah, weitete sich zum Trauma aus. Der Missbrauch verfolgte Nathanael sein Leben lang. Auch als der Vater längst tot ist, das alchemistische Labor in Schutt und Asche liegt und Coppelius verschwunden. Das Entsetzen bleibt. So wie die Stimme im Kopf. Sie überschattet Nathanaels Dasein, seinen Alltag, seine Beziehung zu Clara, seine Arbeit.

1816 erschien E. T. A. Hoffmanns finsteres Nachtstück über die Abgründe der Seele, in dessen Zentrum der Student Nathanael steht, der in einen Sog merkwürdiger Ereignisse gerät, sich von Dämonen verfolgt fühlt, sich Hals über Kopf in eine mechanische Puppe verliebt und dem Wahnsinn anheim fällt.

Regisseur Alexander Nerlich hat den Stoff nun auf die digitale Bühne des Stadttheaters Ingolstadt gebracht. Weil alle Theater zu und Öffnungsstrategien aufgrund steigender Inzidenz-Werte nicht in Sicht sind. Am Samstagabend war Premiere in der Sparte X. Gespielt wurde live, aber unter Corona-Bedingungen. Schauspieler und Regieteam befanden sich jeweils an getrennten Orten. Das Publikum war via Zoom dabei. Ein Experiment. Aber dass es die ersten 15 Minuten technische Probleme gab und Péter Polgár gleich dreimal beginnen musste ("Déjà-vu", flüstert er beim zweiten Mal, "Neuanfang" beim dritten), mag man verzeihen. Denn insgesamt besticht die Produktion durch eine innovative Herangehensweise, eine spannende Aufbereitung des Stoffes und ein Ensemble in Höchstform.

Schon mehrfach hat sich Alexander Nerlich als Spezialist für Erkundungen menschlicher Dunkelwelten erwiesen. Man denke nur an beeindruckende Inszenierungen wie "Jenny Jannowitz", "Dekalog" oder "Asche". In "Der Sandmann" gelingt es ihm, das romantische Schauermärchen mit der Erbarmungslosigkeit der Gegenwart zu paaren, die Hoffmann'sche Grundstruktur aus dem Text des 19. Jahrhunderts zu kondensieren und virulente Themen des 21. Jahrhundert zu implantieren. Hier wie dort geht es um Unordnung und frühes Leid, Mensch und Maschine, Macht und Manipulation. Aber Alexander Nerlich treibt das Spiel noch weiter. Nathanaels Existenz in der selbst gewählten Isolation steht exemplarisch für die Vereinzelung inmitten einer medialen Globalität, überwacht, kontrolliert, preisgegeben durch allzu verschwenderischen Umgang mit Daten.

Hier ist Nathanael ein Informatik-Student, der an einem Forschungsprojekt zum Thema Künstliche Intelligenz arbeitet. "Olympia" beherrscht sein Dasein. Er lebt in einem hermetisch abgeschlossenen Raum mit Bett, Tisch, Schrank, Nasszelle (Bühne: Thea Hoffmann-Axthelm). Der einzige Kontakt zur Außenwelt funktioniert über den Computer - via Mail zu seinem Professor oder Videotelefonie zu seiner Freundin Clara. Hier suchen ihn die Dämonen seiner Kindheit heim. Hier unterzieht er sich auch dem Turing-Test: ein Treffen mit Olympia, einem Avatar, Projektionsfläche seines männlich-narzisstischen Begehrens. Sie ist eine Wiedergängerin Claras, aber weicher, nachgiebig, lenkbar. Nathanael lässt sich ein auf ein (erotisches) Spiel mit visuellen und auditiven Reizen, bis das virtuelle Bild einfriert und die Stimmen in seinem Kopf implodieren. Erst jetzt erkennt Nathanael, dass der Versuch einer simulierten Realität nach ganz anderen Parametern abläuft. Alles nur Fake!

Was für ein Spiel! Alexander Nerlich arbeitet mit vier Bildschirmen, über die das Publikum den Protagonisten aus verschiedenen Kameraperspektiven überwacht, durch die der albtraumhafte Golem spukt, auf die sich Clara im Facetime-Modus schaltet und wo schließlich auch Olympia generiert wird. Mitten hinein ins blaue Wolken- oder besser: Cloud-Kuckucksheim wird Theresa Weihmayr als Olympia gebeamt. Eine Doppelgängerin der "Ava" aus Alex Garlands Film "Ex Machina" mit Gesicht, weiblicher Silhouette, schimmerndem Panzer und durchsichtigem Innenleben (Kostüme: Tine Becker). Wie diese erste Begegnung zwischen Mensch und Maschine vonstatten geht, mit solch scheuer Zartheit, Unbedarftheit und emotionaler Konfusion - das gelingt Theresa Weihmayr und Péter Polgár unglaublich berührend.

Überhaupt die Schauspieler: formidabel allesamt. Auch wenn Peter Reisser als Professor Spalanzani eine undankbare (weil minimale) Rolle hat. Jan Gebauer als Stimme in Nathanaels Kopf geht einem in seiner raumgreifenden Niedertracht durch und durch. Theresa Weihmayr agiert so facetten- wie kontrastreich als abgeklärte Clara und artifizielle Olympia. Und Péter Polgár spielt sich mit Furor durch alle Stadien einer instabilen Existenz. Handelt es sich um Halluzinationen? Oder um Symptome einer Borderline-Störung? Mediale Überforderung? Soziale Isolation? Die Wahrheit ist viel abgründiger. Und das Ende ein echter Coup!

Hier die verblassende Ödnis von Nathanaels Gefängnis, dort die verlockende Strahlkraft einer innovativen Parallelwelt. Alexander Nerlich schafft eindringliche Bildwelten, zu denen Malte Preuß einen düsteren Sound aus Tetris und Herzschlag, Sphärenklängen und Störgeräuschen kreiert. Raffiniert wird hier E. T. A. Hoffmanns schaurige Geschichte des "Sandmanns" ins digitale Zeitalter transformiert und stellt dabei nicht nur Fragen nach Realität und Fiktion, Machbarkeit und Maschinenlogik neu - sondern auch die nach der Menschlichkeit in einer Zukunft mit KI.

DK


Weitere Termine: 13., 15., 16. April jeweils um 20 Uhr. Dauer: 75 Minuten. Die Aufführungen finden im digitalen Raum über eine Zoom-Konferenz statt. Es ist vorab erforderlich, das Programm Zoom auf dem Computer zu installieren. Nach der Ticketreservierung über das Stadttheater Ingolstadt erhält man einen Link zur Konferenz.

Anja Witzke