Eichstätt

"Man muss nicht alles in Rom regeln"

Der Eichstätter Theologe Jürgen Bärsch über die Zukunft der Kirche und den Rücktritt Papst Benedikts XVI.

15.02.2013 | Stand 03.12.2020, 0:29 Uhr

Eichstätt/Ingolstadt (DK) Man könnte dem 85-jährigen Benedikt XVI. glatt großen Sinn für Humor unterstellen: Es war der Rosenmontag, an dem er fast nebenbei seinen Rücktritt vom Papstamt bekannt gab. Seine Erklärung schlug denn auch ein wie ein Paukenschlag. Über den Rücktritt, mögliche Konsequenzen und Erwartungen an den neuen Papst sprach der Theologieprofessor Jürgen Bärsch mit unserer Redakteurin Angela Wermter.

Professor Bärsch, ein Papst tritt zurück. Was halten Sie als Theologe davon?

Jürgen Bärsch: Der Papst tritt aus sehr gut überlegten Gründen zurück: Er sieht sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage, dieses zentrale Amt in dem Umfang auszuüben, wie es das Amt eben verlangt. Mit seiner Entscheidung nimmt der Papst Rücksicht auf seine Gesundheit und auf das Wohl der Kirche.

Vom Theologischen her haben Sie kein Problem?

Bärsch: Nein. Natürlich kann ein Papst zurücktreten. Das ist im Kirchenrecht geregelt.

Was zeichnet denn das knapp achtjährige Pontifikat von Benedikt XVI. aus?

Bärsch: Papst Benedikt war und ist ein glänzender Philosoph und Theologe. Und genau dieses Pfund hat er natürlich in das Amt eingebracht. Ein zentraler Punkt dabei ist die Frage der Versöhnung von Vernunft und Glaube. Das sind Themen, die er immer wieder angesprochen hat. Was ich beeindruckend fand, war, dass er sich auch in vielen Generalaudienzen systematisch mit Fragen der Theologie auseinandergesetzt hat und versucht hat, das den Gläubigen zu vermitteln.

Und über die Theologie hinaus?

Bärsch: Eine wichtige Rolle spielte auch das Bemühen des Papstes im Bereich der Ökumene – vor allem mit Blick auf die Ostkirchen. Aber auch beim interreligiösen Dialog schlug er neue Seiten auf. Benedikt XVI. ging da durchaus sehr unkonventionelle Wege – wenn man da an seinen Besuch in Istanbul denkt, an seine Reise nach Israel und seine Begegnungen mit dem Judentum. Und es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Papst als Privatmensch – wie er selbst sagte – auch noch Bücher schreibt. Etwa die drei Jesusbücher, mit denen er ein breites Publikum erreicht hat. Dies zeigt, dass ihm über die Theologie hinaus die Vermittlung des Glaubens überaus wichtig ist.

Ist sein Rücktritt auch als Signal zu werten? Für eine Erneuerung der Kirche?

Bärsch: Erneuerung der Kirche ist nicht allein mit einzelnen Maßnahmen zu bewerkstelligen. Erneuerung ist ein umfassendes, auch geistliches Programm. Das hat Papst Benedikt noch am Aschermittwoch der Kirche ins Stammbuch geschrieben. Es steht eine ganze Reihe Fragen an, mit denen sich der nächste Papst befassen muss.

Welche Fragen?

Bärsch: Beispielsweise die Frage des Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen in der Kirche. Oder Fragen bei menschlichen Konfliktsituationen auch im Umfeld von Schwangerschaft und Geburt. Ein großes Problem ist auch die auseinandergehende Schere zwischen dem Klerus und den Gläubigen. Das sind Themen, die nicht nur hier in Deutschland eine Rolle spielen, sondern auch in der globalen Dimension wichtig werden.

Da müsste die Kirche sich also schon bewegen?

Bärsch: Es wird notwendig sein, den Glauben den Menschen von heute wieder so zu präsentieren, dass die Menschen das annehmen können. Ich habe den Eindruck, dass derzeit viele, nicht unwesentliche Sachfragen dem entgegenstehen. Da wären aktuell etwa der Missbrauchsskandal und der Fall des abgewiesenen Vergewaltigungsopfers in den beiden katholischen Kliniken in Köln. Damit hat die Kirche in Deutschland viel Vertrauen verloren. Solche Probleme haben sich vor das geschoben, was eigentlich Auftrag und Aufgabe der Kirche ist: nämlich die Menschen stärker auf Gott aufmerksam zu machen, sie für den Glauben zu gewinnen, Zeugnis für den Glauben abzulegen, und zwar auch ganz konkret in der Sorge um den Menschen.

Was hat das Pontifikat Benedikts den Gläubigen gebracht? Oder war er doch nur ein Übergangspapst?

Bärsch: Ich glaube nicht, dass er ein Übergangspapst war. Das zeigt schon die Tatsache, dass er in dieser langen Geschichte des Papsttums der zweite Papst ist, der zurücktritt – also nach 700 Jahren eine Maßnahme ergreift, die bis dahin eigentlich undenkbar war. Und Benedikt XVI. hat zwar in großer Tradition und Treue auch seinem Vorgänger gegenüber dieses Amt übernommen. Aber Papst Benedikt XVI. hat auch eigene Akzente gesetzt.

Welche meinen Sie?

Bärsch: Er hat die zentralen Glaubensfragen wieder stärker in den Mittelpunkt gestellt. Benedikts große Enzykliken befassen sich ja nicht mit Randthemen. Es sind zentrale, christliche Themen: Liebe, Glaube, Hoffnung. Diese Themen will Benedikt allen Menschen zugänglich machen. Inwiefern das gelungen ist, ist die andere Frage.

Sie sind Priester und Professor, kommen also mit vielen Menschen zusammen. Was glauben Sie denn, welchen Eindruck die Gläubigen von diesem Papst haben?

Bärsch: Auf die bescheidene und demütige Weise, wie er sein Amt ausübte, hat der Papst sich große Sympathie erworben. Mit seiner menschlichen Art hat er selbst das Papstamt auch nicht überhöht. Das ist vielen Menschen aufgefallen, und das hat vielleicht sogar eine größere Wirkung als umfangreiche theologische Werke oder Enzykliken. Mit seinem Rücktritt hat Papst Benedikt auch gezeigt, dass er Macht abgeben kann. In welchen Führungsetagen haben wir das sonst schon?

Man hat schon manchmal den Eindruck, die hohe Geistlichkeit im Vatikan kreist um sich selbst. Ist der Rücktritt auch Signal an das katholische Spitzenpersonal, mehr Bescheidenheit im Zentrum der Macht zu zeigen und Rivalitäten beizulegen?

Bärsch: Der Papst hat hier tatsächlich ein sehr positives Vorbild und Beispiel gegeben hat. Denn dass jemand mit 85 Jahren von sich aus sagt, jetzt darf ich auch zurück ins zweite Glied treten – das macht ihn ja auch unglaublich sympathisch. Das vermisst man vielfach bei anderen Würdenträgern. Es wäre wünschenswert, dass sich tatsächlich der ein oder andere an Benedikt ein Beispiel nähme.

Ein Vatikan, der abspeckt, erscheint mir wenig realistisch.

Bärsch: Leider ist das Papstamt von Teilen des Umfelds Benedikts oft mit überhöhten Vorstellungen befrachtet worden. So wurden bei der päpstlichen Liturgie plötzlich wieder Dinge in den Mittelpunkt gerückt, die bis dahin in der Asservatenkammer verschwunden waren. Man hat versucht, noch ein bisschen glanzvoller an alte Zeiten anzuknüpfen. Da waren am Papstaltar plötzlich wieder wesentlich mehr Leuchter aufgestellt, oder alte Gewänder wurden reaktiviert – Kleinigkeiten nur, die aber den Eindruck erweckten, es sollte an ein Papstbild vergangener Zeiten angeknüpft werden.

Was sollte denn der nächste Papst für Eigenschaften haben?

Bärsch: Er sollte gut zuhören können und aufmerksam die Entwicklungen in verschiedenen Erdteilen und in den Ortskirchen beobachten und wertschätzen. Und er sollte sich nicht unter Druck setzen, alles gewissermaßen von oben, in Rom entscheiden zu müssen. Ich würde mir wünschen, dass ein Papst auch die Gelassenheit hätte zu sagen: Das, was bei den Ortskirchen, bei den Bischöfen, bei Bischofskonferenzen entschieden werden kann, das muss man eben nicht im Rom regeln. Das ist ja ein Gedanke der katholischen Soziallehre: dass an der Stelle, wo die Entscheidungen zu fällen sind, auch entschieden werden kann, was getan wird. Und nicht an eine Zentrale dirigiert werden muss. Die Bischöfe sind doch keine Kapläne des Heiligen Vaters. Man könnte manchmal den Eindruck haben, sie seien Befehlsempfänger Roms.

Könnte es da nicht zu erheblichen Unstimmigkeiten kommen?

Bärsch: Dass der Papst in Einheit mit den Bischöfen die Kirche leitet und die Verantwortung in der Kirche trägt, ist unbestritten. Mit Blick auf die Weltkirche muss der Papst natürlich einen größeren Überblick haben, auch bei Fragen, die eben nur weltkirchlich entschieden werden können. So etwa die Zölibatsverpflichtung für Priester: Das ist ein Punkt, den kann nicht eine Ortskirche für sich entscheiden.

Der papstkritische Theologe Hans Kühn fordert eine Altersgrenze beim Papst: Er soll – wie Bischöfe – nicht älter als 75 sein. Was halten Sie von so einem Vorschlag?

Bärsch: Das wäre zu diskutieren. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass auch ein Papst die Möglichkeit haben darf, zu sagen, ich möchte jetzt von meinem Amt zurücktreten. Ob das nun mit 75 der Fall sein soll, darüber müsste man reden.

Also keine starr fixierte Ruhestandslösung für Päpste?

Bärsch: Was wichtig ist – und das ist durch den Rücktritt geschehen: Nachfolger werden es leichter haben, das Amt abzugeben, wenn sie es nicht mehr im erforderlichen Maße ausüben können. Es ist aber unwichtig, ob das mit 75, 80 oder 85 Jahren ist. Papst Benedikt hat eine Tür geöffnet. Dadurch wird es auch leichter sein, einen jüngeren Kandidaten zu wählen. Denn das war ja immer das Problem: wenn man einen jungen Papst wählte, der dann nach menschlichem Ermessen 20, 25 Jahre vor sich hat. Da haben sich Kardinäle gescheut, das Papstamt so lange einem einzelnen Menschen zu übertragen. Mit der Möglichkeit des Rücktritts bekommt das Petrusamt auch noch einmal menschlichere Züge. Das tut vielleicht auch der Kirche ganz gut.