Ingolstadt

"Man muss mit guten Projekten mutig vorangehen"

Experten erklären im Interview, welche Technologien den Verkehr in Zukunft sicherer und effizienter machen sollen

23.10.2020 | Stand 02.12.2020, 10:17 Uhr
Die sogenannte Umfeldwahrnehmung spielt eine wichtige Rolle. Unser Bild zeigt eine modellhafte Darstellung eines Fahrzeugradars mit großer Reichweite. Der Radar unterstützt zum Beispiel automatisches Notfallbremsen bei Überholmanövern in Kreuzungen und identifiziert zuverlässig Zweiräder. −Foto: Continental

Ingolstadt - Wie werden wir uns künftig fortbewegen?

 

Diese Frage betrifft uns alle. In Ingolstadt werden neue, innovative Mobilitätskonzepte erforscht und erprobt. Eine zukunftsfähige Mobilität ist ein entscheidender Standortfaktor für die Region und Bayern. Dazu präsentieren der Donaukurier und seine Heimatzeitungen alle vierzehn Tage ein großes Interview mit Experten aus Wissenschaft und Praxis. Diesmal haben wir mit Gordon Elger, Leiter des Anwendungszentrums "Vernetzte Mobilität und Infrastruktur" des Fraunhofer-Instituts für Infrastruktur- und Verkehrssysteme, Hüseyin Erdogan, Leiter Technologie und Hochschulprojekte bei Continental Ingolstadt, und Peter Lerchbaumer, Gründer des Start-ups Perpetuum Progress GmbH, gesprochen.

Herr Elger, Herr Erdogan, Herr Lerchbaumer, Mobilität ist eines der Schlagwörter der Gegenwart. Wie sehen Sie die Zukunft?
Gordon Elger: Wir erleben in der Mobilität einen Umbruch, der dramatische Folgen für die traditionelle Automobilindustrie in Deutschland haben kann. Das liegt einerseits daran, dass sehr viele neue Firmen aus China und dem Silicon Valley auf den Markt drängen. Und wird beschleunigt durch den technologischen Wandel zur Elektromobilität, zu automatisiertem Fahren, durch Digitalisierung und Nachhaltigkeit.
Hüseyin Erdogan: In dieser Transformationsphase der Mobilität sind wir, hier in Ingolstadt, vorne mit dabei. Die enge Vernetzung in der Region bietet die besten Voraussetzungen, um die Zukunft der Mobilität zu gestalten. Am Standort Ingolstadt trägt Continental mit sehr innovativen Produkten wie Radar-, Kamera- und Lidar-Sensoren maßgeblich zur Entwicklung hin zum automatisierten Fahren bei.
Peter Lerchbaumer: Auch aus unserer Sicht bemüht man sich hier in Ingolstadt darum, vorne mit dabei zu sein. Die Stadt hat das Thema Mobilität frühzeitig aufgegriffen. Es gibt eine Hochschule, die stark expandiert und ein motiviertes Führungsteam hat, und Konzerne, die bei der Entwicklung Start-ups wie uns mitwirken lassen.

Welche neuen Technologien sind denn nun ausschlaggebend?
Elger: Eine Vielzahl an Technologien ist notwendig. Aber es sind keine konkurrierenden Technologien, sondern sie ergänzen sich. Wenn wir etwa automatisiert fahren wollen, brauchen wir zunächst die sogenannte "Umfeldwahrnehmung". Dafür benötigt das Auto Kameras und weitere Sensoren wie Radar, Infrarot und Laser. Dazu kommt Vernetzung, Kommunikation und Rechentechnik, hochintegrierte Schaltkreise, das heißt Mikroelektronik und Prozessoren. Auf diesen laufen die Algorithmen, die die Sensordaten auswerten und Entscheidungen treffen - die Algorithmen können wir auch künstliche Intelligenz nennen. Diese Technologien ermöglichen im Zusammenwirken automatisiertes Fahren.
Erdogan: Neben den hochentwickelten Sensoren und Algorithmen ist auch die Infrastruktur entscheidend. Und man darf nicht vergessen: Der Mensch mit seinem Know-How steht im Mittelpunkt!

Was sind denn die größten Herausforderungen?
Elger: Wir wollen den Verkehr sicherer und effizienter gestalten, müssen aber mit einem Verkehrssystem, das historisch gewachsen ist, arbeiten. Die große Herausforderung wird also sein, autonome, vernetzte und klassische Fahrzeuge und den Menschen selber in dem System zusammenzubringen. Wenn wir nur vernetzte, autonome Fahrzeuge hätten - prima! Dann kann ich die fahren lassen, die kooperieren, und der Verkehr wird bedarfsgerecht geregelt. Beispielsweise Linksabbiegen wird einfach: Die Fahrzeugdichte des geradeaus fahrenden Verkehrs wird bedarfsgerecht moduliert, so dass die Linksabbieger dazwischen durchkommen. Mindestabstände können reduziert werden, und trotzdem wird sicher gefahren. Sobald ich aber klassische Fahrzeuge mitbetrachten muss, wird die Situation wesentlich schwieriger.
Erdogan: Städte, die neu wachsen, können eine entsprechende Infrastruktur - beispielsweise für autonome Fahrzeuge - schon aufbauen und tun sich dann wohl leichter. Das ist aber nicht die Regel. Zudem muss frühzeitig die Akzeptanz der Bevölkerung für die neuen Technologien, wie etwa fahrerlose Systeme, gefördert werden.
Elger: Ingolstadt ist quasi für den Automobilverkehr ausgebaut worden. Öffentlicher Nahverkehr: eher unattraktiv. Der Bahnhof liegt Kilometer von der Innenstadt entfernt. Das können wir freilich nicht alles neu bauen. Aber wir müssen eine Transformation ermöglichen. Wir könnten etwa eine abgetrennte Spur vom Hauptbahnhof in die Innenstadt einrichten für Fahrräder, Elektroroller und autonome Shuttle. Das geht, die Technik ist da. Ich würde die Spur gerne gleich mit Solarzellen teilüberdachen. Man muss mit guten Projekten mutig vorangehen.

Was hat es denn mit dem Forschungsprojekt CommonSense auf sich, in dem Sie zusammenarbeiten?
Elger: Dabei geht es um die gesamte Kette des autonomen Fahrens. Wir starten mit der Umfeldwahrnehmung. Mit der modernsten Sensorik, die verfügbar ist. Um möglichst alle Aspekte der Umgebung des Fahrzeugs wahrzunehmen. Auf der Datenbasis und mittels KI muss dem Fahrzeug dann beigebracht werden, Entscheidungen zu treffen: Wann bremsen? Wann Gas geben? Damit das sicher klappt, müssen wir enorm viele Tests durchführen. Und das geht nicht in der realen Welt, sondern nur in der virtuellen. Wir müssen das Wahrgenommene also in virtuelle Modelle übertragen und dort testen, immer wieder validieren und schließlich auf der Teststrecke überprüfen. Das machen wir in CommonSense.

Und was ist Ihr Beitrag dabei?
Erdogan: Wir - die Continental - sind eines der weltweit führenden Unternehmen für Fahrerassistenzsysteme, die wir sowohl entwickeln als auch produzieren. Wir bringen unsere Kompetenz vor allem bei der Sensorfertigung in das Forschungsprojekt ein und nähern uns einen weiteren Schritt zur Verwirklichung des vollständig autonomen Fahrens.
Lerchbaumer: Wir unterstützen unsererseits die virtuelle Validierung. Wir bringen die Komponenten zusammen in einer virtuellen Umgebung, lassen diese Entwicklungen am Computer laufen und schauen, ob das Vorhaben am Rechner funktioniert. Wir bilden also etwa Straßenzüge und Verkehrsflüsse in Ingolstadt ab. Die Stadt wird praktisch in einer virtuellen Umgebung nachgebildet, und da wird die Technologie eingesetzt und erprobt. Dazu nutzen wir unter anderen auch die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt SAVe. Diese Abkürzung steht für Funktions- und Verkehrssicherheit im automatisierten und vernetzten Fahren.

Sind solche Kooperationen von Wissenschaft, Industrie und Start-ups also die Zukunft?
Lerchbaumer: Diese Kooperation ist ein sehr kreatives und produktives Ökosystem. Wir haben eine hohe Entwicklungsgeschwindigkeit und damit schnell Ergebnisse. So haben wir die Chance, als erste ins Ziel zu kommen.
Elger: Gewiss, die Kooperation aus Großindustrie, Start-ups und Hochschulen ermöglicht Innovationen. Und das wird zurecht gefördert. Wir brauchen aber noch mehr Gründergeist und Technologie-Start-ups.
Erdogan: Wir haben in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit Kooperationen gemacht und erzielen damit gute Resultate. Entscheidend ist natürlich auch, wie hoch das Entrepreneurship in der Region Ingolstadt ist. Das lässt sich durch die etablierten Plattformen von THI, KU, Fraunhofer und dem digitalen Gründerzentrum Brigk gezielt fördern. Insgesamt ist aber in der Bevölkerung ein Kulturwandel zu mehr Offenheit für neue Lösungen notwendig.

DK

Die Fragen stelle Georg Schulz.

ZUKUNFTSFORUM MOBILITÄT

Zum Abschluss der Gesprächsserie findet am 20. November 2020 das "Zukunftsforum Mobilität" des Projektes "Mensch in Bewegung" statt, in dem die Technische Hochschule Ingolstadt (THI) und die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) zusammenarbeiten. Organisiert wird das Zukunftsforum durch die THI. Die Veranstaltung richtet sich an Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sowie an Bürgerinnen und Bürger. Ziel ist es, gemeinsam die zukünftige Mobilität zu diskutieren und die verschiedenen Bedürfnisse in gemeinsamen Lösungen zusammenzuführen.

DK