Ingolstadt

"Man kann nicht blind Straßen bauen"

Christoph Lauer über die Herausforderung, als Stadtrat der Grünen bei Audi zu arbeiten

27.03.2015 | Stand 02.12.2020, 21:29 Uhr

»Ich brauche 25 Minuten«: Mit dem Fahrrad schafft Christoph Lauer seinen Weg zur Arbeit flott und ohne Stau - Foto: Rössle

Ingolstadt (DK) Nicht alle Grünen sind Siegertypen. Aber bei der Kommunalwahl vor einem Jahr durften sie sich als klare Gewinner fühlen. Die Partei legte auf zehn Prozent zu und zog mit den Freien Wählern gleich. Für den Audi-Ingenieur Christoph Lauer (33) begann die Stadtratsarbeit aber erst mit einem halben Jahr Verspätung, weil er im September für den neuen Umweltreferenten Rupert Ebner nachrückte.

Herr Lauer, was kann Audi von den Grünen lernen?

Christoph Lauer: Als Grüner bei Audi zu arbeiten ist natürlich eine ideologische Herausforderung. Audi kann was von den Grünen lernen, so wie die Grünen was von Audi lernen können. Auf der einen Seite ist das CO2 natürlich ein heißes Thema, wo sich die Firma von der Denkweise der Grünen etwas abschauen kann. Das Thema Ökoinnovation spielt in Zukunft eine ganz wichtige Rolle, allein schon aus gesetzlichen Gründen. Auf der anderen Seite können auch die Grünen von Audi was lernen, beispielsweise die Urban Future Initiative, die zeigt, wie das Auto sich in einem Stadtumfeld weiterentwickeln kann. Was da an Ideen generiert wird, ist sowohl für die Stadt als auch die Grünen höchstinteressant.

 

Sie sind jetzt seit einem halben Jahr im Stadtrat, was ist Ihr erster Eindruck?

Lauer: Es macht Spaß, ich bin mit Freude bei der Arbeit. Es ist natürlich viel Arbeit, es sind viele Detailthemen, in die man sich reindenken muss, für die man recherchieren muss. Es ist nicht damit getan, sich in die Ausschüsse reinzusetzen und dann g’scheit daherzureden. Die Vorbereitung macht’s aus. Mein Doktortitel nützt mir in der Politik relativ wenig. Was mir aufgefallen ist: Die Stadträtinnen und Stadträte achten darauf, das Persönliche und das Politische zu trennen. In der Diskussion geht man sich teilweise hart an, aber man streitet sich nicht auf persönlicher Ebene.

 

Was hat Sie als Neuling am meisten gestört?

Lauer: Ein paar Kommentare haben mich schon geärgert, beispielsweise die Aussage von der FW-Fraktion, dass Prüfungsanträge normalerweise akzeptiert werden. Damit kann ich überhaupt nichts anfangen, das fand ich total unpassend. Wenn Prüfungsanträge nicht zielführend sind, gehören sie abgelehnt und nicht in die Verwaltung gegeben und als Zombie am Leben erhalten. Wenn eine Idee nicht mehrheitsfähig ist, gehört sie abgelehnt.
 

CSU-Fraktionschef Joachim Genosko hat mit seinen kritischen Bemerkungen über Audi einigen Wirbel verursacht. Wie haben Sie das als Stadtrat und Audi-Mitarbeiter empfunden?

Lauer: Ich war auch überrascht über die Worte von Professor Genosko. Das bringt in der Sache nicht weiter. Ich hatte den Eindruck, dass seitens der CSU versucht wird, ein bisschen Stimmung zu machen und die Öffentlichkeit zu aktivieren, sodass man vielleicht für bevorstehende Verhandlungen mit der Firma Audi eine bessere Position oder irgendwo einen besseren Hebel haben könnte. Daraufhin hat sich vielleicht Professor Sigi (Audi-Personalvorstand, d. Red.) gedacht, ja, das Spiel können wir auch, und ist auf die gleiche Ebene herabgestiegen wie die CSU. Natürlich ist die Frage, wie man die Arbeiter und Angestellten mit dem ÖPNV zu Audi bringt, etwas, was Audi und die Stadt zusammen lösen müssen. Da bringt uns Stimmungsmache nicht weiter.

 

Hat Audi nicht tatsächlich das Thema öffentlicher Nahverkehr lange Zeit unterschätzt?

Lauer: Da hat es mit Sicherheit in den letzten drei, vier Jahren ein Umdenken gegeben. Ich kann mich auch noch erinnern, wie das Thema Stadt-und-Umland-Bahn, Audi-Bahnhalt abgewehrt wurde. Wahrscheinlich sieht man aktuell auch die Grenzen der Stadt Ingolstadt. Nach Norden ist ja noch ein bisschen Freiland, das man rein theoretisch noch zubauen könnte, aber in die Stadt rein gibt’s einfach keinen Platz mehr, der Entwicklungspotenzial bietet. Man kann nicht einfach blind Straßen weiterbauen. Das hat auch Audi erkannt. Es geht nicht darum, dass die eigenen Mitarbeiter keine Autos mehr kaufen sollen, das machen sie natürlich trotzdem. Es geht einfach darum, die Leute zur Arbeit zu bringen. Wenn man sich die Stadtkarte anschaut, ist es die trivialste von allen Erkenntnissen, dass man mit der Bahn zu Audi fahren könnte. Es ist gut, dass es jetzt vorangeht.

 

Die Grünen haben in den vergangenen Jahren immer wieder eine Kursänderung in der Verkehrspolitik gefordert. Was muss sich ändern?

Lauer: Das Wichtigste ist, dass die vier verschiedenen Mobilitätsformen wirklich als gleichberechtigt angesehen werden, also Pkw, ÖPNV, Rad und Fußwege. Aktuell wird alles dafür getan, dass der Pkw-Verkehr besser fließt, der vierspurige Ausbau Richtung Autobahnanschluss Lenting, die Unterführung an der Ettinger Straße, der Schneller Weg, wenn er mal angegangen wird. Die nächsten Ideen gibt’s ja schon, die zig Millionen verschlingen würden. Wenn man hingegen sinnvolle Ergänzungen im ÖPNV gerade im schwierigen Berufsverkehr vorschlägt, weht einem schon ganz am Anfang der Gegenwind entgegen. Das ist ein ganz grundsätzlich verankertes Ungleichgewicht. Da bietet der Verkehrsentwicklungsplan, der gerade in Bearbeitung ist, einen wunderschönen Hebel, um mal grundsätzlich was zu ändern.

 

Die Freien Wähler wollen diese Gelegenheit nutzen, um ihre Forderung nach einem Tunnel unter der Donau durchzusetzen. Was halten Sie davon?

Lauer: Nach meiner Meinung kommt man mit den 200 Millionen, mit denen die FW mal ins Rennen gegangen sind, nicht hin. Klar, mit genug Geld ist wahrscheinlich jedes Bauvorhaben machbar. Man muss nur nach China schauen, was die Kollegen da zusammenzimmern. Aber das ist natürlich das genaue Gegenteil von Gleichberechtigung der Fortbewegungsmittel. Mit hunderten von Millionen Euro die Verkehrsprobleme von Haunwöhr nach Gerolfing zu verlagern, das sehen die Grünen höchst skeptisch, das wäre mit den Grünen niemals machbar.

 

Mit dem Umweltreferenten Rupert Ebner sind die Grünen zum ersten Mal in der Stadtregierung vertreten. Hat die CSU Sie damit gezähmt?

Lauer: Das macht uns deutlich mehr handlungsfähig. Wir haben jetzt eine einflussreiche Position in der Stadtverwaltung, bekommen logischerweise Informationen, die vorher Tage, Wochen später oder gar nicht bei uns aufgeschlagen wären. Wir können jetzt auch auf dem kurzen Dienstweg Daten einfordern, das ist einfach vorteilhaft.

 

Das Interview führte

Reimund Herbst.