Salzburg

Liebe im Angesicht des Holocaust

06.08.2014 | Stand 02.12.2020, 22:23 Uhr

„Charlotte Salomon“ erzählt von einer jungen Frau (Johanna Wokalek), die mit wachen Augen und Ohren die Katastrophen ihrer Zeit erlebt. Sie selbst kommt in Auschwitz um. - Foto: Walz/Salzburger Festspiele

Salzburg (DK) Einen größeren Kontrast kann es beim glamourösen Festival an der Salzach eigentlich kaum mehr geben: herrliche Opernabende, die von Schönklang und Kulinarik nur so strotzen und dazwischen die Uraufführung eines Musikwerkes, das das Schicksal der Juden in Nazi-Deutschland zum Thema hat. Und das gerade in Salzburg, wo am Tag des „Anschlusses“ Österreichs an Deutschland 1938 die einmarschierende deutsche Wehrmacht mit schier grenzenloser Begeisterung empfangen wurde, während die jüdischen Mitbürger massiv drangsaliert oder bereits in Sammellager abtransportiert wurden.

An dieses dunkle Kapitel der Salzburger Geschichte will auch die Oper „Charlotte Salomon“ erinnern, die von der Festspielen in Auftrag gegeben worden war.

Malerin war Charlotte Salomon, keine bedeutende, aber eine sensible Künstlerin, die ihre Empfindungen über die immer offenkundiger werdende Judenhetze der Nazis in rund 800 Gouachen festgehalten hat, die sich heute in der Sammlung des Jüdischen Museums in Amsterdam befinden. 1943 wird Charlotte Salomon in ein französisches Internierungslager eingewiesen, daraufhin nach Auschwitz deportiert und dort am 10. Oktober ermordet. 26 Jahre war sie alt und im fünften Monat schwanger.

Auf der Grundlage ihrer Autobiografie „Leben? Oder Theater? – Ein Singspiel“ und des Librettos von Barbara Honigmann hat der französische Komponist Marc-André Dalbavie (Jahrgang 1961) Leben und Schicksal der Titel gebenden Charlotte Salomon vertont. Von Barockanklängen über musikalische Zitate von Mozart, Georges Bizet und der deutscher Romantiker über französische, deutsche und jüdische Volksweisen bis zu Jazzelementen und Einflüssen von serieller Musik reicht die Komposition, die – von gelegentlichen Klangeruptionen abgesehen – mit keinen großen musikalischen Höhepunkten ausgestattet ist.

Aber Regisseur Luc Bondy und Bühnenbildner Johannes Schütz destillierten aus dieser Vorlage eine ebenso vitale wie ergreifende Bilderfolge über die Entrechtung, die Verfolgung und die Ermordung jüdischer Bürger in den Jahren des Dritten Reiches. Vor den Arkaden der Salzburger Felsenreitschule visualisieren Bondy und Schütz in zwölf die ganze Bühnenbreite einnehmenden Kojen eines weißen Schachtelkastens das Leben der Familie Salomon, ihrer Verwandten, Bekannten und Freunde sowohl zeitversetzt als auch simultan.

Gespräche über Kunst und Kultur finden im großbürgerlichen Salon statt, über Politik wird ebenso diskutiert wie über familiäre Ereignisse. Ausgelassen tanzen und singen sie und feierlich begehen sie das Chanukka-Fest, bis ein SA-Trupp die Idylle stört, die Wohnung plündert, Bewohner malträtiert und zur Flucht zwingt.

Höchst eindrucksvoll hat Regie-Altmeister Luc Bondy dies in den authentischen Kostümen der 1930er Jahre (von Moidele Bickel) in Szene gesetzt, wobei er immer wieder die entsprechenden Gouachen von Charlotte Salomon auf die Bühnenrückwand projizieren lässt. Vor allem die Idee, die Titelfigur zu doppeln, um so das innere Geschehen und die äußeren Ereignisse intensiver erfahrbar zu machen, ist bestechend: Marianne Crebassa übernahm mit ihrem warmen Mezzosopran so anrührend wie aufrüttelnd den Gesangspart, während Johanna Wokalek höchst einfühlsam die erklärenden Zwischentexte spricht.

Nach einigen Sekunden der Betroffenheit spendete das Publikum allen Beteiligten enthusiastischen Applaus.