Hilpoltstein

Lehrling mit Doktortitel

Mit 40 Jahren wagt Thomas Wagner den beruflichen Neustart - Ausbildung zum Elektroniker statt Projektmanager in der Forschung

02.09.2019 | Stand 02.12.2020, 13:09 Uhr
Zwei, die sich beruflich gefunden haben: Jochen Rupprecht (rechts), der mehrere Jahre lang vergeblich nach einem neuen Lehrling suchte, und Thomas Wagner, der als Doktor der Chemie nicht glücklich wurde und jetzt mit Freude in seine Elektrotechnik-Lehre startet. −Foto: Münch

Hilpoltstein (HK) Er hat sich den Doktortitel in Chemie erarbeitet und lange für den größten Pharmakonzern der Welt geforscht. Doch sein berufliches Glück hat Thomas Wagner in all den Jahren nicht gefunden. Deshalb wagt der 40-Jährige jetzt einen völligen Neustart: Bei der Hilpoltsteiner Elektrofirma von Jochen Rupprecht begann der Nürnberger gestern seine Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. Sowohl für den 46-jährigen Chef als auch für den nur wenige Jahre jüngeren Lehrling soll es eine Zusammenarbeit mit interessanten Perspektiven werden.

 


Weil ihm gerade diese Perspektiven fehlten, hat Wagner im März die Reißleine gezogen. Ohne etwas Neues in Aussicht zu haben, kündigte er seinen Job als Projektmanager in der klinischen Forschung. "Das war's einfach nicht", sagt er im Rückblick. "Die Hälfte meines Alltags war das Ausfüllen von Excel-Tabellen. Der Rest waren Telefonkonferenzen." Und da es ohnehin nur ein Arbeitsverhältnis auf freiberuflicher Basis war, hat es dem Nürnberger eines Tages einfach gereicht.

Wagner zog den Schlussstrich unter seine Laufbahn als Chemiker, die für ihn schon seit dem Diplom-Abschluss im Jahr 2006 nicht so verlaufen war wie erhofft. Schon als Promotionsstudent in Berlin hatte er mehr mit den strukturellen Schwierigkeiten der Universität und den Organisationsaufgaben für seinen Doktorvater zu tun als mit der Chemie, wie er erzählt. Und nach der erfolgreichen Promotion im Jahr 2013 traf er dann auf einen Arbeitsmarkt, der für Chemiker mit Doktortitel "sehr schwierig" war. Auch an einer Universität zu bleiben, war für Wagner keine Perspektive: "Da kann man fleißig sein wie man will. Wenn man nicht Glück mit seinem Forschungsthema hat, dann gibt's da nichts zu gewinnen." Und diesem Zufallsspiel wollte er sich langfristig einfach nicht aussetzen.

Der erste Weg nach der Kündigung führte den 40-Jährigen zu seinem Onkel, der als Zimmerermeister arbeitet. Schon in den Schulferien hatte Wagner dort oft und gerne mitgearbeitet. Doch dieser Beruf hatte für ihn schnell den Reiz von früher verloren. "Ich würde ja am liebsten alles mit der Hand machen", sagt Wagner. Doch die heutige Arbeit als Tischler oder Zimmerer ist ihm zu stark automatisiert, als dass er langfristig daran Gefallen gefunden hätte.

Das zweite Praktikum wurde dagegen ein Volltreffer. Ein Freund, der eine Maschinenbaufirma besitzt, stellte den Kontakt zu Jochen Rupprecht her, der sich schon seit mehreren Jahren vergeblich um einen neuen Lehrling bemüht. Und schon am Ende der Probewoche im Juli war für den Hilpoltsteiner Firmenchef und den 40-jährigen Quereinsteiger klar: "Bei uns stimmt die Chemie."

Im Gegensatz zu so manchem Schülerpraktikanten, der innerhalb einer Woche schon die Lust an der Arbeit verlor, habe ihn Thomas Wagner mit seiner Einsatzbereitschaft von Anfang an überzeugt, sagt Rupprecht. "Ich will ja was lernen", entgegnet sein neuer Auszubildender, der an seinem ersten Arbeitstag gleich die ganze Vielfalt des neuen Berufs erahnen konnte. Erst ging es mit dem Chef zu verschiedenen Privatkunden, um Steckdosen zu montieren, dann wurde eine Baustelle mit Strom versorgt, und nach der Reparatur einer Industriepresse ging es weiter zu einem Großkunden, für den Rupprechts Firma viele Installations- und Instandhaltungsarbeiten übernimmt.

"Als Lehrling bei uns wird Thomas quasi eine eierlegende Wollmilchsau", scherzt Rupprecht. "Starkstrom, Schwachstrom, Haustechnik, Industrietechnik, Antriebstechnik - das alles bekommt er auf unseren Baustellen genau mit und lernt es von der Pike auf. Eigentlich sind das gleich mehrere Ausbildungen auf einmal."

Kein Wunder, dass Jochen Rupprecht auch schon eine Idee hat, was aus seinem Lehrling mit der außergewöhnlichen Laufbahn noch werden soll. Thomas Wagner soll für den Hilpoltsteiner Betrieb der Experte für Bus-Systeme und das Thema "Smart Home" werden. "Ich bin dafür zu dumm - er nicht", sagt Rupprecht über seinen Azubi mit Doktortitel, für den er auch bereit ist, nach den zweieinhalb Lehrjahren (mehr darf auch ein Azubi mit Doktortitel nicht verkürzen) eine neue Sparte in seinem Unternehmen zu gründen.

Bis dahin muss Thomas Wagner erst einmal wie alle anderen Lehrlinge die Berufschule besuchen. Aber ausgerechnet dieses Thema bringt dem promovierten Lehrling und seinen Lehrherrn einigen Ärger. Obwohl es der Nürnberger bis zur nächsten Berufschule nur zwei Kilometer hätte, muss er trotz eines gestellten Gastantrags zumindest vorerst die Berufschule in Roth besuchen und zur überbetrieblichen Schulung sogar bis nach Weißenburg fahren. 130 Kilometer täglich - "ein Unding für einen Lehrling", findet Jochen Rupprecht, der seinem neuen Mitarbeiter aber Unterstützung zusichert. Schließlich wollen sie ja den Weg in die Zukunft gemeinsam gehen.

Und was passiert nun mit der Leidenschaft von Thomas Wagner für die Chemie, wenn er den Weg zur Elektrotechnik eingeschlagen hat? Ihm bleibt ja noch die "Hauschemie", wie er sagt. Als Hobbykoch tischt er oft und gerne für seine Lebensgefährtin auf. Und wenn einmal ein Freund etwas Hilfe beim heimischen Aquarium benötigt, dann rückt er gerne mit dem professionellen chemischen Werkzeug an, um den Salzgehalt im Wasser perfekt zu bestimmen und neu einzustellen. "Aber das alles ist dann für mich nur noch Chemie für den Feierabend."
 

 

Jochen Münch