Kelheim

"Krankenhäuser müssen kein Geld verdienen"

Demonstrationen in Kelheim und Mainburg für Erhalt der Kliniken - Kritik an Abschaffung des Zivildienstes

01.03.2020 | Stand 02.12.2020, 11:51 Uhr
Mit großflächigen Transparenten marschierten die Teilnehmer an der Demonstration für die Goldberg-Klinik durch Kelheim. −Foto: Ehrlich

Kelheim/Riedenburg - Eine Demonstration für den Erhalt der Krankenhäuser im ländlichen Raum hat am Freitag in Kelheim stattgefunden. Zu der Veranstaltung aufgerufen hatten das Aktionsbündnis "Schaltjahr für Krankenhäuser - Stoppt das Krankenhaussterben im ländlichen Raum." Dem von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung initiierten Bündnis haben sich mittlerweile der DGB, der VdK, die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Hebammen der Goldberg-Klinik angeschlossen.

 

Um 14 Uhr setzte sich der Demonstrationszug von der Goldberg-Klinik in Richtung Kelheimer Rathaus in Bewegung. Etwa 150 bis 200 Menschen nahmen an dem Protestmarsch teil. Die Goldberg-Klinik ist die wichtigste medizinische Einrichtung im Norden des Landkreises und damit auch für Riedenburg.

Bei der Abschlusskundgebung vor dem Kelheimer Rathaus begrüßte der KAB-Kreisvorsitzende Walter Schmid die Teilnehmer. Er betonte in seiner Rede, dass es nicht nachvollziehbar sei, warum Krankenhäuser immer Gewinn machen müssten. "Krankenhäuser haben ihre Daseinsberechtigung, weil sie wichtig und für die Gesundheit der Bevölkerung unverzichtbar sind", sagte er. Polizei, Feuerwehr, Schulen müssen auch keinen Gewinn machen, weil sie einfach notwendig sind, aber bei Krankenhäusern wird dieses Thema immer wieder angeprangert", beklagte der KAB-Vorsitzende. "Ich finde es pervers, wenn mit der Krankheit der Menschen ein Gewinn erzielt werden soll", ergänzte er.

Schmid lobte aber auch ausdrücklich die Kommunalpolitiker, die fast ausnahmslos hinter den Krankenhäusern im Landkreis stehen. Seine Kritik ging hauptsächlich in Richtung Berlin. Seine Rede wurde immer wieder von Applaus unterbrochen.

 

Grußworte sprachen Kelheims Bürgermeister Horst Hartmann (SPD), Landrat Martin Neumeyer (CSU), Hans Kleehaupt vom DGB und Willi Dürr, der Vorsitzende des Fördervereins der Goldberg-Klinik. Alle Redner betonten die Wichtigkeit der regionalen Krankenhäuser und die Notwendigkeit einer wohnortnahen medizinischen Versorgung. Parteiübergreifend äußerten sie Kritik an den Schließungen von kleinen Krankenhäusern auf dem Lande. So sagte Bürgermeister Hartmann: "Ich bin froh, dass ein starkes Bündnis da ist, das bis nach Berlin gehört wird. Wir müssen wegkommen von dem Wahn, dass Krankenhäuser Geld verdienen müssen. Wir haben ein Recht auf gute medizinische Versorgung."

Landrat Neumeyer betonte wie dankbar er sei, dass es im Landkreis Kelheim zwei Krankenhäuser gibt. "Gesundheit ist wichtig", sagte er. "Wir dürfen Krankenhäuser nicht ökonomisieren. Fast der komplette Kreistag und der gesamte Landkreis stehen hinter den Krankenhäusern", sagte Neumeyer.

Hauptredner bei der Kundgebung war Michael Reng, Chefarzt an der Goldberg-Klinik. In seiner humorvollen, aber auch ernsten Rede betonte er mehrere Punkte, die bei einer Schließung der regionalen Krankenhäuser drohen.

Zum einen werde es in der Region deutlich weniger niedergelassene Ärzte und Fachärzte geben. "Die meisten Fachärzte lassen sich in der Nähe der Klinik nieder, an der sie ausgebildet wurden. Dies hängt damit zusammen, dass ein Arzt am Ende seiner Facharztausbildung in der Regel zwischen 33 und 35 Jahre alt ist. Eine Zeit also, in der die Kinder bereits in den Kindergarten oder in die Schule gehen und in der man schon seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat," erklärte Reng. Wenn also ein Arzt zum Beispiel an einer Klinik in München oder Nürnberg ausgebildet wurde, bleibe er in der Regel auch dort.

 

"Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Notarztversorgung in der Region," erklärte der Chefarzt. "Die meisten Notärzte arbeiten in den Krankenhäusern und fahren von dort aus zu ihren Einsätzen. Gibt es nur noch wenige große zentrale Kliniken, bedeute dies im Notfall eine weitere Anfahrt zum Patienten und für diesen eine längere Wartezeit auf den Arzt. Eine rasche Behandlung sei bei lebensbedrohlichen Notfällen aber oft entscheidend. Auch hätten die Erkrankten oder Verletzten zum Teil eine Anfahrt von mehr als 30 Minuten zum nächsten Krankenhaus, was ebenfalls oft problematisch sei, erklärte der Arzt.

Gegen den Vorwurf, dass in den kleinen, ländlichen Krankenhäusern eine schlechtere medizinische Versorgung angeboten werde, wehrte sich Reng vehement. "Wir leisten eine sehr gute Arbeit," sagte er. "Ich habe Ärzte ausgebildet, die jetzt an Uniklinken arbeiten. Während manche Kliniken bestimmte Fälle gar nicht aufnehmen und sich nur die Rosinen herauspicken, werden in einer Klinik der Basisversorgung, wie dies in Kelheim der Fall ist, auch sehr schwierige Fälle aufgenommen und erstversorgt."

Aus Rengs Sicht war es ein sehr großer Fehler, die Pflegeschule in Kelheim abzuschaffen. Ebenso bedauerte er den Wegfall des Zivildienstes. "Wenn die jungen Leute einmal gesehen haben, wie schlecht es einem Menschen gehen kann und wie wir helfen können, dann haben sie für die Zukunft mit Sicherheit eine andere Einstellung zu medizinischen Berufen," sagte der Chefarzt. Er erinnerte an die Problematik der älter werdenden Babyboomer Jahrgänge. "Wenn die alle demnächst öfters ins Krankenhaus müssen, wird es dort aber richtig voll und als Patient hat man dann wenig Optionen."

Ein Satz von Reng dürfte mit Sicherheit allen Teilnehmer aus der Seele gesprochen und zum Nachdenken angeregt haben: "Wir alle hier, Ärzte, Schwestern, Pfleger und Verwaltung, arbeiten wie die Deppen, nehmen am Abend Arbeit mit nach Hause, um das Pensum zu schaffen und am Schluss bekommen wir gesagt: Sie lohnen sich nicht."Michael Reng erhielt für seine offene, unterhaltsame und pointierte Rede kräftigen und langanhaltenden Applaus.

Mehr als 100 Menschen gingen am Samstagvormittag auch in Mainburg auf die Straße, um für den Erhalt des dortigen Krankenhauses zu demonstrieren. Wie schon tags zuvor bei der Veranstaltung für die Goldberg-Klinik forderten die Demonstranten mehr Geld aus der staatlichen Krankenhausfinanzierung, damit gerade Kliniken auf dem Land nicht weiter in Schieflage geraten. Denn, so meinte ein Teilnehmer am Rande der Demonstration: "Es krankt am System." 

ehb/DK