Neuburg

Komödie im Dunkeln

Die Neuburger Kammeroper entdeckt Einakter von Louis Joseph Ferdinand Hérold

22.07.2019 | Stand 02.12.2020, 13:27 Uhr
Roland Dippel
Da bedarf es eines frechen Plans und einer klugen Komplizin (Ines Vinkelau), wenn man als toter, doch verliebter Dichter plötzlich nicht mehr so tot sein will. Karsten Münster schafft es in dem Opern-Einakter "Der tote Dichter lebt". −Foto: Heumann

Neuburg (DK) In der Hütte bei der Maultiertreiber-Herberge ist es dunkel und deshalb beim verbotenen Rendezvous die delikate Verwechslung vorprogrammiert. Der ideale Stoff für eine französische Opernkomödie: Enrique küsst versehentlich die junge Wirtsgattin Inesia, will aber eigentlich ran an dessen Mündel Zerbine. Am Ende kommen die Richtigen zusammen und Gastwirt Rodrigo muss ein noch achtsameres Auge auf seine Inesia haben.

Das klingt nach einer unbekannten Operette von Jacques Offenbach. Für die Neuburger Kammeroper, die wie immer an den beiden letzten Juli-Wochenenden für fünf Vorstellungen im dortigen Stadttheater residiert, wäre das allerdings zu populär und trendig. Mindestens 24 französische Einakter und abendfüllende Opern hat das Ensemble um Horst und Annette Vladar bereits einstudiert, wie die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes in ihrem Grußwort bewundernd erwähnt. Immer verstiegen-exotischer und damit einen Kick sensationeller werden die Titel zwangsläufig. Im 51. Jahr des Bestehens der Neuburger Kammeroper wandelt sich die Aufgabe des Ensembles geringfügig. Noch immer ist es so, dass man Werke erlebt, die weltweit exklusiv sind. Aber anstelle einer Pionierfunktion übernimmt man im Jahr 2019 mit zwei Einaktern des 1833 im Alter von nur 42 Jahren an der Schwindsucht verstorbenen Louis Joseph Ferdinand Hérold auch Verdichtungs- und Ergänzungsaufgaben: Die Ouvertüre zu "Zampa" war ein Wunschkonzert-Hit, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg vergessene Zugstück kam vor einigen Jahren in Gießen heraus und im französischen Opernprojekt Palazetto Bru Zane wurde 2015 Hérolds Hauptwerk "Le Pré aux Clercs" ("Die Schreiberwiese oder der Zweikampf") mit enthusiastischem Medienecho auf CD veröffentlicht. Daran dockt die Neuburger Kammeroper an.

Dieses Jahr teilten sich Prinzipal Horst Vladar für "Der Maultiertreiber" ("Le muletier", 1823) und Michael Hoffmann für "Der tote Dichter lebt" ("L'Auteur mort et vivant", 1820) die Regieaufgaben in Michele Lorenzinis liebevoller Ausstattung. Heute sind die Prospekte mit mediterranen Torbögen und idyllischer Landschaft gedruckt, früher waren sie gemalt. Wie immer haben die Kostüme biedermeierlichen Charme mit dezentem Verweis in unsere Gegenwart: Gehrock für den Dichter Dorville (Karsten Münster), Gascogner Gutsherren-Outfit für den in den beiden Stücken mit wechselndem Glück um seine Wunschfrau kämpfenden Spieltenor (Wilfried Michl) und leicht ins Trachtige spielende Kleider für die zum Glück vokal mehr selbstbewussten als sentimentalen Damen (Laura Faig, Ines Vinkelau). Das passt ideal für einen Sommer auf dem Lande. In der wie immer selbstgemachten, deutschen Übersetzung verzahnen die Vladars Teil Eins und Zwei des Abends: Der Dramatiker Dorville muss sich erst als tot ausgeben und auf einem ländlichen Domizil incognito weiterschreiben, um in Paris zu reüssieren und schließlich doch noch an die Académie française berufen zu werden. Nach der Pause erlebt man die Uraufführung jenes Stücks, für dessen dramatische Zuspitzung Dorville die Liebeszankereien von Denise und Pierre genauestens studiert hatte.

Hérold vertonte die beiden Einakter auf Texte Eugène de Planards und des für seine pikanten Romane berühmten Paul de Kock. Da wird mit heute schon anrüchiger Wucht und Überzeugungseifer geflirtet, Süßholz geraspelt und gebaggert. Die Neuburger Kammeroper hat einen derart beneidenswerten Überschuss an Tenören, dass Michael Hoffmann den Bariton-Part des Rodrigo übernimmt. Und Goran Cah zeigt nicht nur den Sunnyboy: Als verschuldeter Geck Florival hat er das Nachsehen und schafft es im zweiten Teil nur knapp, dem Macho Enrique doch noch einen Sympathiebonus zu verschaffen.

Alois Rottenaicher und die Musiker des Akademischen Orchesterverbands München lassen Kriterien der historisch informierten Aufführungspraxis beiseite. Bei ihnen klingt französische Opéra comique wie deutsche Spieloper. Das ist legitim wie die kleine filigrane Besetzung. Manchmal reißen die Solisten auf der Bühne im Eifer des Spielgefechts die Entscheidung für das stimmige Tempo an sich. Nicht zuletzt kommen viele Fans vor allem für den beträchtlichen musikgeschichtlichen Erkenntnisgewinn zu den Vorstellungen. Dieser ist auch 2019 essenziell.

Man hört, dass Albert Lortzing und mit ihm fast alle deutschen Opernkomponisten kurz vor Wagner dem leichteren französischen Operngenre weitaus mehr Errungenschaften der Formen und Flexibilität des musikalischen Satzes verdanken als Mozart. Man hört auch, dass Hérold ein großer Bewunderer Rossinis war. Sogar der Applaus ist in der fast ausverkauften Vorstellung wie früher. Begeistert und aus Freude ein bisschen übereilt. Kein Wunder, denn in jeder Entdeckung der Neuburger Kammeroper findet sich mindestens eine Szene mit Ohrwurm-Qualitäten: In "Der Maultiertreiber" ist es das berückend schöne Duett von Inesia und Enrique. Schon dafür lohnt sich der Besuch.

Roland Dippel