Kolumne: Bundestrainer Thomas Tuchel

31.01.2021 | Stand 09.02.2021, 3:33 Uhr
Zweites Spiel, erster Sieg: Trainer Thomas Tuchel und der FC Chelsea haben gegen Burnley gewonnen. −Foto: afp

Ab sofort schauen wir trotz des Brexits wieder öfter auf die Insel.

Seit Thomas Tuchel beim FC Chelsea angeheuert hat, geht der Blick nicht nur nach Liverpool zu Jürgen Klopp, sondern auch wieder nach London. Zwei deutsche Trainer bei zwei der erfolgreichsten englischen Klubs des vergangenen Jahrzehnts sind eine Auszeichnung für den deutschen Fußball. Über die deutschen Profis lässt sich das nicht behaupten:
Gerade mal Ilkay Gündogan ist als Nationalspieler bei einem Spitzenklub in der Premier League gesetzt. Ein Spiegelbild davon, wie es ungeschminkt um den Leistungsstand des deutschen Fußballs steht. Die anderen Bundesliga-Exporte, die noch irgendwo in der Premier League unter Vertrag sind, sind über dem Zenit, hatten nie einen oder ihn noch in ferner Zukunft. Dazu gehören vor allem die beiden Sommer-Neuzugänge Timo Werner und Kai Havertz, denen ihre Transfersummen (50 und 80 Millionen Euro) beim FC Chelsea bisher wie eine Eisenkugel am Bein zu hängen scheinen. Sie kommen kaum vom Fleck. Deshalb steht für Thomas Tuchel nicht nur die Mission in eigener Trainer-Sache an - nach dem 2:0-Sieg gegen Burnley am Sonntag lässt diese sich gut an -, sondern etwas pathetisch formuliert wartet auch eine nationale Aufgabe: Die beiden Nationalspieler in EM-Form zu bringen. Wenn man so will, wird Tuchel an der Themse damit zum Bundestrainer oder zumindest zu Joachim Löws vielleicht wichtigstem Assistenten.

Der andere, nicht minder bedeutende Assistent Löws sitzt natürlich an der Isar - und das einerseits auf einem Schatz, andererseits auf einem Haufen Problemfällen. Joshua Kimmich und Manuel Neuer sind die unbe- strittenen Leader auch im Nationalteam. Aber besonders Serge Gnabry und Leroy Sané muss Hansi Flick in die Spur bringen, wollen sie bei der EM Faktoren werden - oder überhaupt dabei sein. Die Meisterschaft ist dem FC Bayern so gut wie sicher, die Champions League rückt in den Fokus, die nationale Aufgabe mit der Spielerentwicklung der Sorgenkinder darf dabei nicht aus dem Blick geraten. Sonst muss irgendwann der furios aufspielende Thomas Müller auch noch zur WM 2026 gefragt werden, ob er sich mit Mitte 30 eine Rückkehr ins Nationalteam vorstellen kann. Bisher hat ihn kein Konkurrent vergessen werden lassen - auch das ist ein entlarvendes Indiz für den Zustand der Fußball-Nation.

Christian Rehberger