KONZERT

Klaviersturm in der Galerie

Jacob Katsnelson gab ein spannendes Konzert in Gundamsried

18.11.2019 | Stand 02.12.2020, 12:35 Uhr
Der Moskauer Pianist Jacob Katsnelson präsentierte Werke von Händel, Scarlatti und Chopin im vermutlich kleinsten Konzertsaal Deutschlands - der Galerie Pennartz. −Foto: Gorna

Gundamsried (DK) Mehrere Jahre bereits hat es in der kleinen, wohnzimmerartigen Galerie Pennarz keine Konzerte mehr gegeben - bis zum Wochenende. Jacob Katsnelson (43), der am berühmten Moskauer Konservatorium als Professor lehrt, präsentierte Werke von Georg Friedrich Händel, Domenico Scarlatti und Frédéric Chopin.

Der Grund für das erneute Aufnehmen der Konzert-Veranstaltungen liegt in der in München lebenden Pianistin Anna Gourari. Seit 2019 leitet die gebürtige Russin die Reihe Musicae mit Konzerten an verschiedenen Orten, vorwiegend allerdings in München. Das Konzept ist überzeugend und erfolgreich, die Künstler sind durchaus namhaft. In ihre Konzertreihe miteinbezogen hat Gourari nun auch den wahrscheinlich kleinsten Konzertsaal Deutschlands, eben die Galerie von Magdalena Pennarz in Gundamsried mit ihren rund 30 Plätzen.

Eigentlich ist das ein viel zu kleines Forum für einen so fulminanten Pianisten wie Katsnelson. Und auch ein zu kleiner Raum für die enorme Ausstrahlung dieses Künstlers. Gleich am Anfang rast ein Sturm durch die kleine Galerie, wenn der Moskauer mit enormem Furor das Präludium aus Händels d-Moll-Suite HWF 428 durchhastet. Da ist nichts zu spüren von der Lieblichkeit anderer Darstellungen, vom weichen Rubato, das die Gewalt der Sechzehntelläufe abmildern könnte. Nein, Katsnelson argumentiert messerscharf am Klavier, die darauffolgende Fuge triumphiert vor rhythmischer Präzision und glasklarer Durchsichtigkeit. Was den Russen allerdings nicht daran hindert, im Sinne der historischen Aufführungspraxis das Werk mit zahlreichen Verzierungen auszukleiden.

Auch die darauffolgende kleine Auswahl der stets einsätzigen Sonaten von Scarlatti ist keine glattgeschliffene Salonmusik des Barock, sondern ernsthafte Auseinandersetzung in höchster Virtuosität. Diese Meisterwerke gefielen in der Vergangenheit besonders großen romantischen Pianisten, die die Werke wie kleine Charakterstücke behandelten und sie voller pianistischer Raffinesse eher in die Nähe eines Rachmaninows oder Schumanns rückte, als in diejenige Bachs oder Händels. In dieser Tradition steht auch Katsnelson, wenn er seine enorme spielerische Fantasie einsetzte, schroffe Kontraste entwickelte, verhauchtes Pianissimo-Schwelgen genauso wie orchestrale Effekte.

Die Ernsthaftigkeit des Zugangs ist dann sogar bei Chopins Walzern zu hören, bei denen er vor allem die gezielt komponierten Irritationen, die Entgleisungen in harmonische Abwege hervorkehrte als die lässig-unterhaltsamen Partien. Aber eigentlich spielt Katsnelson Chopin ungeheuer authentisch, nicht unbedingt sehr originell, aber schlüssig und vollendet. Das traf auch auf den virtuosen Ausklang des Abends zu, das Scherzo in cis-Moll. Katsnelson legte ein enormes Tempo vor, die schnellen Achtelkaskaden rieselten wie kaum mehr ortbare Klanggebilde durch den Raum. Schließlich endet alles in einem Tumult, einem wütend-virtuosen Klanggewitter, der die Dimensionen der Galerie bei weitem sprengte.

Bravos und Applaus des Publikums, das sich sicher sein konnte, eine Sternstunde eines der spannendsten Pianisten unserer Zeit erlebt zu haben.

Jesko Schulze-Reimpell