Ingolstadt

Klatschen und Wedeln

Lesung mit Gebärdendolmetscherin: Schriftsteller der Region stellen ihre Werke in Vronis Ratschhaus vor

25.02.2018 | Stand 02.12.2020, 16:46 Uhr

Michael Kleinherne las aus seinem Roman "Die Aktion", Ronja Kunze übersetzte engagiert in Gebärdensprache. - Foto: Hammerl

Ingolstadt (DK) Ronja Kunzes Finger bewegen sich flink durch die Luft, ihre Lippen formen Buchstaben oder unhörbare Laute. Die gesamte Gesichtsmimik arbeitet mit, als sie in Gebärdensprache übersetzt, was Carmen Mayer, Michael Kleinherne und Elisabeth Schinagl aus ihren Krimis vorlesen.

Als "ziemlich radikal" hat zunächst Veronika Peters das Buch "Die Aktion" von Kleinherne angekündigt, ihn als "Mann mit langen Haaren, aber dennoch sehr männlich", vorgestellt und verraten, dass Mayer "immer einen roten Schal trägt". Was die bestätigt - "wegen der Falten". So aufgekratzt beginnt der ungewöhnliche Krimiabend unter dem Motto "Bomben, Tote und Intrigen" in Vronis Ratschhaus; fröhlich bezeugt die Hälfte der Zuhörer mit wedelnden Händen Begeisterung, der Rest klatscht. Ganz besonders kräftig wird gewedelt, als Peters Ronja Kunze vorstellt, die sogar zwei Praktikanten mitgebracht habe, denn es gebe viel zu wenige Gebärdendolmetscher, die sich daher dringend vermehren müssten. All das übersetzt Kunze simultan, und die Botschaft kommt bestens an.

Kleinherne beginnt "der Einfachheit halber mit dem ersten Kapitel", stellt seine Protagonisten vor, drei junge Paare, international zusammengesetzt, die sich in einem Haus in der Provence treffen, um eine Aktion vorzubereiten. Anlass sind "illegale Migranten, die um Hilfe riefen, denen aber niemand zuhörte". Um welche Aktion es genau geht, bleibt natürlich im Ungewissen, stattdessen erleben die Lesungsbesucher einen Teil der Anfahrt von Jules und Mona mit. Die beiden erzählen sich gegenseitig Kindheitserlebnisse, ausgelöst durch einen Unfall, bei dem Jules einen Hund überfahren hat, was er Mona aber nicht eingestehen will. Mit den vielen Dialogen, den Gedanken der Protagonisten und den Zeitsprüngen eine sicher schwierige Aufgabe für Kunze, die sie jedoch recht entspannt löst. Dabei zeigt ihre Körperhaltung - je nachdem, welche Schulter nach vorne zeigt - an, wer gerade spricht.

Die größte Herausforderung aber stellt Carmen Mayer an die Gebärdensprachdolmetscherin, und das schon, ehe sie den ersten Satz gelesen hat. Denn der Titel ihres Ingolstädter Lokalkrimis lautet "Kellerasseln", und dafür gibt es kein Pendant in der Gebärdensprache. Also umschreibt Kunze, gebärdet "kleine, graue Käferchen, die Schatten mögen" und geht in Dialog mit dem Publikum, das den Begriff mit ihr gemeinsam erarbeitet. Was hat der Mord an einem Drogen dealenden Zuhälter mit dem Fund einer Babyleiche zu tun? Die Lösung verrät Mayer natürlich nicht, denn die hält ihr Mann später am Klavier bereit, das als Büchertisch herhalten darf. Stattdessen gibt es Einblicke in die Gerichtsmedizin, Abgründe auf dem Schulhof, von denen die Kinder der jungen Kommissarin Maxi Wöhrl mitbetroffen sind und eine Runde Mitleid für den hitzeleidenden Kommissar Braunagel.

Mit verteilten Rollen als Erzählerin und Titelheld Enrico Francobaldi geben Elisabeth Schinagl und ihr Mann Heinrich Gartmair Kostproben aus ihrem historischen Kriminalroman "Francobaldi", beginnend mit einem eher philosophischen Tagebucheintrag, in dem er beklagt, in welch verschlafener Provinzstadt namens Eichstätt er gelandet sei. Was von einigen Zuhörern mit zustimmenden Gebärden kommentiert wird - sie sind offensichtlich voll bei der Sache und amüsieren sich bestens.

Ein ominöser Brief des Fürstbischofs zitiert Francobaldi für einen Geheimauftrag in dessen Räume, ein verbotener Roman Jean-Jaques Rousseaus bringt ihn in eine unangenehme Situation, und am Ende führt eine Spur nach Ingolstadt. Dort serviert Francobaldi eigenhändig im proppenvollen Ratschhaus zu Schmalz- und Frischkäsebroten ein Modegetränk aus seiner Zeit, ein "Goldwasser" des Jahrgangs 1598, original aus Danzig und natürlich mit darin schwimmenden, garantiert 24-Karat-Goldflocken. Am Ende wandert sein Dreispitz durch die Reihen beziehungsweise an den Ausgang, um - statt Eintritt - Spenden zugunsten des Gehörlosenvereins zu generieren, dessen Vorsitzender Alexander Exner den Krimiabend mitinitiiert hat.