Eichstätt

Kettenreaktion nach Kabeldefekt

Ein Tag nach dem bis dato längsten Stromausfall in der Stadt : Schaden bei Ledvance wohl sechsstellig

14.06.2019 | Stand 23.09.2023, 7:24 Uhr
Donnerstagabend in der Klinik-Tiefgarage: Die Feuerwehr rückt mit dem Lüfter an. −Foto: Feuerwehr/Mederer

Eichstätt (EK) Freitagmorgen: Tag eins nach dem bis dato längsten Stromausfall in der Eichstätter Geschichte. Ein Dutzend Stadtwerke-Mitarbeiter hat eine äußerst stressige und arbeitsreiche Nacht hinter sich. Bis 3 Uhr in der Früh mussten letztlich per Hand gut 340 Sicherungen aus rund 150 Kabelverteilerkästen im Stadtgebiet ausgewechselt und die Leitungen wieder aufgebaut und zugeschaltet werden. Als die Eichstätter langsam wieder aufwachen, ist der Strom nach bis zu siebenstündiger Unterbrechung wieder da - und das großes Aufräumen, Begutachten der Schäden und Rechnen beginnt.

Den massivsten wirtschaftlichen Schaden wird wohl Ledvance im Industriegebiet zu vermelden haben. Dabei waren der High-Tech-Lampenhersteller ebenso wie die Metallbaufirma Weitner nur gut eine Stunde vom Netz, weil die Fabriken im Industriegebiet nicht ans Niederspannungsnetz, sondern direkt an den Mittelspannungsring angeschlossen sind - davon später mehr. Während Geschäftsführerin Michaela Weitner davon ausgeht, dass die Schadenshöhe in ihrer Maschinenbaufirma vermutlich im vierstelligen Bereich liegen dürfte, muss Ledvance-Werkleiter Harald Rotter in seiner Fabrik wohl mit einem deutlich höherem Schaden rechnen: Einen abschließenden Überblick hat der Werkleiter am Freitag noch nicht, das wird noch bis Montag dauern. "Aber sechsstellig dürfte die Schadenshöhe schon ausfallen", schätzt Rotter auf Nachfrage unserer Zeitung - auch weil das Netz dann immer wieder geschwankt hatte und durch diese kurzen "Wischer" die hochsensible Elektronik der Anlagen gehörig aus dem Takt gekommen ist. Zu den betroffenen Teilen der Fertigung gehören die LED-Lampenspot- und die Halogen-Niedervolt-Fertigung: "Das war schon ziemlich heftig", sagt Rotter. Er wird den Schaden selbstverständlich den Stadtwerken melden.

Stadtwerkeleiter Wolfgang Brandl rechnet natürlich mit weiteren Schadensersatzforderungen von Geschäftsleuten oder vermutlich auch von Privatleuten, die er allesamt seiner Versicherung weiterreichen wird. Große Hoffnungen, dass es wirklich Entschädigungen gibt, macht er den Geschädigten allerdings nicht. Er beruft sich dabei auf § 18 der Niederspannungsanschlussverordnung, dessen Inhalt verständlich ausgedrückt bedeutet: Wenn der Stromanbieter den Schaden nicht vorsätzlich oder fahrlässig verursacht hat, dann ist er nicht haftbar, dann ist es quasi "höhere Gewalt". Oder wie in diesem Fall einfach immenses Pech, dass ein technischer Defekt an einem Kabel eine derartige Kettenreaktion ausgelöst hat, die letztlich dafür sorgt, dass gut 40 Prozent des kompletten Stromnetzes der Stadt über mehrere Stunden zusammenbrechen. Beim bis dahin größten Blackout im Januar 2017 waren zwar tatsächlich 100 Prozent des Netzes betroffen - allerdings war der Defekt damals insgesamt nach einer Stunde geortet (er lag im Umspannwerk Preith) und wieder überbrückt.

Und jetzt ein Stromausfall über bis zu sieben Stunden? Wie kann das passieren heutzutage? "Auslöser war ein Kurzschluss im Mittelspannungsnetz", erklärt Wolfgang Brandl, verursacht durch einen Kabeldefekt zwischen Altem Stadttheater und Residenzplatz. Dadurch fiel der gesamte Mittelspannungsring, der von der Industriestraße über die Trafostationen am Landratsamt, Gabrieli-Gymnasium, Krankenhaus, Spindeltal und wieder zur Industriestraße führt, aus. Daraufhin brannte wegen der Überlastung ein Schutzwechsler an der Trafostation an der Klinik Eichstätt durch. In der Folge davon musste nicht nur die Feuerwehr ausrücken und den Traforaum samt Tiefgarage lüften, sondern die Klinik musste auch ihr Notstromaggregat anwerfen. Doch damit nicht genug: Der Fehler verbreitete sich in das Niederspannungsnetz, an das die Privathaushalte angeschlossen sind. Die komplette Innenstadt, das Buchtal hinauf bis zum Seidlkreuz, Westen- und Rebdorfer Straße, Ostenstraße, Ostenvorstadt, Römerstraße und Teile der Sollnau waren betroffen. In den insgesamt rund 150 Kabelverteilerkästen im Stadtgebiet flogen reihenweise die Sicherungssätze raus.

Dies musste dann eben bis in die Nacht erst einmal geortet und Verteilerkasten für Verteilerkasten manuell repariert werden, deshalb war der Stromausfall in einigen Straßenzügen schneller behoben als in anderen, was in den sozialen Netzwerken ebenso rege diskutiert wurde wie das kuriose Phänomen, dass etwa in verschiedenen Räumen zum Beispiel das Licht ging, aber der Kühlschrank nicht. Was dem Laien seltsam vorkam, erscheint dem Experten logisch. "Die Stromkreise im Niederspannungsnetz sind auf drei Phasen verteilt", erklärt Brandl. In Haushaltsanschlüssen, in denen nicht alle drei Phasen ausgefallen sind, brannte mal das Licht, mal ging der Kühlschrank, mal der Fernseher und gelegentlich sogar der Wlan-Router. Das hängt davon ab, welcher Stromkreis im Haushalt auf welcher Phase geschaltet ist.

Dass eine ganze Reihe von Haushalten und Büros dagegen auch Freitagfrüh noch kein Telefonfestnetz hatte, lag wiederum daran, dass in den Stromversorgungskästen der Telefonanbieter - die digitale Telefontechnik braucht im Gegensatz zur früheren analogen Technik eine eigene Stromversorgung - wegen der streckenweise Überlastung ebenfalls reihenweise Sicherungen "geflogen" sind und im Laufe des Tages erst ausgewechselt werden mussten.

Der defekte Kabelstrang am Alten Stadttheater bleibt bis auf weiteres abgeschaltet, dank der Ringschaltung der Mittelspannung läuft die Energieversorgung auch so ohne bemerkenswerte Beeinträchtigungen. Eine Dauerlösung ist das freilich nicht: "Wir überlegen schon, dass wir da zügig aufmachen und das Kabel erneuern." Der Vorfall zeigt für Brandl zweierlei: "100-prozentige Sicherheit gibt es nicht" und: "Unsere Bauarbeiten, über die oft geschimpft wird, haben schon ihren Sinn."

 

Eva Chloupek