Ingolstadt

Karrr brrr sarrr

Caroline Stolz inszeniert Ibrahim Amirs Komödie "Habe die Ehre" im Kleinen Haus des Stadttheaters Ingolstadt

29.01.2017 | Stand 02.12.2020, 18:44 Uhr

Familienleben mit Mord und Totschlag: Marc Schöttner (links), Olaf Danner und Teresa Trauth in "Habe die Ehre". - Foto: Klenk

Ingolstadt (DK) Geranien vor dem Fenster, eine Satellitenschüssel auf dem Balkon, Geweih über der Tür, Wandvertäfelung, Kelim auf fahlem Teppichboden, Sitzlandschaft mit Zierkissen in Samtgrün, darauf Männer in Braun-Grau, die Männergeschichten erzählen - laut, derb, mit großen Gesten und merkwürdigen Zwischenfragen.

In diesem herrlich miefigen Wohnzimmer von beängstigender Durchschnittlichkeit (Bühne und Kostüme: Jan Hendrik Neidert und Lorena Díaz Stephens) beginnt Ibrahim Amirs Stück "Habe die Ehre" im Kleinen Haus des Stadttheaters Ingolstadt äußerst vielversprechend.

"Habe die Ehre": Was wie eine leicht dahingesagte Grußformel klingt, meint hier etwas Existenzielles. Denn schon bald wird klar, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Familientreffen handelt. Hier wird ein Mord geplant. Die Tochter hat ihren Mann betrogen - und so die Ehre der Familie beschmutzt. Sagt der Familienrat. Der Ehemann hat den Liebhaber schon beseitigt. Jetzt ist sie dran. Nur: Wer soll das übernehmen? Der gehörnte Ehegatte, der Vater, der Bruder oder der Schwiegervater? Alle wollen sich drücken. Jeder hat eine Ausrede. Der eine hat "Rücken" und könnte die Gefängnishaft nicht überstehen, der andere Angst, der Dritte will mit Mord nichts zu tun haben, dem Vierten ist kotzübel. Und über diese absurden Ausflüchte wird genauso laut und erbittert gestritten wie über die Schuldfrage und die verlorene Ehre. Eine Frau schreit. Ein Schuss löst sich. Die Polizei taucht auf. Und jetzt wird es richtig lustig.

Denn plötzlich sagen die einen - die Familienangehörigen, die man zuvor noch gut verstand, - nur mehr "Karrr brrr sarr", und die anderen - die Staatsgewalt in Form von zwei Polizistinnen - sondern einen ebenso absurden Sprachbrei mit vielen harten Konsonanten ab. So wie Deutsch in den Ohren von Ausländern klingen könnte. In dieser Parallelgesellschaft spricht nur der Sohn Deutsch - und der versucht nicht nur zu dolmetschen, sondern auch einen überzeugenden Grund für die nächtliche Ruhestörung zu erfinden. Verwirrung auf allen Seiten und komischer Höhepunkt dieser "Parallelgesellschaftskomödie", wie sie der syrische Autor im Untertitel nennt.

Natürlich gibt es noch mehr Verwicklungen. Schüsse fallen. Leichen werden lebendig. Affären ruchbar. Man trinkt Tee und Schnaps und sagt all das, was schon längst mal gesagt werden musste.

Die Herkunftsgeschichte der Familie ist dabei nicht wichtig. Die Figuren tragen keine Namen, sondern haben nur Funktionen: der Vater, die Mutter, der Bruder usw. Ibrahim Amir geht es um Minderheiten, die in abgeschlossenen Parallelwelten in den Mehrheitsgesellschaften existieren. In ihren eigenen Regeln gefangen sind. Um das Nicht-Verstehen auf beiden Seiten - über die sprachliche Kluft hinaus. Um Moral und Recht, Tradition und Identität. Amir hat aus all diesen gesellschaftspolitisch höchst diffizilen Ingredienzen mit subversivem Witz ein bitterböses Stück gebaut, das Regisseurin Caroline Stolz mit viel Slapstick zu bayerisch-orientalischem Klanggemisch (Musik: Stefan Straubinger) auf die Ingolstädter Bühne bringt.

Es macht Spaß, den Schauspielern zuzuschauen, wie sie das Unvermögen ihrer Figuren zelebrieren: wie stoisch komisch und dabei höchst differenziert Sascha Römisch den Schwiegervater spielt. Wie rasch Ulrich Kielhorn vom belächelten Hypochonder zum despotischen Patriarchen wechseln kann. Wie prollig, rabiat und töricht Olaf Danner den betrogenen Ehemann zu geben weiß. Dazu Maik Rogge als um Normalität bemühter Bruder, quasi Vermittler zwischen den Kulturen. Teresa Trauth als mütterliche Febreze-Kampfmaschine. Mira Fajfer und Victoria Voss als überdeutlich artikulierende Polizistinnen. Marc Schöttner als leidenschaftlicher Liebhaber, Sarah Horak als emanzipierte Ehefrau und Yael Ehrenkönig als Überraschungsgast.

Klug wählt Regisseurin Caroline Stolz Tempo und Rhythmus, mischt grotesk Übersteigertes mit banaler Normalität, setzt auf große Gesten und kleine Geister, lässt das Komödchen schnurren. Und doch ist man am Ende - nach pausenlosen 60 Minuten - enttäuscht. Amir treibt Scherz mit dem Entsetzen - hier wird alles (zu) harmlos weggelacht. Freundlicher Applaus.

Viele Termine sind bereits ausverkauft; Karten gibt es noch für die Vorstellungen am 20. und 25. März. Telefon (0841) 30547200.