Landkreis Roth

Kampfansage gegen ICE-Werk: Bürgerinitiative kündigt Gegenwehr wie im Hambacher Forst an

21.10.2021 | Stand 26.10.2021, 3:33 Uhr
Der Protest gegen das ICE-Werk ist nicht nur im Rother Ortsteil Harrlach massiv, sondern auch im Wendelsteiner Ortsteil Röthenbach/St. Wolfgang, wie bei einer Versammlung am Mittwochabend deutlich wurde. Vehement abgelehnt wird ein ICE-Instaltungswerk auf den Waldflächen im Dreieck zwischen den Autobahnen 6, 9 und 73. −Foto: Schmitt

Röthenbach/St. Wolfgang - - Bei einer Bürgerversammlung in Röthenbach/St. Wolfgang zum Thema ICE-Werk ist es zu einer Kampfansage gekommen, die noch wesentlich weiter gegangen ist als bei den bisherigen Protesten gegen das Großprojekt im Rother Ortsteil Harrlach. "Wenn das Werk am Jägersee errichtet werden soll, werden wir mit allen legalen Mitteln versuchen, es zu verhindern", sagte Friedrich Zeller von der Bürgerinitiative in dem Wendelsteiner Ortsteil, der nur rund 600 Meter von den riesigen Hallen entfernt wäre.

"Der Jägersee-Forst wird dann ebenso durch die bundesdeutschen Medien gehen wie der Hambacher Forst", kündigte Zeller ein ähnlichen Widerstand an, wie er in Nordrhein-Westfalen gegen die Waldrodung für mehr Braunkohleabbau geleistet wurde. Wie sehr das Thema ICE-Werk den Bürgern auf den Nägeln brennt, zeigte die Dauer die Infoveranstaltung. Der Dialog zwischen Bahn-Projektleitung und Kritikern dauerte von 19 Uhr bis kurz vor Mitternacht.

Nach der ersten Vorauswahl der Deutschen Bahn werden von den anfangs neun denkbaren Standorten für ein neues ICE-Instandhaltungswerk nur noch die drei Standorte im Bereich der ehemaligen Munitionsanstalt (Muna) Feucht, südlich der Muna (und damit in der Nachbarschaft von Röthenbach/St. Wolfgang und dem Jägersee) sowie bei Harrlach untersucht. Die knapp 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Infoveranstaltung in und vor der Röthenbacher Schwarzachhalle lehnen allerdings beide Standorte im Flächendreieck zwischen den Autobahnen 6, 9 und 73 ab.

Kritiker fürchten Zerstörung der "Klimaanlage der Region"

Das Hauptargument gegen beide Planungen: Die Rodung von 45 Hektar Bannwald würde "einer ökologischen Katastrophe" gleichkommen, erklärte Andreas Teichert für die Bürgerinitiative. "Wir wollen, dass die Bahn woanders baut", lautete die nahezu einhellig verkündete Meinung der Versammlung. Ein ICE-Werk an dieser Stelle würde die "Klimaanlage der Region" zerstören, hieß es. Denn der Wald habe nach übereinstimmender Darstellung von Fachleuten wichtige Funktionen für den Nürnberger Süden und die angrenzenden Gemeinden. "Vor allem für das Kleinklima und die Wasserrückhaltung." Darüber hinaus bezweifelten viele Teilnehmer den Flächenbedarf von höchstens 45 Hektar. "Sie brauchen über 100 Hektar", rechnete ein Redner vor.

Bahn-Sprecher gibt stärkeres Bekenntnis zum Lärmschutz

Ebenso stark kritisierten die Röthenbacherinnen und Röthenbacher den Lärm, den sie von den an- und abfahrenden Zügen sowie den Arbeiten im Werk erwarten. Eine besondere Rolle spielten dabei - wie in Harrlach - die Hup-Tests. "Dann stehen wir nachts im Bett", hieß es. Bahn-Projektleiter Carsten Burmeister hatte allerdings ein noch stärkeres Bekenntnis zum Lärmschutz abgegeben als noch bei der jüngsten Versammlung im Rother Ortsteil. "Wir werden das Lärmproblem sicher in den Griff bekommen", versprach Burmeister. Insbesondere will sich die Bahn bei der Berechnung der Schallbelastung nicht mehr auf einen Mittelwert stützen. Das Unternehmen will eigene Schallkarten erstellen, die den an der Wohnbebauung ankommenden Hup-Lärm exakt berechnen, um einen speziellen Lärmschutz zu ergreifen, der in die Planfeststellung einfließen soll.

Flächenverbrauch von über 100 Hektar zurückgewiesen

Zugleich wies Burmeister alle Mutmaßungen zu einem größeren Flächenbedarf zurück. "Wir brauchen höchstens 45 Hektar", betonte er mehrmals.

Aber auch ein solcher Eingriff in "ein intaktes Ökosystem" brachte die Bürgerinnen und Bürger auf die Palme. "Es ist völlig paradox, das Werk in den Bannwald und so nah an Wohngebiete setzen zu wollen", sagte Friedrich Zeller. "Das ist Raub der Heimat", fügte Andreas Teichert hinzu und erhielt dafür Jubel und stehenden Beifall, der auch bei ähnlichen Äußerungen immer wieder aufbrandete.

Teichert warf der Bahn auch vor, zynisch und arrogant auf die Sorgen der Bevölkerung zu reagieren. "Verschonen Sie uns mit ihren Killerphrasen", rief Teichert in Richtung Projektleitung und erklärte, die Bahn strebe "nach maximal möglichem Gewinn". Freilich sei das die Basis für Wohlstand, gestand Teichert zu. "Aber nicht auf Kosten der Allgemeinheit."

Eine andere Rednerin betonte die bereits bestehende Belastung in Röthenbach durch die Autobahnen und bezweifelte die Aussagekraft der Dezibel-Berechnungen. "Zahlen sind eines, die reale Belastung ist etwas anderes. Sie ist schon heute so hoch, dass die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigt ist", schilderte sie ihren Eindruck. "Da käme der Lärm des Werks nun noch obendrauf."

Um auch Bürgern ohne Impfschutz die Teilnahme an der hitzigen Versammlung zu ermöglichen, war eine Videoübertragung aus der Schwarzachhalle auf den Platz davor organisiert worden. Selbst Fragen konnten von dort gestellt werden. Entlang des Weges zur Halle hatten sich zahlreiche Kritiker der Bahnpläne mit Plakaten und Bannern postiert.

Hinzu kam ein Kerzenspalier, das dem Protest einen fast spirituellen Charakter verlieh. In der Halle wurde dieser Charakter noch verstärkt. In Anlehnung an die Tafeln mit den zehn Geboten übergaben zwei Mädchen dem Bahn-Projektleiter eigens gefertigte Tafeln mit "33 Bahn-Geboten".

HK


Robert Schmitt