Eichstätt

Jüdischer Humor trifft Schuberts Lieder

Rabbi Walter Rothschild präsentierte seinen musikalisch-kabarettistischen "Leider-Abend"

19.11.2018 | Stand 02.12.2020, 15:12 Uhr
Rabbi Walter Rothschild glänzt mit schrägen Witzen, unglaublichen Beobachtungen, kurzweiligen Geschichten und einem ganz besonderen Humor. −Foto: Luff

Eichstätt (EK) Er ist ein Grenzgänger zwischen den Kulturen und Religionen und wohnt seit 20 Jahren in Berlin: Rabbi Walter Rothschild zeigte sich im Spiegelsaal der Residenz als scharfzüngiger Kabarettist und sanfter Humanist.

Auf Einladung des Gesprächskreises Christentum - Judentum der Katholischen Erwachsenenbildung gab Rothschild zusammen mit dem hoch dekorierten Pianisten Max Doehlemann Lieder zum Besten und erzählte aus seinem ereignisreichen Leben, das ihn von England durch halb Europa nach Deutschland geführt hat.

Die zahlreichen Zuschauer nahmen die kosmopolitischen Gedankensprünge und ironischen Beobachtungen, die schrägen Witze und unglaublichen Geschichten mit Staunen auf. Manchmal blieb ihnen bei Rothschilds Humor aber auch das Lachen im Halse stecken.

Dass der Rabbi auch sich selbst aufs Korn nehmen kann, zeigte schon sein Einstieg, der immer wieder durch das Lied "Money, money, money - it must be funny in a rich man's world" unterbrochen wurde. Eine Anspielung darauf, dass Juden - gerade wenn sie Rothschild heißen - nach einem verbreiteten Vorteil über viel Geld verfügen sollen. Walter Rothschild ist kein gewöhnlicher Rabbiner: Er betreut freiberuflich jüdisch-liberale Gemeinden, singt in einer Jazzband, tritt als Kabarettist auf, schreibt Bücher, spielt in TV-Produktionen mit, arbeitet als Dozent und Geschichtenerzähler und engagiert sich im christlich-jüdischen Dialog.

Wer so viel erlebt, der hat auch viel zu erzählen. Wie ein roter Faden spinnt sich Rothschilds Biografie durch den Abend: Ein Jude mit deutschem Namen, der in Großbritannien aufwächst, in eine Internatsschule geht, die an Harry Potters "Hogwarts" erinnert, dort Vorsitzender der "Debating Society" wird, anschließend Theologie studiert, zwischendurch mehrere Jahre am Hamburger Rangierbahnhof Harburg jobbt, in London als Religionslehrer arbeitet und schließlich jahrzehntelang in Leeds, Wien und Berlin als Rabbiner jüdischen Gemeinden vorsteht, sieht die Welt mit anderen Augen. Die Eisenbahn ist Rothschilds heimliche Leidenschaft, über die er sogar seine Doktorarbeit schrieb. Im nonchalanten Plauderton gibt er tiefe Einblicke in seine zahlreichen Bahnreisen, musikalisch angereichert durch das Lied aus dem Zyklus "Winterbahnreise", das ihn von südlichen Zügen träumen ließ, die ihn nach dem Abitur überall hinbringen sollten. Als der Zug dann aber tatsächlich in Deutschland ankam, war es "dunkel und kalt" und der Rabbi fühlte sich "wie in Stalingrad". Seine Texte zerstören gerne Illusionen und stehen oft im Kontrast zu den wunderbaren Melodien der Lieder Franz Schuberts, die Max Doehlemann meisterhaft virtuos interpretiert. Der Pianist gibt aber manchmal auch die zweite Stimme in Dialogen, die nur so triefen vor rabenschwarzem Humor. Rothschild ist ein begnadeter Geschichtenerzähler mit britischem Akzent, er macht sich in einem schwäbischen Lied über "Stuttgart 21" lustig, streut Bonmots ein ("Dialekt ist wichtiger als Dialektik") und kommt immer wieder auf die feinen deutsch-britischen Unterschiede zu sprechen: "In England haben wir Sex und sprechen nicht gern darüber. In Deutschland hat man Verkehr. Dafür gibt es sogar einen Minister und für die ganz Schamlosen: öffentlichen Nahverkehr." Selbst die deutsch-deutschen Verhältnisse sind ihm einen Abstecher in das Liebesleben der DDR wert, wie das Wortspiel seines Mini-Gedichts zeigt: "Der Genosse genoss die Genossin."Andere Texte und Lieder behandeln witzig und bissig das Alte Testament, das stets spannende Verhältnis zwischen Mann und Frau oder den Lehrer, der hilflos vor seiner disziplinlosen Klasse steht, an Herzversagen stirbt und schließlich aus dem Klassenzimmer getragen werden muss. Daneben finden sich aber auch Themen wie der jüdische Beschneidungsritus, Antisemitismus, Alkoholismus, schicksalhafte Begegnungen, das Verhältnis von Ossis und Wessis oder die Eigenheiten der Österreicher: "Es ist nicht einfach in einem Land zu leben, das mit einem Umlaut beginnt." Dabei bleiben auch politische Spitzen nicht aus, etwa gegen Jörg Haider, "der als Rechter starb, weil er sich weigerte, eine Linkskurve zu fahren".

Am Ende bleibt ein kurzweiliger Abend voller Überraschungen, die vor allem dadurch entstehen, dass Rothschilds britischer und jüdischer Humor eine ganz eigenartige Symbiose eingehen. Mit viel Charme und Biss laviert sich der Rabbi durch sein Leben und mutet seinem Publikum auf dieser autobiografischen Reise viel zu: Menschliches, Tabubrüche und Wortspiele, Neologismen und schräge Witze. Es bleiben aber auch persönliche Bekenntnisse und authentische Momente: Wenn Walter Rothschild schließlich zur Melodie "Don't cry for me, Argentina" bekennt: "Ich bin ein Berliner Rabbiner", dann nehmen ihm die Zuschauer ab, was er ist: Ein Heimatloser zwischen den Stühlen, der sich stets um ein bisschen Menschlichkeit bemüht.

Robert Luff