Intime Momente in der virtuellen Welt

Das Staatstheater Augsburg bietet eine Ballett- und eine Theaterproduktion mit VR-Brille an

11.05.2020 | Stand 02.12.2020, 11:23 Uhr
Visuelles Abenteuer: Ganz nah ist der Besucher den Schauspielern oder Tänzern bei den virtuellen Aufführungen des Staatstheaters Augsburg. Hier eine Szene aus dem Ballett "shifting_perspective", wechselnde Perspektive. −Foto: Heimspiel GmbH

Augsburg - Die Tanzvorführung heißt "shifting_perspective", wechselnde Perspektive - treffender lässt sich nicht formulieren, was das Staatstheater Augsburg derzeit anbietet: eine Ballett- und eine Theaterproduktion sind als Virtual-Reality-Aufführungen ins Repertoire aufgenommen worden.

Wer möchte, kann sich eine VR-Brille ausleihen und zu Hause auf dem Sofa (oder besser im Drehstuhl) einen spektakulären Besuch auf der Theaterbühne erleben. Für die Ballettaufführung shifting_perspektive gilt das buchstäblich: Der Zuschauer befindet sich mitten auf der Bühne, aus den Kulissen kommen die Tänzer auf ihn zu, sind vor, hinter und unter ihm und entschwinden dann wieder in dem Dunkel, aus dem sie kamen.

Die irritierende Situation ist längst nicht der einzige Perspektivwechsel: Das virtuelle Theatererlebnis wurde so aufgezeichnet, dass sich die Tänzer mitunter wie ihr eigener Schattenriss verdoppeln, oder gleich zweimal auf der Bühne zu sehen sind und mit sich selbst ein Duett tanzen, oft sind die Figuren transparent, teils überblendet, und damit doppelt und dreifach surreal. Die von den Tänzern selbst entwickelten Choreografien sind unterschiedlich fesselnd, doch manchen gelingt das Spiel mit der Technik und deren Übersetzung in die eigene Bewegung beeindruckend.

Den "Judas" hatte die Schauspielsparte bereits seit 2019 im Repertoire. Er sollte 2020 in weiteren Augsburger Kirchen gezeigt werden. Nun gibt es vorerst nur eine: die St.-Anna-Kirche ist der Raum, in dem sich der Zuschauer mit Roman Pertl als Judas trifft, um seinem Monolog aus der Feder von Lot Vekemans beizuwohnen. Im kollektiven Gedächtnis ist sein Name wie kein zweiter mit Schuld und Verrat beladen. Wer dieser Mann war und wie er als Jünger Jesu zum tödlichen Verräter wurde, waren keine wichtigen Details der Geschichte. Autoren wie Amoz Oz und Walter Jens haben sich mit der Frage befasst, welche Rolle Judas für den religiösen Mythos spielen kann. Kurz gesagt: Ohne Verrat kein Opfer, ohne Schuld kein Tod am Kreuz, ohne Tod keine Religionsstiftung. Mehr als ein Prediger hielt sich damals für den Messias, berichtet Lot Vekemans Judas. Er habe die Rolle gespielt, die jemand übernehmen musste, um das Narrativ der Erlösung zu ermöglichen - späteres Heldentum ausgeschlossen. Dieser Judas will nun nach 2000 Jahren Schmähung seine Geschichte erzählen, steht da in seinem Sweatshirt, berichtet davon, dass er einst ein ganz normaler Junge war, der mit seinen Freunden spielte, der Geschwister hatte und den Namen erhielt, der voller Stolz von jeher dem Erstgeborenen der Familie gegeben wurde - und der heute seinetwegen in manchen Ländern verboten ist. Vor allem in leisen Tönen berichtet Roman Pertl, wie es war, an manchen Tagen das Gefühl zu haben, dass Jesus sein Freund ist, wie besonders es war, zu den zwölf Auserwählten zu gehören und wie endlos traurig es ist, das verloren zu haben.

Es erscheint als merkwürdige Pointe der Zeitläufte, dass die deutsche Erstaufführung des in Augsburg cornonabedingt ins Virtuelle verlegten Stücks vor vielen Jahren an den Münchener Kammerspielen in einem halbleeren Theater stattfand: Nur die Ränge waren besetzt, das Parkett blieb leer.

Werk und Inszenierung sind schon auf der realen Bühne mehr als sehenswert. Im virtuellen Raum der Anna-Kirche wird Judas' Rückschau zu einem privaten Geständnis. Auge in Auge mit diesem nachdenklichen Jünger kann man auf dem Sofa kaum den Impuls unterdrücken, die tröstende Hand nach ihm auszustrecken. Wie überhaupt sowohl die virtuelle Theater- als auch die Ballettproduktion etwas extrem Intimes haben. Man ist allein mit seiner Brille, man ist allein im virtuellen Raum mit dem jeweiligen Tänzer oder dem Schauspieler, die einem emotional verstörend nah kommen und physisch so nah sind, dass man sie im echten Raum berühren könnte. Ein zwiespältiges Gefühl zwischen Intimität und Voyeurismus bemächtigt sich des Zuschauers und verschiebt endgültig die Wahrnehmungsgrenzen, während man vom plötzlichen Auftauchen eines Tänzers von hinten erschreckt wird und fürchtet, ihn mit einer hektischen Bewegung getreten zu haben.

Viel wurde über die Möglichkeiten und Grenzen von Theater in digitaler Form diskutiert. Keine Übertragung kann den sinnlichen Theaterbesuch ersetzen, wenngleich es eine schöne Möglichkeit ist, herausragende Theaterstücke am Bildschirm zu sehen, statt sie für immer zu verpassen. Selbst virtuelle Bühnenkunst kann nicht den gespannten Moment vor dem Beginn einer Inszenierung ersetzen, nicht den Panoramablick, die Bühnenluft, den Applaus. Auf jeden Fall aber ist virtuelles Theater (für 9,90 Euro samt Lieferung der Brille nach Hause) eine eindrückliche und aufregende Erfahrung, die hoffentlich mit der Wiederaufnahme des regulären Betriebs nicht für immer in der Versenkung verschwindet.

DK


Informationen zu allen Angeboten unter staatstheater-augsburg. de.

Carina Lautenbacher