Wildenberg

In Wildenberg bleibt er der Bub aus dem Dorf

Ein Besuch in der Heimat von EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

17.05.2019 | Stand 02.12.2020, 13:57 Uhr

−Foto: Ammer

Wildenberg (DK) "Nichts ist vergleichbar mit dem Gefühl, daheim zu sein." Ein Zitat aus dem Wahlwerbespot eines echten Europäers. Doch wo ist es, dieses Daheim, von dem der EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber so schwärmt? Eine Spurensuche in einem winzigen Dorf im niederbayerischen Landkreis Kelheim: in Wildenberg.

Wildenberg (DK) Zwischen Hopfengärten und Rapsmeere, kleine Wälder und sanfte Hügel schmiegen sich die Häuser. Auf zwei Anhöhen fixieren sich Kirche und Schloss Auge in Auge, für immer getrennt durch das Tal, aus dem der Ort herauswächst. Wildenberg. 1400 Einwohner, das Handynetz schafft gerade so einen Strich und es nieselt. "Griaß di", empfängt den Fremden freundlich ein Schild vor einem Haus in der menschenleeren Straße. Ein Autofahrer winkt im Vorbeifahren lässig zwischen zwei Scheibenwischerschlägen. Man grüßt in Wildenberg, selbst dann, wenn man sich nicht kennt.

An der Hauptstraße liegt der Friseursalon Kristina. Hannelore Huhn schneidet hier seit Jahrzehnten Haare - auch die von Manfred Weber. "Als Bub hat er volle, schöne Haare gehabt, aber wie das so ist..." Sie lacht herzlich. Die Familie kennt sie gut, "er ist eine Straße unter uns aufgewachsen". Ein interessiertes, aufgeschlossenes Kind. Auch heute sieht sie ihn oft, dann, wenn er pünktlich wie immer zum Termin in den Salon kommt. Oder beim Spazierengehen mit seiner Frau. Ein Mann, der Ruhe ausstrahle - als europäischer Spitzenpolitiker, wie auch als Wildenberger, der er für Hannelore Huhn ist und bleibt: "Er ist ein Bub aus dem Dorf und das ist er auch heute noch."

"Freitag: Schnitzel-Abend", lockt der Metzger schräg gegenüber auf einer Tafel neben verschlossenen Türen. Donnerstags ist Ruhetag. Macht nichts - wer hier wohnt, weiß das. Pürkwanger Hof heißt das Wirtshaus im Ort, einige Häuser weiter. Von einem Plakat an der Eingangstüre grinst Weber in die Ferne. Am Stammtisch sitzen Wirt Manfred Stenzenhuber und sein Vater Maximilian. Sie erinnern sich noch gut an die Band, in der Weber als junger Mann gespielt hat. Die Peanuts - eine Vier-Mann-Kapelle mit dem heute 46-Jährigen als Gitarrist und Frontmann. Die Peanuts gibt es nicht mehr, aber das Gesellige ist ihm geblieben: "Er unterhält sich mit jedem gern", erzählt der Wirt. Und wenn etwas über den Europapolitiker im Fernsehen kommt, schaut ganz Wildenberg zu. Nur eines habe sich verändert: die Polizeipräsenz im Ort.

Das ist auch Maximilian Holzmayr aufgefallen. Unsicher fühle man sich in Wildenberg zwar so und so nicht, "aber mehr Polizei schadet ja nicht". Bis vor ein paar Jahren habe man nicht einmal sein Auto zugesperrt. "Man kennt sich eben."

Holzmayr steht im Schlosshof, er ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Stiftung, die sich um den Erhalt des sanierungsbedürftigen Schmuckstücks kümmert. Auf die Frage, was den Reiz von Wildenberg ausmacht, dreht sich Holzmayr um, steigt im Inneren des alten Gemäuers eine ausgetretene Treppe hinauf. In einem großen Raum, in dem etwas verlassen ein schwarzes Klavier steht, reißt er ein zweiflügliges Fenster auf und deutet mit einer weiten Geste hinaus. Unter ihm breitet sich der Ort aus wie gemalt, darüber thront als Blickfang die Kirche. "Man muss nur hier rausschauen, dann weiß man, warum Wildenberg so schön ist." Liebevoll gestaltete Gärten umrahmen schmucke Häuschen. Die Autobahn ist nicht weit, "trotzdem ist es ruhig. Viele Bürger haben sich hier ihren Traum erfüllt". Ob er selbst Wildenberger ist? "Nein, eingeheiratet", sagt Holzmayr. Vor 40 Jahren. Manfred Weber sieht er hin und wieder, wenn der Politiker joggen geht. Oder wenn ihn seine Karosse zu Hause abholt. "Wir sind so und so stolz auf ihn - wenn er EU-Kommissionspräsident wird, aber auch jetzt schon als EVP-Vorsitzender. Das ist herausragend."

Vom Schloss herab schlängeln sich die Straßen durch die Siedlung. "Zwergerlhaus" steht in grellbunten Buchstaben am Kindergarten. Von jeder Ecke lächelt der Politiker dem Fußgänger zu - dazu muss er gar nicht in Wildenberg sein. Kein Wunder, dass ihn selbst die kleine Pia mit ihren vier Jahren schon kennt, den "Herr Weber" vom Plakat. Den "Herr Weber", der manchmal morgens, wenn sie auf dem Weg zum Kindergarten ist, im Vorbeifahren aus dem Auto winkt. Sabine Ebner steht mit ihrer Tochter und Stefanie Gottschalk vor der Gemeindekanzlei. Die Peanuts haben sie nicht mehr spielen gehört - "das war vor unserer Zeit." Aber Manfred Weber kennen sie natürlich. Dass Wildenberg nun deutlich mehr in den Medien genannt wird, freut sie. Seinem wohl bekanntesten Bürger wünschen sie viel Kraft - weil er "kein Großkopferter" ist.

An Vorgärten mit Blümchen, zwischen denen Gartenzwerge hervorspitzen, schließt sich ein Kreuzweg an, der zur Kirche hinaufführt. Ein Weg, den Weber häufig einschlägt, wenn er zu Hause ist. Das erzählen zwei Frauen auf dem Friedhof. "Ostern hat er im Chor gesungen." Zweieinhalb Stunden Osternacht. Auch Webers Vater singt im Kirchenchor - eine begnadete Bassstimme, was man so hört. Auch ministriert hat Weber - "der Manfred, er ist hier mit jedem per Du" - mit Blick auf die Marter und Kreuzigung des heiligen Andreas am Altar. "Er hat sich das Amt von der Pike auf erarbeitet", sagte eine der Frauen: Junge Union, schließlich die Wahl in den Landtag mit nur 29 Jahren. Und das, obwohl ihm der Grundschullehrer gar keine so steile Karriere zugetraut hätte. "Er hat ihm nach der vierten Klasse zur Realschule geraten - darüber lacht der Lehrer heute noch selbst am allermeisten", berichten die Frauen.

Am kommenden Wochenende werden sie alle mitfiebern, die Wildenberger, mit ihrem Manfred. Das Rathaus ist schon hergerichtet, wie die Frauen am Friedhof erzählen. Nicht nur ist ein Raum für die Kamerateams ausgeräumt worden, die sicherlich dabei sind, wenn Weber seine Stimme abgibt - die Wildenberger haben sogar noch eine Wand nachgestrichen. Schließlich will man sich von seiner besten Seite präsentieren.
 

Isabel Ammer