Ingolstadt

Hardrock in der Folterkammer

Kugelstoß-Talent im Einzeltraining: Wie sich der 15-jährige Georg Harpf vom MTV Ingolstadt motiviert

27.11.2020 | Stand 23.01.2021, 3:34 Uhr
Sprunghafte Steigerung: Mit neuer Drehstoß-Technik verbesserte Kugelstoßer Georg Harpf vom MTV Ingolstadt seine Bestleistung im Jahr 2020 auf 17,01 Meter. −Foto: Stuffer, privat

Ingolstadt - Wer im Cavalier Zweibrücken, direkt am Ingolstädter MTV-Stadion, durch die niedrigen Gänge des massiven Festungsbaus läuft, zieht sicherheitshalber immer wieder den Kopf ein.

 

Besonders, wenn er wie Georg Harpf bereits 1,94 Meter groß ist. Der 15-jährige Ingolstädter läuft diesen Weg derzeit zweimal pro Woche, um am Ende des Ganges - nur begleitet von seinem Trainer Vincent Igl (kl. Foto) - rund zweieinhalb Stunden im Kraftraum ein schweißtreibendes Einzeltraining hinter sich zu bringen. Harpf will und darf das trotz der Coronabeschränkungen, weil er in seinem Jahrgang Deutschlands zweitbester Kugelstoßer ist und seit Anfang November dem Bundeskader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) angehört. Die vermeintliche Einsamkeit bei den Einheiten in der "Folterkammer" nimmt er erstaunlich gelassen. "Da muss man durch", sagt der Schüler der Fronhofer Realschule.

Ganz allgemein brauchen Leichtathleten schon das ganze Jahr über viel Geduld und Durchhaltevermögen. Corona-bedingt wurden im Frühjahr zunächst alle Wettbewerbe und Meisterschaften abgesagt, erst im Spätsommer startete eine kurze "Late-Season", die den Athleten zumindest einige Wettkämpfe ohne Zuschauer ermöglichte. Für Harpf dennoch eine wichtige Zeit. Denn der Ingolstädter hatte im Winter 2019/20 auf Drehstoß-Technik umgestellt, sein Krafttraining gesteigert - und konnte nun das Ergebnis einfahren. Der Höhepunkt: Beim Ingolstädter Start-Up-Meeting Ende August wuchtete er die Vier-Kilo-Kugel auf 17,01 Meter und setzte sich damit in der Altersklasse M 15 auf Rang zwei der nationalen Bestenliste. "Der Wettkampf hat unheimlich Spaß gemacht, weil viele andere Athleten aus der Stützpunkt-Trainingsgruppe in München da waren und wir uns gegenseitig unterstützt und angestachelt haben", erinnert sich Harpf. Bedingungen, die beflügeln - aber selten zu erleben waren.

Um seine neue Bestweite zu beurteilen, helfen zwei Vergleichswerte: So war Harpf im Vorjahr noch mit 14,05 Meter in der Bestenlisten zu finden, verbesserte sich innerhalb eines Jahres also um rund drei Meter. Eine Leistungsexplosion, die MTV-Trainer Igl, als Kugelstoßer im Jugendbereich selbst früher in der bayerischen Spitze, auch und vor allem mit der Einsatzbereitschaft seines Schützlings erklärt. Neben der körperlichen Entwicklung, der offensichtlich gelungenen Technikumstellung und der Intensivierung des Krafttrainings nennt der 22-jährige Coach seinen Hauptgrund für die positive Entwicklung von Harpf: "Das Wichtigste ist, dass Georg enorm viel Motivation mitbringt und immer wieder auch die unangenehmen Einheiten zuverlässig absolviert. Ich kenne vier Jahrgänge vor und vier Jahrgänge hinter ihm keinen Athleten, der derart fleißig ist. "

Als weitere Orientierung dient ein Vergleich mit Doppelweltmeister David Storl. Der derzeit beste und bekannteste deutsche Kugelstoßer aus Leipzig kam als 15-Jähriger gerade mal auf 15,88 Meter - was Harpf indes sehr abgeklärt kommentiert: "Ach, das ist so eine Zahl", sagt er und verweist darauf, dass es im Kugelstoßen mitunter sehr schnell gehen kann. "Ich habe vor zwei Jahren mit der Drei-Kilo-Kugel noch zehn Meter gestoßen und David Storl mit 17 schon über 21 Meter. Das hängt immer wieder von der körperlichen Entwicklung ab, manchmal geht es schnell, manchmal ist jemand aber auch ein Spätzünder. Ich mache mir wegen solcher Werte jedenfalls nicht so viel Gedanken. "

 

Der Eindruck, dass Harpf recht genau weiß, was er will und trotz seines Alters nicht so leicht von seinem Weg abzubringen ist, drängt sich bei solchen Aussagen geradezu auf. Eine Einstellung, die ihm unter den aktuellen Gegebenheiten helfen dürfte. Denn auf das gewohnte Training mit den Vereinskollegen, das er ansonsten dreimal pro Woche in Ingolstadt absolviert, muss er vorerst verzichten. "Wenn die anderen da sind, freut man sich schon mehr aufs Training, weil man in den Pausen immer mal mit jemandem reden und sich auch mal gegenseitig motivieren kann", sagt Harpf. Derzeit erlebt er das nur dienstags und donnerstags, wenn er mit anderen Kaderathleten beim Stützpunkttraining in München an seiner Technik feilt. Und wenn es für ihn und Trainer Igl in den Katakomben des Cavalier Zweibrücken mal allzu still wird? "Dann hilft nur noch Musik - Metal und Hardrock", erzählt Harpf. "Das motiviert dann richtig. "

Einen eigenwilligen Charme hat überdies die einzige Freiluft-Einheit, die das Duo immer samstags in Ingolstadt absolviert. Harpf und sein Coach erzählen mit einer Mischung aus Ironie und Fatalismus: "Man muss sich schon warm einpacken, damit man sich nicht erkältet, schließlich bewegt man sich zwischen den Würfen ja nicht so viel", beginnt der 15-Jährige. "Dann muss er sich zu den Würfen schnell ausziehen, weil sonst die Beweglichkeit fehlen würde. Dazu kommt die eiskalte Kugel, weshalb einem schnell die Finger einfrieren. Da kann ein Wurf ohne Probleme auch mal übel abrutschen", legt Igl nach. "Aber mit Handschuhen stoßen geht ja auch nicht. "

Keine einfache Zeit, die aufgrund der fehlenden Wettkämpfe (Igl: "Ich gehe davon aus, dass wir die Hallensaison streichen müssen. ") vorerst auch nicht leichter wird. Also steckt sich das Duo Ziele für den Sommer 2021. "Wir hoffen, dass dann vor allem die Meisterschaften stattfinden", sagt der Trainer. Harpf deutet an, was ihn bis dahin durchhalten lässt. "Ich will nicht zurückfallen", ist eine Antwort. Und dann ist da ja auch noch Konkurrent Luis Andre (Melsungen), der mit einer Bestweite von 18,08 Meter national als einziger noch vor ihm steht. "Ihn sehe ich hoffentlich bei der Deutschen Meisterschaft. Mal sehen, wer dann vorne liegt. "

DK

 

Norbert Roth