Salzburg

Große Stimmen in minimalistischer Aufführung

Verdis "Simon Boccanegra" mit exzellentem Válery Gergiev am Pult in Andreas Kriegenburgs Inszenierung

16.08.2019 | Stand 02.12.2020, 13:16 Uhr
Spannendes Spiel: Luca Salsi (Simon Boccanegra), Charles Castronovo (Gabriele Adorno) und Marina Rebeka (Amelia Grimaldi). −Foto: SF/Ruth Walz

Salzburg (DK) Leicht hatte es Verdi mit dieser Oper nie: Die Uraufführung 1857 in Venedig fiel massiv durch.

Auch der mit Hilfe des späteren "Othello"- und "Falstaff"-Librettisten Arrigo Boito überarbeiteten Fassung, 1881 in Mailand aus der Taufe gehoben, war ebenfalls kein großer Erfolg beschieden: Trotz herrlicher Melodien sind die Verwicklungen und Verwechslungen allzu konstruiert, und die Vater-Tochter-Beziehung zu kompliziert und voller Intrigen verschlungen, bei denen Liebe in Hass und Hass in Liebe verwandelt werden.

Doch Verdis Komposition in der heute fast ausnahmslos gespielten 2. Fassung als Übergang von der herkömmlichen Form der italienischen Belcanto-Opern zum "Othello"-Spätstil ist faszinierend. Vor allem wenn Válery Gergiev, Chef der Münchner Philharmoniker, in den brillant musizierenden Wiener Philharmonikern den gesamten musikalischen Farbenreichtum dieser Oper ebenso vital wie sensibel entlockt. Dem Dirigenten und dem Orchester gelang es mustergültig, die zarten menschlichen Seelenregungen ebenso subtil und gefühlvoll zu Gehör zu bringen wie die von Verdi kraftvoll komponierten Ränke um Macht, Einfluss und politische Schandtaten. Herrlich differenziert zwischen Liebe, Hoffnung und Sehnsucht einerseits und Leidenschaft sowie Verschwörung und Rachsucht andererseits ließ Gergiev die Komposition aus dem Orchestergraben ertönen. Faszinierend, wie er die in diesem Werk ja reichlich vorhandenen musikalischen Spannungsbögen aufbaut und der lyrischen Innigkeit intensiv nachhorcht, ohne der Dramatik die Wucht zu nehmen oder dabei das Elegische zu vergessen.

Über Andreas Kriegenburgs Inszenierung lässt sich dagegen kräftig streiten: Ein riesiges Segel mit Blick auf das Meer vor Genua stellte Harald B. Thor auf die linke Seite der Cinemascope-Bühne des Großen Festspielhauses, während rechts eine hellgraue Rotunde im coolen Bauhausstil für all die Intrigen im Dogenpalast die ideale Kulisse abgibt. Ein kaltes Ambiente, bestückt nur mit einer kleinen Palmengruppe im Hintergrund, einem Flügel und einem funktional-nüchternen schwarzen Stuhl in der Mitte. Ein seelenloser Raum, der die Einsamkeit und Isoliertheit aller Figuren bestens eingefangen hat.

Keine bombastische Herz-Schmerz-Oper hat Kriegenburg hier auf die Bühne gebracht, sondern mit einem ungemein klaren psychologischen Realismus stattete er die Figuren in seiner auf Minimalismus reduzierten Inszenierung aus. Da wird stets mit Blick ins Publikum - oder auch in den Himmel, der den Genuesern bei all ihren Ränkespielen ja gnädig sein soll - über die Bühne geschritten, dabei geschmachtet und gelitten. Da kochen die Emotionen schaumgebremst hoch und die Gefühle werden nach außen gekehrt. Subtil inszeniert ist das alles und doch hochdramatisch. Bilder mit starker Suggestionskraft sind so entstanden, bei denen die Bürger Genuas ihre revolutionären Parolen twittern und die Wahlplakate ("Make Genua great again") per Video auf den Zwischenvorhang gezoomt werden. Allerdings passen die Kostüme von Tanja Hofmann dazu nicht so recht. Zwar wurden die Protagonisten ihrem Status und ihrer Funktion angemessen eingekleidet - Simon Boccanegra als soignierter Doge im rotbraunen Maßanzug und Amelia im türkisfarbenen Upper-class-Kleid -, aber warum der überwältigend singende Chor der Wiener Staatsoper als Genueser Revoluzzer im bürgerlichen Habitus der 1950er-Jahre mit adretten Kostümen und Anzügen den Aufstand proben, bleibt völlig unverständlich.

Grandios dagegen die Besetzung aller Partien: Während Antonio Di Matteo mit finstrem Bass den Verräter Pietro, André Heyboer den ehrgeizigen Volks(ver)führer Paolo mit schön geführtem Bariton und René Pape den Jacobo Fiesco, den unduldsamen Anführer der Adeligen, der als Pater Andrea die Intrigen spinnt, widergaben, brillierte Charles Castronovo als jugendlicher Hitzkopf Gabriele Adorno und Amelias Liebhaber. Ein Prachttenor zum Hinschmelzen schön.

Mag Marina Rebekas Sopran in der Höhe etwas spitz und bisweilen schrill sein, so sang sie als Waise Amelia, die als Simon Boccanegras Tochter sich entpuppt, ebenso zart und lyrisch wie mit dramatischem Feuer. Vor allem das Liebesduett voll Leidenschaft und Hingabe zwischen ihr und ihrem Lover Gabriele Adorno, den sie kurz vor dem Gifttod ihres Vaters doch noch ehelichen darf, ist ein einziger Belcanto-Traum. Wunderschön und berührend. Luca Salsi glänzte in der Titelpartie des Simon Boccanegra mit seinem geschmeidigen Bariton und einfühlsamen Spiel.

Das trotz einiger Buhs für das Produktionsteam hingerissene Premierenpublikum jubelte nicht nur, sondern war von den sängerischen und musikalischen Leistungen so begeistert, dass es bereits bei den vom Orchester kaum noch hörbar hingehauchten Schlussakkorden heftig applaudierte.

ZUM STÜCK
Theater: Großes Festspielhaus, Salzburg
Dirigent: Válery Gergiev
Orchester: Wiener Philharmoniker
Regie: Andreas Kriegenburg
Bühne: Harald B. Thor
Kostüme: Tanja Hofmann
Dauer: 3 Stunden
Weitere Aufführungen: 18., 20., 24., 27. und 29. August
Karten: (0043) 662-8045-500