Grausamer Tod einer Anhalterin

02.10.2019 | Stand 23.09.2023, 8:50 Uhr
Horst Richter
Das Grab des Mordopfers in Landshut −Foto: Richter/privat

Der Mord an der 18-jährigen Cornelia Lakèl in Eichstätt erschütterte 1987 die Menschen. Das Schicksal der schwangeren Frau bildet den Auftakt unserer Serie über regionale Kriminalfälle.

Eichstätt (DK) Die Nachricht platzt mitten in eine Dienstversammlung der Ingolstädter Polizei. Innenstaatssekretär Peter Gauweiler (CSU) ist an jenem 26. Mai 1987 zu Gast und steht gerade am Mikrofon, als kurz vor 19 Uhr die Mitteilung eingeht: An der Weinsteige neben der B13 in Eichstätt sei eine Frauenleiche gefunden worden. Die Kripo rückt aus. Hoffentlich "nur" ein Unfall oder Suizid, bloß kein Verbrechen, denken die Ermittler. Im dichten Unterholz der Waldabteilung "Taferl" ist es bereits leicht dämmrig, als sie eintreffen. "Die Leiche ist an einem Hang gelegen", erinnert sich der spätere CSU-Landtagsabgeordnete Rudolf Peterke, damals noch Polizist. Er hat an diesem Tag Bereitschaftsdienst. "Scheiße!", schießt es einer Kollegin durch den Kopf. "So liegt niemand da, der bloß gestürzt ist." Vor ihnen befindet sich ein Mordopfer, das ist allen klar - nur mit T-Shirt und Bluse bekleidet, der Unterkörper nackt.


Jemand hatte die junge Frau mit großer Brutalität umgebracht und zuvor heftig geschlagen, gewürgt und vergewaltigt. "Aus Mund und Ohren ist Blut gelaufen", erinnert sich Alfons Gruber, damals Chef der Spurensicherung. Noch in der Nacht findet in München die Obduktion der Leiche statt. Das Ergebnis sorgt für noch größere Betroffenheit: Die Tote war im zweiten oder dritten Monat schwanger, stellt der Pathologe fest. Wie die Ermordete heißt, woher sie stammt, bleibt indes lange offen. Ihr Name ist Cornelia Lakèl, 18 Jahre alt, sie war in Landshut daheim. Dort hatte ihre Mutter vergeblich versucht, die Tochter als vermisst zu melden. Voller schlimmer Vorahnungen war sie gleich am Tag nach dem Mord - ohne aber davon zu wissen - zur Polizei gegangen. Ihr Kind sei per Anhalter in Hamburg gewesen und nicht zur vereinbarten Zeit zurückgekehrt, obwohl es doch immer zuverlässig sei, sagt die Frau. "Des Madl kommt scho wieder", hört sie ein ums andere Mal, wann immer sie in der Wache auftaucht. Als man ihr Anliegen nach fast zwei Wochen endlich ernst nimmt, erhält die unbekannte Tote in Eichstätt einen Namen. Sie war derweil anonym bestattet worden.

Doch der grausame Mord bleibt mysteriös. Wer tut so etwas? Die Menschen in der katholisch geprägten Kleinstadt sind entsetzt. Bestimmt keiner von uns! Und doch ahnen sie, dass dies nur Wunschdenken ist. Die Kripo beklagt, dass kaum Hinweise kommen und spricht von einer Mauer des Schweigens. "Das war eine verzinkte Geschichte", erzählt der pensionierte Hauptkommissar Dieter Wermuth. Er leitete damals die Ermittlungen in dem Fall. "Es sind höchstens mal anonyme Hinweise gekommen, auch falsche Fährten." Immerhin meldet sich eine Eichstätterin, sie hat in jener Nacht auf der anderen Seite des Altmühltals den Todesschrei des Opfers vernommen. Aber auch sie kann nicht recht viel mehr zur Klärung des Verbrechens beitragen.

Eine vage Spur führt schließlich in die Gaststätte "Banana" am Bahnhof. Der Wirt betreibt anderswo in der Stadt einen von der Mutter übernommenen Gemüseladen, mehr schlecht als recht. "Das ist nie ein Gescheiter gewesen, der hat sich lieber rumgetrieben, als sich ums Geschäft zu kümmern", sagt eine alteingesessene Eichstätterin. Ausgerechnet eine Bekannte des Mannes hatte die Leiche an der Weinsteige entdeckt, als sie dort mit ihrem Hund Gassi ging, 15 Stunden nach der Tat. Bloßer Zufall? Die Ermittler glauben nicht daran. Aber dem Wirt lässt sich nichts nachweisen, weder ihm noch einem seiner Gäste. Eine Überwachung seines Telefons bringt nicht den gewünschten Erfolg. "Der Mann hat genau gewusst, dass wir ihn abhören, und war vorsichtig", sagt ein damaliger Ermittler. Ist Cornelia in der Mordnacht überhaupt im "Banana" gewesen? Um das herauszufinden, inszeniert die Kripo eine Rauschgiftrazzia wegen illegalen Drogenkonsums in dem Lokal, sucht aber in Wirklichkeit nach Spuren, die mit der Bluttat zusammenhängen. Doch es findet sich nichts.

Die Jahre gehen ins Land, aber der Fall lässt die Polizei nicht ruhen. Der Wirt wandert von Oktober bis Dezember 1989 wegen Mordverdachts kurz in Untersuchungshaft, doch die Taktik der Staatsanwaltschaft, ihn mürbe zu machen, geht nicht auf. Er bestreitet jede Tatbeteiligung. Im Januar darauf meldet sich eine anonyme Anruferin und schildert der Kripo den Tathergang im "Banana" minutiös, nennt den Wirt als Beteiligten und bringt drei weitere Namen ins Spiel: Ein Dachdecker, ein Kfz-Mechaniker und ein Schlosser, allesamt aus dem Raum Eichstätt, sollen neben dem Lokalbetreiber für den Tod der schwangeren Frau verantwortlich sein. Einer war bereits wegen fahrlässiger Tötung vorbestraft, zwei andere Beschuldigte sollen zudem einige Zeit vor dem Mord drei 15 und 16 Jahre alte Mädchen vergewaltigt haben. Doch es gelingt nicht, die Täter zu überführen, weil die anonyme Mitteilerin nicht als Zeugin zur Verfügung steht.

Fünf Jahre nach dem Mord bricht die Mauer des Schweigens in sich zusammen. Der bereits tatverdächtige Kfz-Mechaniker, damals 28 Jahre alt und in seinem Umfeld unter dem Spitznamen "Grizzly" bekannt, erzählt einer Freundin im Alkoholrausch, er sei bei der Gewalttat dabeigewesen. Die Zeugin meldet sich daraufhin bei der Polizei, die den Mann und die drei übrigen Verdächtigen in Haft nehmen lässt, auch wegen der Sexualdelikte. Aber noch fühlen sie sich auf der sicheren Seite. "Ich habe den ,Grizzly' damals in der JVA vernommen", erzählt ein heute 60-jähriger Polizist. "Da hat er den Sachverhalt endlich eingeräumt." Der Kfz-Mechaniker erzählt, wie der Wirt die Anhalterin in der Mordnacht von der B13 mitbrachte, wie der Dachdecker und der Schlosser über sie herfielen, sie quälten und missbrauchten, wie der Gastronom schließlich befahl, dass "das Madl" weg müsse, und wie sie es an die Weinsteige fuhren, wo der Dachdecker es umbrachte.

Der in einem anderen Gefängnis sitzende Mörder wähnt sich noch immer unangreifbar. Dann bitten der heute 60-jährige Ermittler und seine Kollegin ihn zum Verhör. "Ihr kommt wegen der Weiber-Geschichten?", fragt der Dachdecker frauenverachtend und gelangweilt, während er sich bei der Vernehmung eine Zigarette dreht. "Nein, wegen der Mordsache Lakèl", antwortet der Polizist. "Da hat das Zigarettenpapier in seinen Fingern so zu zittern angefangen, dass der Tabak da drin förmlich gehüpft ist", weiß der Beamte heute noch. Schließlich kommt es zum Prozess, bis auf den Kfz-Mechaniker leugnen alle das Verbrechen. Am Ende des Verfahrens bleiben zwar viele Fragezeichen, aber dem Schwurgericht reicht die Beweislage, um den Dachdecker als Haupttäter zu 15 Jahren Gefängnis zu verurteilen. Die drei anderen Männer kommen mit fünf, acht und zwölf Jahren Freiheitsentzug davon.

Die Strafkammer hat Recht gesprochen, und doch sind die Wunden bis heute nicht verheilt. Der Mörder und die Mittäter kamen nach ihren Haftstrafen frei, die Familie des Opfers leidet lebenslang. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Cornelia denke", sagte ihre Mutter, als sich die Tat zum 25. Mal jährte. Und die Schwester des Opfers wundert sich, dass die bereits vor der Bluttat vergewaltigten Opfer nie zur Polizei gingen. "Wenn da nur eine mal was unternommen hätte, wäre das mit der Cornelia nie passiert. Das ist die ganze Tragik."
 

Horst Richter