Thalmässing

Gier nach Geld und Macht

Neues Werk von Willi Weglehner: Campergemeinschaft "Republik am See" überlebt ihr Wachstum nicht

14.09.2020 | Stand 02.12.2020, 10:34 Uhr
So wie am Kauerlacher Weiher könnte die Campergemeinschaft am fiktiven Niederndorfer See ausgesehen haben. −Foto: Karch

Thalmässing - Wenn derzeit Karawanen von Wohnmobilen oder Wohnwagen durch die mittelfränkischen Straßen ziehen, von denen die meisten nur ein Ziel kennen, den nächsten See, dann scheint es so, als ob Willi Weglehner mit seinem neuesten Werk eine Vorahnung von dem gehabt hätte, was in Corona-Zeiten auf uns zukommt.

Hat er natürlich nicht. Trotzdem gibt der Drang zum Campen, auch wenn er der Corona-Pandemie geschuldet ist, dem Buch "Republik am See" einen realistischen Touch.

Denn der Thalmässinger Autor hat auch dieses Buch mit einem kräftigen Augenzwinkern verfasst, so wie seine anderen Werke, die er in den zurückliegenden Jahren veröffentlicht hat wie "Die Geschäftsstelle", "Doppel mit Damen" oder "Keine Sause ohne Brause". Geradezu atemlos hechelt der Leser der Geschichte hinterher, wie die Idylle des Campingplatzes am Niederndorfer See zu einem Börsenschauplatz mutiert. Eigentlich ungewollt - zu Beginn jedenfalls.

Denn eigentlich wollte Fredi, oder auch Sixty Six genannt, nur seinem besten Freund helfen, der große Geldsorgen hat. Wer wäre als Helfer besser geeignet als Fredi, der sich Niederndorfer See zur Ruhe gesetzt hat, aber dank seiner Ideen und seines Scharfsinns schnell zum Tonangebenden geworden ist. Nein, nicht zum Angeber, eher zum Vortänzer. Und er löst in der Gemeinschaft der ganz besonderen Menschen, die sich am See zusammengefunden haben, alle Konflikte. Als Camper will Fredi sich und seine Freunde nicht bezeichnen, schließlich leben sie hier am See - "lebten, nicht wohnten oder campten. In einem funktionierenden Sozialgefüge, das sich sehen lassen konnte". Auch wenn andere - die von draußen - das anders sehen.

Dass sein Freund ME Geldsorgen der besonderen Art hatte - schließlich war das Geld nicht weiß - lässt Fredi keine Ruhe. Und ME ist nicht der einzige: Auch Kralle, ein ehemaliger Bettler, hat Angst um sein Vermögen, das er im Wald vergraben hat. Angst, dass die moderne Steuerfahndung, die angeblich über speziell auf Geldgeruch abgerichtete Hunde verfügt, sein Vermögen entdeckt. Dabei wusste doch jedes Kind, "dass Geld nicht stinkt, sondern höchstens ein wenig anrüchig ist, wenn es schmutzig ist".

"Der Keim der Kies-Angst durfte nicht weiterwuchern", ist Fredi klar. "Er würde die ganze Gemeinschaft befallen. " Dass er ihn auch schon im Griff hat, merkt er schnell. "Mit der Steuerfahndung war nicht zu spaßen. Die würden eventuell den völlig ungerechtfertigten Verdacht hegen, auf dem Campingplatz am Niederndorfer See gebe es Ungereimtheiten. "

Hilfe sucht und findet Fredi beim Justiziar Judge, der tatsächlich einmal Wirtschaftsjurist und Steuerberater mit einer Riesenkanzlei gewesen war. Der hat auch gleich die passende Idee, wie man ME und Kralle helfen kann: mit der Gründung einer Privatbank. Und als erfahrener Steuerberater weiß Judge auch, dass ME und Kralle mit ihrem Problem nicht allein sind. Und er behält Recht: Die Bank für Soziale Gemeinschaft mit dem Sitz Gemeinwesen Niederndorfer See gewinnt Mitglied um Mitglied. Und Judge verspricht: "Das Erfolgsrezept dieser Bank wird sein, dass das Geld der Einleger hinten so rauskommt wie aus der Eurodruckerei. Egal, wie es aussah, als es vorne reingeschaufelt wurde. "

Innerhalb von zwei Jahren mausert sich die Bank unglaublich, jongliert mit Milliardensummen und wird zum Geheimtipp im ganzen Land. Und schnell entwickelt sich am Niederndorfer See eine eigene Republik namens "Realutopia". Doch die Idylle ist nicht von langer Dauer. Aus ganz verschiedenen Ecken kommen Störer, die ihren Anteil haben möchten. Vor allem die Neider aus den eigenen Reihen stören das Zusammenleben am See. Das "junge Gemeinschaftswesen, das schon heute Vorbildcharakter hat", so Judge, "wird von gewissenlosen Elementen, von quasi-ausländischen Kräften und ihren Agenten massiv bedroht. " Die Lösung: "Verordnungen müssen her zum Schutz der Bevölkerung. " Und natürlich eine richtige Verfassung für Realutopia. Die überzeugendsten Argumente dafür heißen Freibier und kostenlose Pässe.

Rasch wächst die Zahl der Bewohner von 150 auf 1500, so dass man sich nicht mehr kennt und der Platz knapp wird. "Es wurde anonymer am Niederndorfer See. " Kaum ist die Freie Republik Niederndorfer See ausgerufen, strömen Tausende mit Sack und Pack an den See. Damit das zusammenleben in dieser Gemeinschaft funktioniert, braucht es Strukturen, werden Posten geschaffen und mit ihrer Besetzung Konkurrenzdenken. Auch dem Staatsapparat mit Ministern und Kanzlerin wird diese Republik suspekt und sie schlägt zurück.

Aber Willi Weglehner wäre nicht er selbst, wenn er nicht - ganz am Schluss - doch noch eine Wendung eingebaut hätte - eine ganz speziell spitzbübische.

HK


Republik am See, Willi Weglehner, Roman, 274 Seiten, EINBUCH Buch- und Literaturverlag Leipzig, ISBN 978-3-942849-80-7, 14,40 Euro

Andrea Karch