Landersdorf
Geistliche Musik mit einem Schuss Exotik

Gebürtige Kubanerin spielt Orgel und leitete Posaunenchor - 26-Jährige arbeitet auch als Model und Fitnesstrainerin

25.05.2021 | Stand 23.09.2023, 18:48 Uhr
An der Orgel in der Kirche St. Michael in Thalmässing feilt Yudania Gómez noch immer regelmäßig an ihren Fertigkeiten. Die Kubanerin bereichert das (kirchen)musikalische Leben in der Region. −Foto: Luff

Die Liebe zur Musik hat sie einst nach Deutschland geführt, die Liebe zu einem Mann am Ende nach Landersdorf. Dass Yudania Gómez aus Kuba heute in dem kleinen Thalmässinger Gemeindeteil lebt, ist ein Glück für die Gläubigen in der Umgebung. Denn mit ihr kommt frischer Wind in die Kirchen. Die studierte Kirchenmusikerin ist nicht nur eine Könnerin an der Orgel, was sie etwa in Greding unter Beweis stellt. Sie ist auch die neue Leiterin des Posaunenchors Alfershausen. Geht es nach ihr, dann sind das nicht unbedingt die letzten Stellen, die sie annimmt. Die 26-Jährige sprüht vor Energie.

Landersdorf - "Ich würde überall gerne spielen" sagt Yudania Gómez und lacht. In jeder Kirche. An jeder Orgel. Nicht nur, weil der Musik ohnehin ihr Herz gehört. Sondern: "Es ist für mich Praxis", nennt sie einen relativ banalen Grund. Es ist ihr Antrieb, immer noch besser zu werden auf dem Instrument, das so gerne und oft als die Königin der Instrumente bezeichnet wird, etwa weil sie "alle Töne der Schöpfung aufnimmt und die Fülle des menschlichen Empfindens zum Schwingen bringt", wie der bayerische Papst Benedikt XVI. einst so schön formulierte. Dessen Bruder Georg hat als Domkapellmeister Regensburg geprägt. Und genau diese mittelalterliche Stadt an der Donau war es, die Yudania Gómez vom karibischen Inselstaat weggelockt hat. Um das Orgelspiel zu erlernen.

Vor fünfeinhalb Jahren, als Yudania nach Deutschland kam, konnte sie weder die Sprache, noch das vergleichsweise schwer zu spielende Instrument - "das schwierigste", wie sie findet. Doch beides hat sie rasend schnell gelernt. Wobei das bei der Orgelmusik eher zu vermuten war als bei der deutschen Sprache, hat sie doch seit ihrer Kindheit eine umfassende musikalische Ausbildung genossen. "Ich habe mit zehn Jahren angefangen", erzählt sie. Und damit sogar relativ spät. Denn die klassisch musikalische Ausbildung auf Kuba sei sehr gut, die Kinder würden sich schon im Alter von sechs oder neun Jahren entscheiden, ob sie Musiker werden wollten. "Da studierst du dann schon", sagt Yudania. Nicht auf der Uni, aber Musikunterricht gibt es den ganzen Tag über. Neben der eigentlichen schulischen Ausbildung. Musiktheorie, Musikwissenschaft, Gehörbildung: All das "hatte ich schon als Kind".

Streng geht es auch zu in dem Land, das hierzulande musikalisch eher mit dem Buena Vista Social Club in Verbindung gebracht wird, "es wird immer wieder aussortiert". Yudania Gómez zählt aber nicht zu denjenigen, die auf der Strecke bleiben, im Gegenteil: Ihr Talent am Klavier - und nicht nur dort - fällt auf. Sie habe sich gar nichts anderes vorstellen können als Musik zu machen, sagt sie. An der Uni stieß sie später auf die Kirchenmusik. Die auf Kuba vor allem wegen der spanischen Einwanderer eine lange Tradition besitzt. Mit der Revolution aber ziemlich abrupt endete. "Es ging viel verloren", sagt Yudania bedauernd. Pfarrer mussten das Land verlassen, die Orgel als Instrument geriet in Vergessenheit. Bis Stefan Baier kam, neben Markus Rupprecht einer ihrer Dozenten in der Oberpfälzer Bezirkshauptstadt.

Regensburg hilft Kuba

Professor Stefan Baier, der heutige Rektor der Regensburger Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik (HfKM), hat es sich zur Aufgabe gemacht, das kirchenmusikalische Leben auf Kuba zu neuer Blüte zu bringen. Die HfKM ist die ideelle Mutter der 2014 gegründeten "Cátedra de Música sacra", dem Lehrstuhl für Kirchenmusik am kirchlichen Institut P. Felix Varela in Havanna. Mittlerweile sind die ersten Absolventen als Kirchenmusiker in Havanna tätig. Einige der Absolventen können, dank der Unterstützung durch die Diözese Regensburg, ihre Studien an der Regensburger Musikhochschule fortsetzen. Wie eben Yudania. Sie habe bis dato nur Klavier gekonnt, erzählt sie, auf diesem Instrument ihre Aufnahmeprüfung absolviert. Heute hat sie ihren Bachelor im Studiengang Orgelimprovisation in der Tasche. Bewältigt aber noch ein weiteres Studium in Nürnberg an der Hochschule für Musik. Chorleitung und Gregorianischen Gesang. Der Master steht an, in einem Jahr. "Vielleicht dauert es wegen Corona auch ein Semester länger."

Sehr breit aufgestellt

Warum Nürnberg? Es ist von Landersdorf, wo sie mit ihrem Mann Johann Mackauer lebt, leichter zu erreichen. "Es ist für mich wieder ein Neuanfang", erzählt Yudania Gómez. Schon der zweite. In ihrer Heimat war sie schon als Musikerin und Komponistin erfolgreich, hatte Wettbewerbe gewonnen. Auch in Regensburg sei sie nach zwei, drei Jahren ziemlich bekannt gewesen, sagt sie - durch Konzerte oder als Chorleiterin sowie durch Auftritte als Model. Etwa einmal im Monat fährt sie noch immer in die Oberpfalz, um Freundinnen oder auch Hochschullehrer zu treffen. "Das ist für mich zur zweiten Heimat geworden", sagt Yudania, sie arbeite dort auch noch in einem Fitnessstudio - wenngleich der Zumba-Kurs derzeit noch immer online stattzufinden hat. Salsa-Workshops gibt sie ebenfalls. Breit aufgestellt ist die 26-Jährige in all ihren Tätigkeiten. Auch als Komponistin hat sie sich bereits einen Namen gemacht. "Ich glaube, meine Musik ist harmonisch und rhythmisch. Das passt zu den Texten. Ich schreibe meine eigenen Texte - auf Deutsch und auf Spanisch."

Bayerisch oder vielmehr das Oberpfälzische gehört allerdings nicht dazu. Obwohl sie in Regensburg seinerzeit die Leitung des ältesten Männerchors der Stadt übernommen hat, 1898 gegründet. "Die haben alle Bayerisch gesprochen", schildert Yudania, "das war sehr lustig." Nun kommt das Fränkische hinzu, in Stein bei Nürnberg hat sie schon die Leitung eines Kirchenchors übernommen. Zumindest in der Theorie: "Wegen Corona finden keine Proben statt."

Letztlich war es die Pandemie, die ein Stück weit dazu beigetragen hat, dass Yudania Gómez den Entschluss gefasst hat, endgültig in Deutschland zu bleiben. Der Besuch in Havanna im vergangenen Jahr dauerte nämlich deutlich länger als geplant, ein Rückflug war nicht zu ergattern. "Ich bin drei Monate in Kuba gestrandet", blickt sie zurück. Und war plötzlich mit der Frage konfrontiert, wie es im Leben weitergehen solle: "Was passiert, wenn ich in Kuba bleibe?"

Sie blieb nicht, im Gegenteil. Die junge Frau schlägt Wurzeln in Landersdorf. Mit der Perspektive Nürnberg. Etwas mit Theater oder Oper zu machen, das könne sie sich im Hauptberuf vorstellen, erzählt sie. Wenn es den großen Job nicht gibt, "habe ich immer noch viel zu tun", sagt sie mit strahlendem Gesicht. Ein Ehrenamt mit etwas Aufwandsentschädigung hier, ein Modeljob dort. Schade, dass Fitnessstudios so lange geschlossen hatten, findet Yudania: "Sonst wäre ich schon eher vollständig angekommen, mit allem, was ich mache."

HK

Volker Luff