Ingolstadt

Gegen das Vergessen

Im Luitpoldpark erinnert jetzt die letzte freie Stele an Holocaust-Opfer Marie Herzenberger

30.01.2019 | Stand 02.12.2020, 14:44 Uhr
Sabine Kaczynski
An der neuen Stele: Beatrix Schönewald, die Leiterin des Stadtmuseums, Kulturreferent Gabriel Engert, Serina Roché, OB Christian Lösel, Romani Rose und Edmund Hausfelder, stellvertretender Leiter des Stadtarchiv (von links). −Foto: Rössle/Stadt Ingolstadt

Ingolstadt (DK) Seit 1999 stehen in Ingolstadt an verschiedenen Orten blaue Stelen als Mahnmal gegen das Vergessen der Gräueltaten der NS-Diktatur. Eine letzte noch freie Stele im Luitpoldpark wurde jetzt neu gestaltet und erinnert nun an das Schicksal von Marie Herzenberger, die als Angehörige der Sinti und Roma am 11. Mai 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus fand zu diesem Anlass eine Gedenkstunde im Barocksaal des Stadtmuseums statt.

Nach der Begrüßung der Besucher, darunter auch ein Holocaust-Überlebender, Stadträte und Vertreter der Stadt Ingolstadt, durch Oberbürgermeister Christian Lösel erinnerte Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrates der Sinti und Roma, an das erlittene Unrecht dieser Minderheit und die Verpflichtung, ihr gemeinsames Vermächtnis auch in Zukunft zu bewahren. Auch Marie Herzenberger, die nun die Stele im Luitpoldpark erhält, war eine Angehörige dieser Minderheit und wurde in Auschwitz ermordet. "Der Name Auschwitz steht für den Holocaust an 500000 Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa. Es gibt kaum eine Familie, für die der Name Auschwitz nicht gleichbedeutend mit dem Verlust von Angehörigen ist", so Rose. Er erinnerte daran, dass es bereits seit der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 Ausgrenzungen und Entrechtungen gegenüber den Sinti und Roma gegeben hatte - allein aufgrund ihrer Abstammung. Mit eindringlichen Worten schilderte der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma, mit welchen Ungerechtigkeiten, Repressalien, Demütigungen und Schikanen - bis hin zur Ermordung - die Minderheit während der NS-Diktatur leben musste. "Die Erfahrung absoluter Rechtlosigkeit hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und unsere Identität als Minderheit bis heute geprägt", meint Rose. Es gehe jedoch heute nicht mehr darum, den nachfolgenden Generationen Schuld zu übertragen. Der Sinn des Erinnerns bestehe in der gelebten Verantwortung für die Gegenwart. "Viele Kommunen haben diese Verantwortung angenommen, wie die heutige Einweihung der Gedenkstele zeigt", sprach Romani Rose der Stadt Ingolstadt seinen Dank aus. Gleichzeitig warnte er davor, Frieden als selbstverständlich anzusehen. "Unsere demokratischen Werte werden gerade in Frage gestellt, wie die Wahlerfolge von rassistischen, offen nationalistischen Parteien in ganz Europa gezeigt haben. Daher ist es wichtiger denn je, diesen bedrohlichen Tendenzen entschlossen entgegenzutreten."

Auch Serina Roché, die Enkelin von Marie Herzenberger, bedankte sich für die Möglichkeit, durch die Stele an die Verfolgung und Leidensgeschichte der deutschen Sinti und Roma - und speziell Marie Herzenberger - zu erinnern. Sie erzählte, wie ihre Großmutter von den Nazis aufgegriffen und in mehrere Konzentrationslager gebracht worden war, bis sie schließlich im März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde und am 11. Mai dort starb. Auch wenn es keine genauen Dokumentationen gibt, ist es mehr als wahrscheinlich, dass Marie Herzenberger einen gewaltsamen Tod sterben musste.

Serina Roché schilderte in bewegenden Worten ebenso die Geschichte ihres Vaters und weiterer Mitglieder der Familie ihrer Großmutter, die, sofern sie nicht von den Nazis ermordet wurden, schwerst traumatisiert aus den Lagern zurückkehrten. "Daher ist die Zeit der Lageraufenthalte vor uns Kindern kaum thematisiert worden", berichtet Roché. "Denn unsere Eltern wollten uns schützen." Erst die Gründung des Zentralrats der Sinti und Roma und die damit einhergehende Aufarbeitung dieses Teils der deutschen Geschichte gaben für viele den Anstoß, ihr Schweigen zu brechen. "Es geht heute darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Minderheiten der Sinti und Roma seit über 600 Jahren deutsche Bürger, ein fester Bestandteil der deutschen Geschichte und ihrer Gesellschaft sind", meint Serina Roché und appellierte abschließend an alle, klassischen Stereotypen und Vorurteilen gegenüber den Minderheiten entgegenzutreten.

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkstunde von Sandro und Timo Roy sowie der Pianistin Silvia Amberger. Der Geiger Sandro Roy, der selbst aus einer Sinti-Familie stammt, hatte mit Stücken aus den Soundtracks zu "Yentl" und "Schindlers Liste" einfühlsame Musik ausgesucht, die die Thematik der Veranstaltung eindringlich unterstrich. Im Anschluss an die Gedenkstunde im Stadtmuseum wurde die Stele im Luitpoldpark eingeweiht - sie gibt nun Marie Herzensberger ein Gesicht und informiert über ihre Geschichte.

Sabine Kaczynski