Führerschein für Pferdegespann

15.01.2021 | Stand 23.09.2023, 16:27 Uhr |
Dominik Harrer
Isidor Wittmann (Pietenfeld), Michael Schmidt und Isidor Wittmann (Untermöckenlohe) bei der Abschlussprüfung der Reit- und Fahrschule im Frühjahr 1950 am Tauberfelder Weg. −Foto: Sammlung Schmidt

Die Milchfahrer von Möckenlohe (Teil 1) - eine lange und wechselvolle Tradition. Waren anfangs Pferde das Transportmittel der Wahl, wurden sie im Laufe der Jahre von Traktoren abgelöst. Oder: Königstiger ersetzt Schimmel.

Möckenlohe - 255 Kühe gab es in den Jahren 1964/65 in Möckenlohe, sie verteilten sich auf 37 landwirtschaftliche Anwesen im Ort. Dabei reichte die Spanne der Betriebsgrößen von einer einzelnen Kuh bis zu 29 Stück pro Hof. Im Ort gab es keine Molkerei, die Möckenloher Milch musste nach Nassenfels gebracht werden, um dort verarbeitet werden zu können.
Über viele Jahrzehnte war der Milchtransport in Möckenlohe fest mit einem Anwesen verknüpft. In der Zwischenkriegszeit war dafür die Familie Müller mit dem Hausnamen "Beim Schaffer Franz" zuständig. Als sie im Frühjahr 1935 ihren an der Hauptstraße gelegenen Hof an Ludwig und Veronika Schmidt aus Großhöbing verkaufte, ging die Aufgabe des Milchfahrens an die neuen Besitzer über. Ludwig Schmidt übte diese Tätigkeit 15 Jahre aus, ab 1949 stieg sein Sohn Michael - gerade einmal 14 Jahre alt - mit ein.

Schimmel auf Abwegen

Gefahren wurde ab 1945 mit zwei Schimmeln, die im Zweiten Weltkrieg als Pferde der Wehrmacht gedient hatten. Viehhändler Kettner aus Eichstätt hatte sie "zusammen gefangen" und an Ludwig Schmidt verkauft. Als dieser mit den beiden neuen Zugtieren das erste Mal über den "Loubuck" zwischen Möckenlohe und Nassenfels fahren wollte, streikten die Pferde - sie waren das Ziehen bergauf nicht gewohnt, und die wertvolle Ladung Milch landete buchstäblich rückwärts im Graben. Da sich die Nassenfelser Molkerei bis 1957 unten im Ort befand, vollzog sich das gleiche Malheur auch auf dem Rückweg, dieses Mal noch im Dorf am sogenannten "Bräubuck". Daher musste zunächst nochmal das alte Pferd der Schmidts abwechselnd mit einem der beiden Schimmel eingespannt werden, um sie das Ziehen zu lehren.

Vom Pferd zum Eicher

Um mit dem Pferdegespann auch sicher unterwegs zu sein, hatte Michael Schmidt 1950 die Reit- und Fahrschule absolviert. Vergleichbar mit der heutigen Führerschein-Ausbildung gab es damals zunächst ebenfalls einen theoretischen Teil, der beim Besl-Wirt in Möckenlohe durch einen Reitlehrer abgehalten wurde. Danach ging es an den praktischen Unterricht. Hierbei musste unter anderem vierspännig gefahren werden, und es wurde bergauf und bergab beziehungsweise mit Hindernissen geritten. Beschlossen wurde die Ausbildung mit einer Abschlussprüfung, bei der sich unter anderem die Pferde auf den Boden legen und die Reiter sich auf oder an das Pferd setzen mussten - nur der Schimmel von Michael Schmidt wollte nicht liegenbleiben und stand immer wieder auf. Nach erfolgreich abgelegter Fahrprüfung gab es sogar noch ein Abschlusskränzchen in der Wirtschaft. Doch bereits 1952 hatten die Pferde ausgedient, es wurde ein Eicher-Traktor mit 16 PS angeschafft, der fortan den Wagen mit den Milchkannen zog. Trotz Motorisierung konnte es dennoch immer wieder zu Komplikationen kommen. War es beispielsweise auf der Steigung nach Nassenfels im Winter zu glatt, kam auch der Bulldog an seine Grenzen. An solchen Tagen wurde der Milchtransport von Untermöckenlohe aus schon vorsorglich beobachtet; kam das Gespann nach geraumer Zeit nicht wieder aus dem "Louhözla" zum Vorschein, so sprang der "Roußer" aus Untermöckenlohe mit einem stärkeren Schlepper ein und zog es über die Kuppe des Loubucks.

2500 Liter am Tag

Anfangs waren die gelieferten Milchmengen mit 250 Liter pro Tag überschaubar. Bis in die 1950er-Jahre nutzten noch viele Kleinbauern ihre Milchkühe auch als Zugtiere, weshalb die Milchleistung gering war. Die kleinsten Betriebe lieferten nur etwa 5 Liter am Tag, hierfür gab es extra kleine Milchkannen mit eben 5 Liter Fassungsvermögen. Mit der steigenden Motorisierung wuchs nicht nur die Zahl der Kühe insgesamt, sondern auch deren Milchleistung - sie mussten nun ja nichts mehr ziehen. So stieg die in Möckenlohe produzierte Milchmenge ab den 1950er-Jahren von 650 Liter auf 1000 und in Spitzenzeiten auf bis zu 2500 Liter pro Tag. Die Milch wurde von den Höfen in Milchkannen auf speziellen "Müllebankla"(Milchbänke) zur Abholung bereitgestellt, oft waren weit über 100 Kannen in die Molkerei zu transportieren. Dort mussten die Kannen dann von Hand ausgeschüttet werden. In der neuen Nassenfelser Molkerei gab es immerhin schon ein Förderband und eine Spülmaschine, so dass die Milchkannen gereinigt zurückgebracht werden konnten. Teilweise bekamen die Bauern in den Kannen auch die entrahmte Magermilch wieder zurück, die dann verfüttert wurde.

Etwa zwei Stunden dauerte es, bis alle Kannen eingesammelt und zur Verarbeitung gebracht worden waren. Als ab 1970 Adelschlag hinzukam, lag der Zeitaufwand bei 3,5 Stunden und die transportierte Menge bei etwa 3000 Liter. In dieser Zeit war die Zahl der Milchbauern schon wieder rückläufig, erste Höfe stellten unter anderem bereits auf Bullenmast um.

Botendienste

Weil die Mobilität in früheren Jahren noch nicht in der Form gegeben war wie heute, wurde der Milchtransport gleichzeitig für andere Dinge mitgenutzt. In einer eigenen Brotkiste wurden Brot und Semmeln bei der Rückfahrt vom Nassenfelser Bäcker ins Möckenloher Lebensmittelgeschäft Habold transportiert. Es gab auch Familien, die sich regelmäßig Wurst vom Nassenfelser Metzger mitbringen ließen.

Freitags wurden regelmäßig durch den Milchfahrer diverse vorbestellte Produkte der Nassenfelser Molkerei an die Möckenloher Milchviehbetriebe ausgeliefert, was dem Fahrer oft ein zusätzliches Trinkgeld einbrachte. In der Nassenfelser Molkerei gab es zu dieser Zeit Butter und verschiedene Joghurtsorten, außerdem einen legendären Tilsiter- und Backsteinkäse.

40 Jahre gleicher Lohn

Der Lohn des Milchfahrers betrug 1 Pfennig pro geliefertem Liter Milch - von 1935 bis 1974! Während der 1940er-Jahre war der Lohn zwischenzeitlich sogar auf 0,9 Pfennig gedrückt worden, was jedoch nach wenigen Jahren wieder rückgängig gemacht worden war. Ärgerlich für Milchfahrer und Milchlieferanten war es, wenn die Milch im Sommer mangels Kühlung zu säuern begonnen hatte. Dazu wurde die Milch mit entsprechenden Papierstreifen getestet und die betroffenen Kannen gegebenenfalls mit roten Infozetteln versehen zurückgeschickt. Weder Fahrer noch Bauer erhielten in diesem Falle einen Lohn. Kamen Milchkannen mit den roten Zetteln zurück, so sagte man im Dorf: "Heut fährt er wieder beflaggt."

Das Ende der Milchkannen

Auch wenn die Zahl der Milchviehbetriebe in den 1970er-Jahren schon rückläufig war, die Milchleistung einer einzelnen Kuh stieg stetig und damit die gelieferte Gesamtmenge im Ort. Zwischenzeitlich hatte Michael Schmidt sich neue Traktoren angeschafft, um die steigenden Milchmengen bewältigen zu können, zunächst einen Eicher Tiger II und dann einen Eicher 3007 Königstiger. Letztlich war das Milchfahren mit Bulldog und Anhänger jedoch nicht mehr wirtschaftlich zu bewerkstelligen.

Anfang der 1970er-Jahre hatten die Milchfahrer von Egweil und Biesenhard schon aufgehört, 1974 lieferte dann auch Michael Schmidt das letzte Mal Möckenloher Milch in Kannen nach Nassenfels. In der Folge wurden von der Molkerei Tankwagen angeschafft, die nun die Milch bei den Bauern holen sollten. Von den Möckenloher Milchfahrern der jüngeren Vergangenheit berichtet in Kürze ein weiterer Artikel in dieser Reihe.

Nachtrag zum Austrag

Michael Schmidt blieb auch in späteren Jahren gewissermaßen dem Transportwesen treu. Nachdem er in den Ruhestand getreten war, sah er sich als Landwirt im Austrag nach einer Nebenbeschäftigung um. Als die Gemeinde Adelschlag 2001 einen Fahrer für den gemeindlichen Kindergartenbus suchte, nahm er diese Tätigkeit auf und beförderte fortan für elf Jahre zu aller Zufriedenheit ein noch viel kostbareres Gut: die Kinder des Möckenloher Kindergartens.

So erinnern sich die älteren Möckenloherinnen und Möckenloher an den Milchfahrer - die jüngeren dagegen an den Buschauffeur Michael Schmidt.

EK

Dominik Harrer