Kösching

Frühaufsteher mit rollender Rakete

Herbert Schwarzer radelt im Velomobil zur Arbeit nach Garching – mal von Kösching, mal von Augsburg

21.12.2015 | Stand 02.12.2020, 20:24 Uhr
Herbert Schwarzer fährt jeden Tag mit seinem Liegefahrrad in die Arbeit nach Garching. −Foto: Patrick Stäbler

Kösching (DK) Herbert Schwarzer pendelt zur Arbeit nach Garching bei München. So weit nichts Besonderes, doch der 56-Jährige fährt nicht etwa mit dem Auto in die Arbeit, sondern mit dem Fahrrad – und die Strecke ist rund 80 Kilometer lang.

Dunkelheit liegt über Großmehring, der Stundenzeiger der Uhr ist noch ein gutes Stück von der 4 entfernt. Zu dieser Zeit – nicht mehr richtig Nacht, noch nicht richtig Morgen – liegt die Staatsstraße 2335 verlassen da. Sie führt östlich von Ingolstadt nach Manching, und in gut vier Stunden werden hier die Autos entlangbrettern. Jetzt aber schimmert der Asphalt noch friedlich und unbefahren im Mondlicht – bis in der Dunkelheit plötzlich ein Gefährt heranbraust.

Es hat die Form einer Rakete, ist leise wie ein Fahrrad, aber schnell wie ein Auto. Mit einem sanften Sssssst saust die rollende Rakete vorbei; erst auf den zweiten Blick wird klar, dass darin jemand sitzt. Jemand mit langen Haaren, die im Fahrtwind flattern.

Die graue Mähne gehört zu Herbert Schwarzer. Der 56-Jährige ist auf dem Weg zur Arbeit nach Garching, in den Norden von München. Rund 80 Kilometer liegen vor ihm – deshalb ist er heute um 3 Uhr aufgestanden, so wie jeden Morgen, wenn er bei seiner Lebensgefährtin in Kösching übernachtet. Denn Schwarzer fährt die Strecke Kösching – Garching nicht mit dem Auto, sondern mit dem Rad. Genauer gesagt: mit seinem Velomobil – ein verkleidetes Liegefahrrad mit drei Rädern, 26 Kilo schwer, das er allein mit seiner Muskelkraft antreibt. Und wie!

Gibt man im Internet die Strecke von Kösching nach Garching ein, spuckt der Rad-Routenplaner eine Fahrtzeit von 4:31 Stunden aus. Herbert Schwarzer hingegen braucht mit seinem Velomobil nur rund zwei Stunden – „und auf dem Rückweg bin ich eine Viertelstunde schneller, denn da geht’s bergab“, sagt er grinsend. Die Fahrt von und nach Kösching ist die längere seiner zwei Pendelstrecken, wobei es auch die Alternativroute in sich hat: Schläft er daheim in Augsburg, sind es fast 75 Kilometer in die Arbeit. „Da stehe ich immer um 3.30 Uhr auf“, erzählt Schwarzer. „In Kösching klingelt der Wecker noch eine halbe Stunde früher.“

Warum sich jemand so was antut? „Weil’s mich fit hält. Und weil’s Spaß macht.“ Und weil er mitunter ebenso lange im Auto saß, wenn auf der A 9 mal wieder nichts mehr ging. „Die Zeit im Stau ist verlorene Zeit, und das hat mich aufgeregt“, erinnert sich Schwarzer.

Also setzt er sich 2003 erstmals auf sein Rennrad und fährt von Augsburg aus in gut zwei Stunden zur Arbeit. „Damals war das Wetter wochenlang schön“, erzählt Schwarzer. „Für mich ein genialer Einstieg.“

Anfangs nimmt er montags und freitags noch das Auto, um Kleider und Schuhe von A nach B zu bringen. Doch nach und nach baut er sich an seinem Arbeitsplatz einen „zweiten Mini-Hausstand“ auf, wie er das nennt – vom Sakko bis zur Zahnbürste.

Bald schon steigt Schwarzer jeden Tag aufs Rad – und will davon auch nicht ablassen, als es langsam Winter wird. Also kauft er sich ein Velomobil, speziell auf ihn angepasst, für fast 6000 Euro. Nun kann er bei Wind und Wetter pendeln, hat etwas Stauraum für seinen Rucksack und ist obendrein schneller als mit dem Rennrad. Auf freier Strecke kommt sein Velomobil auf Geschwindigkeiten um die 60 Kilometer pro Stunde; bergab kann’s sogar noch schneller werden.

Innerorts ist Schwarzer schon mehrmals geblitzt worden, besonders oft in Geisenfeld – ein Strafzettel aber kam noch nie. Denn: „Im Gegensatz zu den Tempo-Schildern gilt die Beschränkung im Ort nur für Kraftfahrzeuge“, weiß Schwarzer – also nicht für ihn. Mit seinem Velomobil meidet er Radwege, weil die oft zu schmal sind. Stattdessen ist der Augsburger auf Staats- und Bundesstraßen unterwegs, kommt dort aber kaum einmal mit Autos ins Gehege. „Zur Hauptverkehrszeit könnte ich natürlich nicht fahren“, sagt Schwarzer. „Aber sonst lassen einen die meisten Autofahrer in Ruhe, wenn man schneller als 40 fährt.“

Und wie schaut’s mit Muskelkater aus? Da schüttelt Schwarzer nur leise den Kopf. „An die Belastung gewöhnt man sich relativ schnell.“

Ohnehin hat der Rad-Enthusiast schon ganz andere Distanzen zurückgelegt, etwa, wenn er zu Velomobiltreffen in ganz Deutschland reist. 300 Kilometer pro Tag sind da keine Seltenheit; sein Rekord liege gar bei 500 Kilometern, erzählt Herbert Schwarzer. „Danach habe ich aber erst mal einen Tag Pause gebraucht.“