München

Faszinierende Illusion

Die Kunsthalle München zeigt die Schau "Lust der Täuschung" - Visuelle Abenteuerreise durch die Jahrhunderte

20.08.2018 | Stand 02.12.2020, 15:50 Uhr
Wer traut sich? Unter den Füßen eröffnet sich bei "Richie's Plank Experience" (2017) von ToastVR ein Stadtpanorama: Häuser, Autos, andere Wolkenkratzer. Man tritt, sofern man den Mut hat, auf eine Holzplanke, 80 Stockwerke über dem virtuellen Abgrund. −Foto: Foto: Toast VR

München (DK) Abgründe tun sich auf.

Schwindelerregend. Mit der VR-Brille auf der Nase sieht man Straßenschluchten tief unter sich, man selbst auf einem schmalen Holzbrett balancierend. Stühle aus Plastik sind eigentlich aus Porzellan, zersprungenes Glas entpuppt sich als raffinierter Fotodruck, mit den 100-Dollar-Noten im Briefumschlag kann man nicht bezahlen, sie sind aus Holz. Und an dem Apfel und an der Birne würde man sich die Zähne ausbeißen. Täuschend echt ist das Obst - und doch aus Marmor.

"Trauen Sie Ihren Augen nicht! " könnte das Motto der Ausstellung "Lust der Täuschung" heißen, die in der Kunsthalle in München der jahrtausendalten Geschichte der Illusionsmalerei und des optischen Verwirrspiels eine Bühne bietet - und deutlich macht, dass jede Epoche die eigene Stufe der optischen Täuschung hatte. Von den bestechend schönen Fresken aus Pompeji bis zur zerbrochenen Teekanne von Livia Marin aus dem Jahr 2018 oder den virtuellen Parallelwelten führt der unterhaltsame und aufschlussreiche Parcours durch die Kunstgeschichte, berücksichtigt Malerei, Skulptur, Video, Architektur, Design, Mode und interaktive Virtual-Reality-Kunst.

Die visuelle Abenteuerreise beginnt in der Antike, mit der "Urlegende" der Kunst. Plinius der Ältere beschreibt vor zweitausend Jahren den Wettstreit zweier Künstler. Xeuxes, der Trauben so naturgetreu gemalt hat, dass die Vögel an ihnen picken wollten. Er wähnte sich schon als Sieger und bat Parisius, doch den Vorhang an seinem Gemälde wegzuziehen, damit er sein Bild sehen kann. Parasius war der klare Sieger, weil er es geschafft hat, nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen zu täuschen. Der Vorhang war das Gemälde.

Eine Fülle an hochkarätigen Exponaten sind in München versammelt: Etwa die kostbare Truhe mit perspektivischen Intarsienarbeiten (um 1470). Faszinierend in der Kunstfertigkeit sind die Stillleben der Niederländer, die Dreidimensionalität auf zweidimensionalem Grund erzeugten. Man kann aber auch schmunzeln: Es gibt eine Terrine in Form eines Eberkopfes von 1748, die - gefüllt mit dem heißen Gericht - einst auf dem Tisch aus den Ohren dampfte oder eine glitzernde Handtasche in Ananas-Optik. Die Schau zeigt aber nicht nur die Lust der Künstler an der Täuschung, sondern fördert auch die Lust des Betrachters, sich auf dieses Spiel einzulassen. Zu sehen sind Partykleider mit dreidimensionalen Mustern von Roberta di Camerino, eine gigantische Anamorphotische Wandmalerei, wie sie eine Wand im Kloster Trinta dei Monti in Rom ziert. Und es geht bei Philipp Messner und seinen skulpturalen Masken aus dem 3D-Drucker um die Schnittstelle zwischen Artifiziellem und Natürlichem, um Identität und Überwachung. Wir staunen über die hyperrealistischen Skulpturen von John de Andrea und erschrecken, wenn die Lokomotive in Chris Milks Hommage an August und Louis Lumière, "Evolution of Verse" (2015), auf uns zufährt. Die Brüder hatten 1895 die Ankunft eines Zuges am Bahnhof von La Ciotat gefilmt. Einige Kinobesucher sollen, als der Zug dicht an der Kamera vorbei raste, vor Angst hinter die Sitzbänke gesprungen, andere gar aus dem Raum gestürzt sein.

Verblüffend ist die Geschichte um die täuschend echte Kopie des Ölgemäldes "Das Schlafzimmer" von Vincent van Gogh. Neben dem Original hängt eine Reliefografie, die die Ausstellungsmacher in einem Dorf in China in Auftrag gegeben haben, der weltweit führende Produktionsstätte für Billigkunst.

Die Verbindung von "Fake Views" zu "Fake News" scheint bei dieser Schau nahe zu liegen, aber auch nur auf den ersten Blick. Der Vergleich hinkt. Den Künstlern - gleich ob in der Antike oder in der Gegenwart - war die Täuschung zwar ein Anliegen und eine immense Herausforderung. Der Erfolg war aber nur gegeben und die Meisterschaft nur dann geglückt, wenn sich der Betrachter "ent-täuscht" sah, wenn das Spiel um Schein und Sein entlarvt wurde. Wenn aus der Illusion eine Offenbarung wurde. Getäuscht wird das Auge, nicht der Verstand.

Das ist bei "Fake News" bekanntermaßen anders. Deren Autoren und Multiplikatoren sind keine Meister, sondern Blender. Bei der Kunst darf sich man somit getrost auf die Sinnestäuschung einlassen. Bei suspekten Meinungsmachern sollte man hingegen ganz bewusst das Gehirn einschalten und genau hinschauen.

Lust der Täuschung, bis 13. Januar 2019 in der Kunsthalle in München. Täglich von 10 bis 20 Uhr. Umfassender Katalog mit zahlreichen Abbildungen, Hirmer, 39,90 Euro. Weitere Infos unter www. kunsthalle-muc. de.

Katrin Fehr