Ingolstadt

Faszination Blaulicht

Ein Psychologe erklärt, wie Unfallbilder auf Menschen wirken - und weshalb sie so viele anziehen

14.02.2019 | Stand 02.12.2020, 14:38 Uhr
Ein tödlicher Radunfall vor einigen Wochen in Ingolstadt, der DONAUKURIER bringt ein Bild dazu online und in der gedruckten Ausgabe - allerdings sind einige Bereiche gepixelt. An dem Bild stören sich einige Leser. In den Augen von Hans-Peter Kammerer von der Polizei ist dieses Foto aber nicht problematisch. −Foto: Heimerl

Ingolstadt (DK) Wenn ein Unfall passiert, eilen nicht nur Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei an den Ort des Geschehens. Oft ist auch ein Journalist vor Ort und macht Fotos. Während einige nicht nachvollziehen können, welchen Nutzen solche Bilder haben, üben Unfallfotos auf andere eine große Anziehungskraft aus - und die muss nicht immer negativ sein.

"Schwerer Unfall: Fotos vom Einsatzort", "Horror-Crash auf der Autobahn" und "86 Fotos vom schwerem Unfall" - Überschriften wie diese ziehen online millionenfach Leser an. Dahinter verbergen sich Bilder von verbeultem Blech und Rettungswagen. Die Psychologie kennt viele Erklärungen, weshalb Fotos von Unglücken viele faszinieren - Neugier ist nur eine davon. Doch die können auch Journalisten nicht grenzenlos bedienen.

Florian Stoeck ist Notfallpsychologe, er betreut Betroffene nach schweren Unfällen. Stoeck sagt, dass es viele verschiedene Ansätze in der Psychologie gibt, die erklären sollen, weshalb Unfallbilder Menschen faszinieren - zum Beispiel biologische. Eine Idee ist, dass der Mensch schlicht die Sinne nutzt, die er hat - wie das Auge. Doch angesichts von Unglücken greife auch ein Instikt, der Mensch frage sich: "Besteht für mich Gefahr?" Außerdem sind Menschen soziale Wesen und merken, "wenn es einem Artgenossen schlecht geht", wie Stoeck sagt. Auch individuelle Motive spielen laut dem Psychologen eine Rolle: Neugier, gucken wollen, Lustgewinn. "Wir kennen in der Psychologie das Phänomen ,sensation seeking', da wird Adrenalin ausgeschüttet." Es gebe aber auch positive Anreize: "Beim Menschen geht es ums Lernen aus Beispielen. Es ist wichtig zu sehen, dass geholfen wird."

Laut dem Psychologen gibt es bei einigen Menschen auch den Effekt, dass sie angesichts eines unschönen Anblicks wie dem eines Unfalls erstarren vor Schreck, nicht wegsehen können. Man müsse sich evolutionsbedingt entscheiden, ob man angesichts einer Gefahr kämpfe oder fliehe. Und das Erstarren oder auch Totstellen zähle als eine Art, zu kämpfen. Hinzu kommt laut Stoeck, dass viele Menschen schlicht vom System Feuerwehr oder Polizei fasziniert seien. Auch diese Faszination wecken Medien, wenn sie Unfallbilder zeigen. Doch auch, wenn die Neugier des Menschen nach immer mehr und immer detailierteren Motiven verlangen würde - Journalisten können nicht alles veröffentlichen.

Grundsätzlich ist es die Pflicht der Presse, zu informieren - und Themen von Interesse sind auch Unfälle. Die Art und Weise, wie Journalisten dabei an Informationen kommen und welche sie veröffentlichen sollten, ist im Pressekodex geregelt. Der hat den Charakter einer freiwilligen Selbstverpflichtung. Wenn sich eine Redaktion zum Beispiel in den Augen eines Lesers nicht an diesen Kodex hält, kann er Beschwerde beim Deutschen Presserat einreichen. Der prüft dann, ob er eine Rüge ausspricht.

Doch was regelt der Kodex? Er verpflichtet Journalisten dazu, bei ihrer Arbeit die Würde des Menschen zu wahren. Auch deshalb ist es zum Beispiel nicht zulässig, einfach so Unfallopfer zu zeigen - das gilt zum Beispiel auch für mit einem Tuch abgedeckte Leichen. Weiter ist geregelt, dass die Identität von Opfern zu schützen ist. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens sei es unerheblich, die Identität des Opfers zu kennen. Das bedeutet auch, dass bei Unfallbildern Kennzeichen verpixelt werden. Die Art, wie Journalisten berichten sollen, regelt der Kodex ebenfalls: Der Respekt vor den Gefühlen von Opfern und Angehörigen solle gewahrt bleiben. Diese dürfen durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden. Das überwiegt vor der menschlichen Neugier.
 

Das sagt die Polizei

Wie beurteilen eigentlich die Einsatzkräfte  Unfallbilder in der Presse? Hans-Peter Kammerer, Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, betreut Presseanfragen zur Polizeiarbeit  in  Ingolstadt und in zehn weiteren Landkreisen – wie Pfaffenhofen, Eichstätt und Neuburg-Schrobenhausen. Er beobachtet unterschiedliche Herangehensweisen der Presse an Unfallberichterstattung: „Eine seriöse Zeitung geht mit Bildern vielleicht auch seriöser um. Doch es gibt auch Boulevard-Blätter, die zum Beispiel mit Bildern offensiver umgehen.“ Doch er  betont: Die Polizei ist nicht dafür zuständig, Pressebilder zu beanstanden – schließlich gebe es Pressefreiheit und den Pressekodex). 

Mit den wachsenden  Online-Auftritten von Zeitungen beobachtet Kammerer, dass Bilder immer schneller veröffentlicht   und auch angefragt werden. Denn  die Polizei macht natürlich zu Dokumentationszwecken oft Bilder an  Unfallorten. An die Presse gibt die Polizei aber nur Fotos heraus, wenn es ein Interesse der Beamten gibt. Ein Foto, das  der Prävention und Warnung dient, können die Beamten zum Beispiel  veröffentlichen: „Wir können ein Bild aber nicht einfach an die Pressemitteilung hängen, weil es super aussieht.“ Dass Journalisten Einsatzkräfte  vor Ort im Einsatz stören, passiert laut Kammerer  selten: „Vor allem wenn wir bei großen Ereignissen  eine Pressebetreuung vor Ort haben, funktioniert das wunderbar.“
 

Sophie Schmidt