Eichstätt

Exotische Tierbilder mit Hintersinn

Beispielhafte pädagogische Konzepte der Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward zeigen Wirkung

24.03.2017 | Stand 02.12.2020, 18:26 Uhr

Foto: Eva Chloupek

Eichstätt (EK) Wertschätzung, Respekt und Toleranz beruhen auf Gegenseitigkeit - da sind Geflüchtete auch selbst in die Pflicht. Das ist die zentrale Botschaft der pädagogischen Konzepte in der Eichstätter Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward - und zwar bayernweit beispielhaft.

Die Eichstätter Einrichtung gilt seit ihrem Start im Oktober 2014 bekanntlich in vielen Dingen als vorbildlich - angefangen von der hervorragenden Lage am Residenzplatz mitten in der Innenstadt über die medizinischen Versorgung bis zum enormen Engagement, mit dem sich Eichstätter ehrenamtlich um die Betreuung der Bewohner kümmern. In Hochzeiten waren hier 257 Asylsuchende untergebracht - ein ständiges Kommen und Gehen. Aktuell sind es etwa 130 Menschen, überwiegend Männer aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Negative Aspekte schlagen sich nicht zuletzt in der Kriminalstatistik der Polizeiinspektion nieder (wir berichteten) - als vermehrte Einzelfälle von Bewohnern, die meist untereinander in Streit und Schlägereien geraten.

Natürlich sei es schwierig, wenn meist junge Männer aus unterschiedlichen Kulturkreisen nach oft traumatischen Erlebnissen hier auf engem Raum beschäftigungslos herumsitzen müssten, bestätigt Polizeichef Heinz Rindlbacher. Genau deshalb lobt er die pädagogischen Angebote von "Jonas Better Place" in Maria Ward.

Etwa das "Ehrenamtsprojekt", das viel mehr ist als abwechslungsreiche Besuche der Bewohner zum Beispiel beim Technischen Hilfswerk, beim Roten Kreuz oder der benachbarten Freiwilligen Feuerwehr inklusive Drehleiterfahrt. Objektleiter Tobias Geyer geht es darum, den Flüchtlingen Hintergründe zu vermitteln. Er erklärt ihnen, dass bei jedem Alarm - und jedem Fehlalarm - die Freiwilligen der Feuerwehr ihren Arbeitsplatz verlassen und sich beeilen, um Menschen zu retten; "auch euch, diese Ehrenamtlichen opfern ihre Freizeit und riskieren ihr Leben freiwillig für euch - und sie kriegen kein Geld dafür".

Die Geflüchteten, so erzählt Geyer, beeindruckt das schon. Deshalb achten sie auch stärker darauf, dass die Brandmelder nicht mehr so "leicht" angehen wie zuvor. Und sie haben auch konkret etwas zu tun und zu lernen, etwa Erste Hilfe oder den richtigen Umgang mit dem Feuerlöscher. "Das sind praktische Dinge, die sie bei der Integration hier gut brauchen können, die ihnen aber auch nützlich sind, wenn sie in ihre Heimat zurück müssen", sagt Geyer - denn die dauerhafte Bleibeperspektive vieler Bewohner ist ja ungewiss bis schlecht.

Der Pressesprecher der Regierung von Oberbayern, Dr. Martin Nell, lobt das Projekt, das vom Ministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration angestoßen und von den Sozialpädagogen in Eichstätt ausgearbeitet wurde, als "schönes Beispiel". Auch der Kommandant der Eichstätter Feuerwehr, Dieter Hiemer, macht gerne mit - und "rekruriert" demnächst vielleicht sogar einen Somalier mit Bleiberecht, der gerne bei der Freiwilligen Feuerwehr in Eichstätt aktiv mithelfen möchte.

Das stärkt den gegenseitigen Respekt und die Wertschätzung ebenso wie das "Wandprojekt" - ein bayernweit einzigartiges Konzept, das das pädagogische Team von "Jonas Better Place" unter der Leitung von Sofia Goudinoudis und Anna Weimer zusammen mit den Bewohnern der Einrichtung umgesetzt hat und das jetzt mit einem übersichtlichen Arbeitsheft dokumentiert ebenfalls für andere Einrichtungen zur Verfügung steht. Die Idee zum "Wandprojekt" klingt simpel: Die Bewohner gestalten ihre Umgebung selber aktiv mit - und schon gibt es kaum mehr Sachbeschädigungen und Vandalismus, dafür mehr Wohlbefinden und Achtsamkeit. So hatte sich Tobias Geyer das gedacht. Und seine Rechnung ist aufgegangen.

Die Pädagoginnen erarbeiteten mit den Bewohnern - mitmachen durfte jeder, der wollte - die Motive nach dem Beuys'schen Motto "Jeder Mensch ist ein Künstler". Mit Spendengeldern wurden Farbe und Pinsel gekauft, und los ging's: Das gemeinsame Malen und Gestalten machte nicht nur Spaß, sondern förderte auch Konzentration, Selbstwertgefühl und soziale Kompetenzen; tatsächlich gibt es kaum mehr Sachbeschädigungen im Haus, und so "nebenbei" zeigte sich auch so manches echte künstlerische Talent.

Bis Oktober soll das Projekt noch weitergehen, bis zum großen Abschiedsfest zur geplanten Schließung der Einrichtung. Und inzwischen ist fast jede Wand bemalt: Die sechs Bögen im Speisesaal zieren nun Landschaften aus den Heimatländern der Bewohner, im Treppenhaus tut sich eine farbenfrohe exotische Tierwelt auf, im Obergeschoss tanzen Musikinstrumente an den Wänden. Davor sitzt eine Gruppe afrikanischer Männer, spielt eine Art Backgammon und lacht zustimmend: Ja, die Wände seien schon wirklich "cool".