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Es war einmal ein dörfliches Idyll

Auf der Schattenseite der Wirtschaftswunderstadt: Besuch an der Friedrichshofener Straße

19.04.2013 | Stand 03.12.2020, 0:14 Uhr

Refugium relativer Ruhe: Ludwig Braun auf seinem Anwesen an der Friedrichshofener Straße. Der Block rechts hinten versperrt zwar die Sicht, dämmt aber den Verkehrslärm. Das Wohnhaus (hinter ihm) hat er vor 40 Jahren wohlweislich in der zweiten Reihe gebaut. - Foto: Rössle

Er hat es geahnt. Als Ludwig Braun 1973 auf seinem Anwesen an der Friedrichshofener Straße, einem ehemaligen Siedlerhof, ein neues Haus baute, setzte er es in die zweite Reihe. So weit nach hinten, wie es ging.

„Das habe ich wohlweislich getan“, sagt der 78-Jährige heute. „Denn da ist es schon losgegangen mit dem vielen Verkehr, auch wenn die Leute noch nicht mit so einem Hurra durchgerast sind wie heute, und die Autos waren auch noch nicht so aufgemotzt.“ Doch wie gesagt: Er sah es kommen und ist froh über seine Entscheidung. „Wer direkt an der Friedrichshofener Straße wohnt, hat Pech gehabt, der kann seinen Balkon oder die Terrasse vergessen“, sagt Braun. „Und auch die vorderen Fenster kann er nicht mehr aufmachen, höchstens zum Lüften.“ Denn hier quält sich der Verkehr durch den Ort. Und quält die Anlieger. Bis zu 25 000 Fahrzeuge am Tag. Doch der Strom schwillt immer weiter an. Dem Wirtschaftsboom sei Dank. „Ein Wahnsinn“, sagt Braun.

Der gebürtige Friedrichshofener wohnt gleich neben dem Feuerwehrhaus. Wenn er in seinem Garten sitzt (auch der ist angenehm weit von der Straße weg gelegen), sieht er rechts den Maibaum aufragen. Zur Linken spitzte einst der markante Turm der Volksschule hervor, aber die ist lange Geschichte. Bis auf den Turm; der ziert den Pausenhof des Nachfolgerbaus an der Jurastraße. „Früher hat man an der Schule vorbei über die Felder bis in die Stadt gesehen“, erzählt Braun. Jetzt versperrt ein Wohn- und Geschäftshaus wie ein hoher Riegel den Blick. „Das hat aber auch sein Gutes: Es schirmt den Verkehrslärm ab.“

Früher. Eine andere Welt. Und noch gar nicht so lang her. „Bis in die Sechziger war Friedrichshofen ein ruhiges Straßendorf.“ Vorher herrschte noch größere Stille. „Als Kinder sind wir zum Hoftor gestürmt, wenn mal ein Auto gekommen ist. Oft waren es Bierlaster. Wegen ihrer Vollgummireifen hat man die schon von Weitem gehört. Heute rennt alles weg vom Verkehr. Aber wo willst du hin“ Er ist ja überall.

Als Friedrichshofen sich 1969 der Stadt Ingolstadt anschloss, zählte der 82 Hektar große Ort 463 Einwohner. Heute, nach der Ansiedlung des komplett neuen Viertels Hollerstauden, sind es 8488 Bürger auf 488 Hektar. Eine Vervielfachung. Von 2010 bis 2012 stieg die Bevölkerungszahl um 6,2 Prozent – die höchste Quote der Stadt. Dem Wohngebiet Friedrichshofen-West ist schon der Weg bereitet worden. Die Verdichtung geht weiter.

Ludwig Braun akzeptiert, dass sich die Zeiten ändern. Und er schätzt die Vorzüge der Mobilität. „Ich will ja auch fahren.“ Doch ihn ärgert kleinräumiges Denken in der Verkehrspolitik. „In den siebziger Jahren war eine Umgehung geplant. Aber mit dem Bau des Klinikums war die vom Tisch – dabei hätte die das gar nicht beeinträchtigt.“ Oder, ganz aktuell, die angekündigte Verbindung der Levelingstraße mit der Ochsenmühlstraße. „Da planen die nur so eine Art besseren Feldweg. Aber das ist doch keine Verkehrspolitik für das 21. Jahrhundert. Hirnrissig ist das!“

Ist die Gemütlichkeit bei all dem Wandel auf der Strecke geblieben? Ja, sagt der 78-Jährige. „Das Maibaumaufstellen geht ja gerade noch. Aber sonst braucht man sich da nicht mehr auf der Straße aufhalten.“ sic