Gleislhof

"Es ist nichts mehr heilig"

Wolfgang Tratner und Wilfried Michel starten Unterschriftenaktion gegen mögliches Baugebiet in Gleislhof

25.06.2019 | Stand 02.12.2020, 13:40 Uhr
Sie wollen die Natur in Gleislhof erhalten: Darum haben Wolfgang Tratner (links) und Wilfried Michel eine Unterschriftenaktion gegen die Herausnahme einer 1,7 Hektar großen Fläche aus dem Naturpark Altmühltal gestartet. −Foto: Schmied

Gleislhof (DK) In Gleislhof könnte ein Baugebiet entstehen.

Das dafür vorgesehene Areal liegt im Naturpark Altmühltal. Aktuell läuft ein Verfahren, in dessen Rahmen geprüft wird, ob eine Herausnahme der Fläche möglich ist. Die Entscheidung trifft letztlich der Umweltausschuss des Kelheimer Kreistags. In der Bevölkerung werden die Pläne teils kritisch gesehen. Zwei Bürger haben darum eine Unterschriftenaktion gestartet.

Irgendwo müsse man anfangen, sagt Wolfgang Tratner. Es könne nicht sein, dass immer mehr Natur zu Bauland wird. "Im 21. Jahrhundert erwarte ich etwas anderes als diese Methoden", erklärt er und nennt als Stichworte Nachverdichtung und ein langsames Wachstum in Sachen Bauland. Erst Lücken schließen, bevor Wiese um Wiese versiegelt wird, appelliert er. "Wenn die Natur einmal kaputt ist, erholt sie sich nicht mehr. " Und dann wäre da noch der Rattenschwanz an Problemen, die dieses Vorgehen mit sich bringen würde, ergänzt Wilfried Michel. Mehr Einwohner bedeuteten einen höheren Druck auf die Infrastruktur: Da sei die Kläranlage, die an ihre Grenzen stoße, da seien die Straßen und der Verkehr, die Kindergärten und Schulen. "Das sind scheinbar triviale Probleme, die sich aber massiv auswirken", ist er sich sicher. "Man tut sich keinen Gefallen damit, das Baugebiet durchzudrücken, wenn dies unüberschaubare Probleme für die Kommune mit sich bringt. "

Diese "Weiteren Nachteile einer Wohngebietserweiterung" stehen auf der Rückseite des Handzettels, der derzeit in der Bevölkerung seine Runden dreht. Tratner und Michel haben ihn für eine Unterschriftenaktion konzipiert, mit der sie den Verantwortlichen aufzeigen wollen, dass der Widerstand gegen die Herausnahme der Fläche bei Gleislhof aus der Schutzzone groß ist. Abgebildet sind weiterhin das betroffene Gebiet und die beiden Flächen, die seinerstatt in den Naturpark Altmühltal aufgenommen werden sollen. Die eine Fläche befindet sich oberhalb von Aicholding, eine weitere in Prunn. "Minderwertige Flächen" sind es, die das "schützenswerte Biotop" im Zuge eines "Flächentauschs" ersetzen sollen, wie die Initiatoren der Unterschriftenaktion befinden. "Wenn Sie für den Erhalt dieser einzigartigen und schützenswerten Fauna und Flora eintreten wollen, bitten wir Sie, auf der ausliegenden Unterschriftenliste zu unterschreiben", lautet der Appell.

Die Fläche sei als Biotop kartiert, erklärt Michel. Viele bedrohte Arten hätten dort ihren Lebensraum. Seit 49 Jahren gehe er auf Naturschutzstreife - auch in der Wiese hinter seinem Haus. Drei ausgewachsene Schlingnattern hätten sich erst kürzlich in seinen Garten verirrt. Mindestens zweimal pro Woche erspäht er ein Tier, seien es Bläulinge, Feuersalamander oder Ringelnattern. "Ich bitte darum, Vertrauen in meine Fähigkeiten als Naturbeobachter zu setzen", appelliert er. Die Gutachten, die seitens der Stadt erstellt wurden, findet Tratner vor diesem Hintergrund enttäuschend, weil "hier verschiedene Personen jeweils nur kurz vor Ort waren. Da kann man natürlich nichts finden. Man müsste schon über einen längeren Zeitraum beobachten".

Vor gut 25 Jahren haben Michel und Tratner in Gleislhof ihr Haus errichtet - auf Ackerland, wie beide betonen. Die Grundstücke überhaupt zu verkaufen, sei damals schwierig gewesen, erinnern sich die beiden. Anfang der 1990er-Jahre sei aber auch der Naturschutzgedanke noch nicht so präsent gewesen, wie er heute sei. Als Stichwort nennt Michel das Volksbegehren Artenvielfalt. In die eigenen Gärten habe man die vergangenen Jahrzehnte viel Arbeit und Herzblut gesteckt, um sie zu einem Naturparadies zu machen. "Wir haben nichts versiegelt, oft auf Urlaub verzichtet und lieber in den Garten investiert", betont Michel.

Gegen Unterstellungen, sie seien dagegen, dass in unmittelbarer Nachbarschaft neue Häuser entstehen, wehren sie sich vehement. "Das stimmt schlichtweg nicht", sagt Michel. "Wir sind nicht gegen Wachstum, aber die Infrastruktur muss schon auch mitkommen", sagt Tratner. Seiner Ansicht nach sei es denkbar, eine Anlaufstelle zu schaffen, um in Sachen Nachverdichtung etwas zu bewegen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. "Beilngries ist hier schon einen Schritt weiter", meint er.

Die Rückmeldungen, die man bisher erhalten habe, gingen in eine ähnliche Richtung, sagen die beiden Gleislhofer. "Viele finden, dass Riedenburg zu schnell wächst", sagt Michel. Und Tratner stellt die seiner Ansicht nach grundsätzliche Frage: "Wo soll das hinführen? Es ist nichts mehr heilig. Man opfert alles, um Wachstum zu erzielen. Man sollte sich gut überlegen, ob man die Natur zerstört. " Was kaputt ist, ist kaputt.

Aus all diesen Gründen haben Tratner und Michel die Unterschriftenaktion gestartet. Viele Listen seien im Umlauf, viele wollten helfen, sagt Tratner. "Der Text ist ausgerichtet auf ein Bürgerbegehren", ergänzt er. Wenn sie im ersten Anlauf scheitern, gehe es weiter. "Wir haben einige Trümpfe in der Hand", kündigt Michel an und fügt hinzu: "Wir wollen nicht polemisch werden, sondern sachlich bleiben. " Die öffentliche Auslegung endet am 2. Juli. Die Unterschriftenliste geht dann ans Landratsamt. Die Entscheidung über die Herausnahme der Fläche fällt der Umweltausschuss wohl Mitte September. "Wenn unsere Einwände dann durchfallen, tragen wir unser Anliegen an die Stadt heran. Wir gehen bis zum Bürgerentscheid", sagt Michel.

Kathrin Schmied