Landkreis Roth

"Es gibt keine Alternativen": Deutsche Bahn verteidigt Vorauswahl bei Informationstermin zum ICE-Werk in Harrlach

07.10.2021 | Stand 13.10.2021, 3:33 Uhr
Rund 100 Bürgerinnen und Bürger sind am Mittwochabend zum öffentlichen Informationstermins mit den Bahn-Vertretern auf den Harrlacher Sportplatz gekommen. −Foto: Schmitt

Harrlach - Die Bewohner des Rother Ortsteils Harrlachs werden nichts unversucht lassen, um ein ICE-Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn in ihrer Nachbarschaft zu verhindern. Das war die Hauptbotschaft der etwa 100 Zuhörerinnen und Zuhörer eines öffentlichen Informationstermins mit Vertretern der Bahn auf dem Harrlacher Sportplatz.

"Sie greifen in unser Leben ein", war am Mittwochabend häufig zu hören. "Dagegen werden wir Widerstand leisten", kündigte Jürgen Amrhein als Sprecher der Harrlacher Bürgerinitiative an. Schon gegen das Ergebnis des erst bevorstehenden Raumordnungsverfahrens wolle man klagen. Es soll im November bei der Regierung von Mittelfranken beginnen. Eine Entscheidung erwartet die Bahn im zweiten Quartal 2022. Nach einer ersten Vorauswahl werden nur noch die Standorte im Bereich der ehemaligen Munitionsanstalt (Muna) Feucht, südlich der Muna und Harrlach untersucht. Hier liegen die Flächen sowohl im Rother Stadtgebiet als auch teilweise in den Gemeindegebieten von Allersberg und Pyrbaum.

Tragfähriger Austausch trotz Wut, Angst und Enttäuschung

"Wenn unter den Gesichtspunkten der Raumverträglichkeit keiner der drei übrig gebliebenen Standorte geeignet ist, dann können wir auch nicht bauen", räumte Bahn-Vertreter Carsten Burmeister ein und sorgte damit für einen Hoffnungsschimmer für die Harrlacher Bürgerinnen und Bürger. Die angekündigten Klagen kommentierte er wohlwollend. "Das ist ihr gutes demokratisches Recht", so Burmeister.

Der Projektleiter erläuterte von einer extra errichteten Bühne aus noch einmal die Gründen für das neue Werk im Raum Nürnberg, erklärte den Auswahlprozess unter den Standorten und hatte auch Neuigkeiten zu einigen Kritikpunkten mitgebracht. Dabei stieß er jedoch von Anfang an auf eher ungeduldige Zuhörer. Sie unterbrachen den Bahn-Vertreter immer wieder und ließen ihre Wut, Angst und Enttäuschung erkennen. Trotzdem entwickelte sich an diesem Abend ein tragfähiger und inhaltsreicher Austausch, der fast zwei Stunden dauerte.

Harrlacher Initative bringt Standort Ingolstadt ins Spiel

Dabei positionierte sich auch die Stadt Roth klar. "Wir sind megakritisch, denn das Werk darf nicht zu Lasten der Menschen gehen", sagte Bürgermeister Ralph Edelhäußer (CSU). Die Harrlacher selbst brachten als Hauptargument erneut den Eingriff in den Bannwald und die Naturzerstörung vor. Dazu betonte Burmeister die Ausgleichspflicht der Bahn, deren Sinn jedoch in Frage gestellt wurde.

Der Projektleiter wies mehrmals auf die Pflicht zur Anpflanzung neuen Walds identischer Größe unmittelbar angrenzend an den Bannwald hin und deutete an, dass auch ein Privatmann bereit sei, entsprechende Flächen zu verkaufen. Das beruhigte die Kritiker aber nur wenig. "Dieser Standort hier ist nach ökologischen Kriterien ungeeignet, denn sie greifen in eine intaktes Öko-System mit Vogel- und Wasserschutz ein", entgegnete Amrhein, der der Bahn vorwarf, "Vertrauen zerstört zu haben, weil einige Standorte aus politischen Gründen aussortiert worden sind". Gemeinsam mit weiteren Rednerinnen und Rednern forderte Amrhein erneut, Alternativen zu untersuchen. Eine geeignete Fläche nahe Ingolstadt erfordere seinen Worten zufolge lediglich sechs Minuten mehr Fahrzeit.

Ferner führte Amrhein die enorme Belastung durch den Verkehr an, denn es komme ja noch das Allersberger Sondergebiet für Logistik hinzu. "900 Prozent Zunahme des Schwerlastverkehrs hat das Landratsamt prognostiziert", berichtete Amrhein aus einer Kreistagssitzung. Das betrifft seiner Meinung zufolge auch Roth und Allersberg. Schon heute sei die Verbindung zwischen den beiden Gemeinden die meistbefahrene Staatsstraße des Landkreises. Die Bekanntgabe des Wasserverbrauchs im ICE-Werk rief ebenfalls Kritiker auf den Plan. Nach der Darstellung Burmeisters verbrauche man täglich 235 Kubikmeter Trinkwasser. "Das sind 87,7 Millionen Liter pro Jahr", rechnete ein Zuhörer vor. "Wir befinden uns in einer wasserarmen Gegend: Das haben wir nicht."

Mögliche Maßnahmen gegen zu viel Lärm und Licht

Ein weiterer Knackpunkt war der Lärm, der vom ICE-Werk ausgeht. Dabei standen die Hup-Tests im Mittelpunkt, die bei ICE-Zügen regelmäßig fällig sind. Vor allem im Kölner ICE-Werk hätten diese Tests zu Konflikten mit den Anwohnern geführt. Daraus hat die Bahn offenbar gelernt. Obwohl die Lärmgrenzwerte nach Burmeisters Darstellung eingehalten würden, sei die Bahn bereit, hier mehr zu tun. "So könnten wir jene Stellen einhausen, an denen gehupt werden muss", sagte Burmeister. Die Belästigung durch Licht wollte der Projektleiter ebenfalls reduzieren. Das sei möglich, wenn die Lichtmasten von zwölf auf sechs bis sieben Metern verkleinert werden.

In Sachen Alternativstandort wurde Burmeister aber deutlich. "Es gibt in der Region keine Alternative: Weder der Rangierbahnhof in Nürnberg noch Ingolstadt sind geeignet", versicherte er. Das Bahngelände in Nürnberg sei zu klein. Ingolstadt sei zu weit weg. "Das würde pro Tag 4700 Kilometer zusätzlicher Leerfahrten bedeuten", rechnete Burmeister vor. "Das ist auch nicht ökologisch."

Die Ausmaße des Werks belaufen sich laut Burmeister auf 35 bis 45 Hektar mit allen Nebenbauten und Parkplätzen. Dabei müsse das Werk 3,2 Kilometer lang sein, um eine entsprechende Leistungsfähigkeit zu gewährleisten."

Gutachten durchgerechnet: Hälfte der 25 Züge zu spät

Einem schon öfter genannten Gutachten eines Naturschutzverbands trat Burmeister zudem entgegen. Dessen Verfasser kamen auf einen Flächenbedarf von 26 Hektar. Dabei seien aber nicht alle notwendigen Flächen berücksichtigt worden, bemängelte der Bahn-Vertreter. Außerdem habe man zwei externe Büros den Betrieb eines ICE-Werks nach diesem Gutachten des Naturschutzverbands simulieren lassen. "Dabei kommt die Hälfte der 25 Züge pro Tag zu spät, weil sie zu viel rangieren müssten", schilderte der Projektleiter das Hauptproblem.

HK

Robert Schmitt