Ingolstadt

Eklig wie zu besten Zeiten

1:0-Überraschungssieg gegen Leipzig: FC Ingolstadt schlägt Tabellenführer mit neuer Taktik und viel Einsatz

11.12.2016 | Stand 02.12.2020, 18:56 Uhr

Ingolstadt (DK) Die Überraschung ist perfekt: In einem emotionsgeladenen Duell mit Primus RB Leipzig sicherte sich der abstiegsgefährdete FC Ingolstadt am Samstag beim 1:0 (1:0) den zweiten Saisonsieg und kletterte auf Rang 17. Für Leipzig und Trainer Ralph Hasenhüttl war es die erste Niederlage.

Die Schlussphase dieses "David-gegen-Goliath-Vergleiches" war nichts für schwache Nerven. Schiedsrichter Markus Schmidt (Stuttgart) hatte fünf Minuten Nachspielzeit veranschlagt, als Ingolstadts Stürmer Lukas Hinterseer in einen zu kurzen Rückpass lief und beim Pressschlag mit Leipzigs Torwart Peter Gulacsi nur knapp das 2:0 verpasste. Eine Minute später kam es nach diversen rüden Attacken, Fouls und Schubsern zur Rudelbildung mit gut und gerne 30 Personen auf dem Feld, zu dessen Abschluss Ingolstadts Mathew Leckie für sein Ballwegschlagen und den Rempler gegen RB-Spieler Willi Orban mit Gelb-Rot vom Feld flog. Draußen stand derweil FCI-Trainer Maik Walpurgis, zeigte mit seinen Fingern an, dass schon sieben Minuten nachgespielt wurden, ehe ein Pfiff von Schmidt das Treiben beendete. "Diese 97 Minuten waren ganz schön lang. Ich war einfach nur froh, als es vorbei war", erklärte Walpurgis glücklich. "Ein tolles Spiel, in dem für uns alles gepasst hat."


Mit neuer Taktik und hoher Einsatzbereitschaft hatte sein Team vor 15 200 Zuschauern das geschafft, was zuvor an 13 Spieltagen noch keinem Bundesligisten gelungen war. Den überraschenden Sieg, für den ein Kopfballtor von Roger aus der zwölften Minute reichte, verbuchten die Ingolstädter dabei aber vor allem als Erfolg im Kampf gegen den Abstieg. Die Genugtuung, nebenbei auch Ex-Trainer Hasenhüttl bezwungen zu haben, spielte in sämtlichen Kommentierungen nur eine untergeordnete Rolle.

"Ich habe immer gesagt, dass wir laufen und kämpfen können. Und wir wussten, dass wir heute die Möglichkeit hatten, Geschichte zu schreiben", sagte Torschütze Roger. Die Chance, den ungeschlagenen Primus stürzen zu können, reichte als Antrieb, wie auch Kapitän Marvin Matip bestätigte. "Eine Extramotivation durch die Rückkehr unseres Ex-Trainers brauchten wir gar nicht."

Dabei erinnerten die Mittel, mit denen die Ingolstädter den Leipzigern ein Bein stellten, auffällig an vergangene (erfolgreiche) Hasenhüttl-Zeiten. Der eher kühl begrüßte Aufstiegstrainer (siehe auch Text auf der folgenden Seite) hatte das Ingolstädter Team nämlich nicht nur zum Aufstieg und zum sicheren Klassenerhalt geführt, sondern ihm auch ein Spielsystem eingeimpft - das nun wie eine Art Bumerang zu ihm zurückkehrte.

"Eklig" hatte Hasenhüttl seinerzeit diese Spielweise genannt, wenn sein Team die Gegner mit viel Leidenschaft und wenig Spielfluss nervte. Am Samstag zeigte sich, dass die Ingolstädter das immer noch können, wobei Hasenhüttl die Verantwortung dafür schmallippig ablehnte. "Das sind jetzt gute Walpurgis-Zeiten. Entsprechend: Glückwunsch."

Nachfolger Walpurgis, dessen Mannschaft es auf gerade einmal 30 Prozent Ballbesitz brachte, hatte sich mit seinem Trainerteam für dieses Duell einiges einfallen lassen. "Ich kenne die Leipziger mit ihrer Offensivstärke, ihrem Tempo und ihrer Präzision sehr gut. Auf eine Dreierkette umzustellen lag deshalb nahe, weshalb wir in einem 3-4-3-System agiert haben", erklärte der Ingolstädter Coach. Roger sowie die etatmäßigen Innenverteidiger Matip und Marcel Tisserand bildeten dabei erstmals die letzte Linie, davor riegelte eine Viererkette das Zentrum ab. Anthony Jung, RB-Leihspieler in Reihen der Ingolstädter, sprach anschließend von einer "herausragenden Gegneranalyse".

Zumal die Überraschung gelang. Im ersten Durchgang verzeichneten die Gäste trotz hoher Spielanteile tatsächlich keine nennenswerte Torchance. Und dass die Ingolstädter nach einem Freistoß von Jung und der Kopfballverlängerung Rogers auch noch früh in Führung gingen, spielte dem Underdog natürlich in die Karten. Erst nach dem Seitenwechsel wurde Leipzig mutiger, ließ im Abschluss aber die Präzision vermissen oder scheiterte an den Ingolstädter Torleuten.

Zunächst rettete Martin Hansen in höchster Not gegen Marcel Sabitzer (53.). Pech für den Dänen, dass er sich beim anschließenden Zusammenprall am Knie verletzte und ausgewechselt werden musste. Immerhin: Gestern bestätigte der Verein, dass es sich um eine Prellung handelt und Hansen im Laufe der Woche ins Training zurückkehren wird.

Hansen-Ersatz Örjan Nyland war bei einem Schuss von Emil Forsberg (63.) sowie gegen Oliver Burke (76.) aber ebenfalls auf dem Posten. Forsberg brachte es in der 88. Minute dann noch fertig, aus fünf Metern neben das FCI-Tor zu schießen. So blieb es beim 1:0. "Wir hatten zwei gute Torleute und das nötige Glück", sagte Walpurgis, nachdem er und sein Team auch die hitzige Schlussphase überstanden hatten.

Den Sieg feierten Fans und Mannschaft natürlich ausgiebig. Die Auswirkung des Erfolges war für Jung sofort klar: "Mit Leipzig haben wir jetzt auch mal ein Team aus der oberen Tabellenhälfte geschlagen. Das wird uns auf jeden Fall richtig Auftrieb geben."