Ulrike

Einfach nur märchenhaft

05.01.2017 | Stand 02.12.2020, 18:50 Uhr

Die Geschichtenerzählerin: Einer Schauspielerin gleich trägt Ulrike Mommendey ihre Märchen vor. Sie untermalt sie auch mit Musik. Die Zuhörer lauschen gebannt. - Foto: Hauser

Ulrike Mommendey ist Erzählerin. Mit ihrer Stimme lockt sie das Publikum ins Reich der Geschichten. Ungewöhnliche Instrumente sind ihre Wegbegleiter und untermalen die Märchen mit zauberhafter Musik. Das geht vom Ohr direkt ins Herz.

Süß wie Honig schmeichelt ihre Stimme. Verführerisch geschmeidigt dringt sie ins Ohr des Lauschenden und von dort tief hinab ins Herz. Mit Engelszungen, hauchzart wie feinstes Glas, malt sie Bilder von Schnee und rauen Winternächten - Gespinste wie Eisblumen am Fenster. Dann plötzlich zischt sie, wenn der Sturmgott aus den Tannen braust, scharf wie des Messers Schneide. Es fröstelt. Das weiße Kätzchen der Frau Holle, verlassen im frostigen Wald, sie maunzt es kläglich, herzerweichend.

Vor ihrer Stimme gibt es kein Entrinnen. Sie ist ihr wichtigstes Werkzeug, ein Instrument mit vielen Klangfarben und Tonlagen, mit dem sie virtuos musiziert. Ulrike Mommendey erzählt Geschichten. Sie liest sie nicht vor, wohlgemerkt, sondern spielt sie wie auf einer kleinen Bühne, wenn sie umherwandelt zwischen den Zuhörern. "Indem ich frei erzähle, befreie ich Märchen aus den Buchdeckeln", sagt sie.

So schwingen sich die Märchen auf gleich Melodien. Denn die Erzählerin begleitet die Geschichten von der Holle, dem Sturmgott Wothe oder seiner Gefährtin, der Percht, auf Instrumenten, die mit ihrem Klang den Zauber noch verstärken. Als Erstes greift sie zu der kleinen Sansula: Mit ihren Fingern zupft sie die schmalen Metallzungen, die auf dem tellergroßen Resonanzkörper ein geheimnisvolles Lied erzeugen. Der letzte Ton verklingt in leisen Wellen. So erzeugt die Geschichtenerzählerin eine angespannte Stille, in der die Fantasie ihre Schwingen ausbreiten kann.

Mit der Sansula holt sie das Märchen herbei. "Denn die Märchen sind im Wind, wo auch die Lieder sind", erzählt Ulrike Mommendey. "Und wenn der letzte Ton verklingt, dann ist die Geschichte hier. Sie springt mir auf die Zunge. Da sitzt sie nun und will erzählt werden." Manchmal kommt eine Geschichte auch im Bus daher, der gerade vorbeifährt.

Die Geschichtenerzählerin versteht es, den Augenblick, die Stimmung einzufangen. Von einem Schauspieler hat Ulrike Mommendey sich zeigen lassen, wie sie ihre Stimme einsetzen muss, wie sie spielen kann und wie sie einen Spannungsbogen erzeugt. Denn auch eine Erzählerin muss ihr Handwerk verstehen. Von Beruf ist die 45-Jährige, die mit ihrer Familie in Neuburg lebt, nämlich Krankenschwester. Doch schon als kleines Mädchen hat sie Bücher nur so verschlungen. In einem Märchenzelt begegnete sie zum ersten Mal einer Erzählerin und wusste sofort: "Das will ich auch lernen." Daheim schmückte sie den Keller, verwandelte ihn in ein orientalisches Märchenzelt und begann zu erzählen . . .

Inzwischen sind fünf Jahre ins Land gegangen: Die Geschichtenerzählerin ist längst aus ihrem Keller hinausgegangen und tritt bei Festivals wie dem Open Flair in Ingolstadt, bei der Weihnachtsfeier des FC Ingolstadt oder im Augsburger Märchenzelt auf. Sie schöpft aus einer Fülle von bis zu 300 Märchen, die sie frei erzählen kann, die sie verinnerlicht hat, wie sie erklärt. Geschichten aus allen Ecken der Erde, manche für Kinder, andere für Erwachsene. Im Sommer, wenn es heiß ist, erzählt sie indianische oder afrikanische Märchen, im Winter gern russische oder jene von den Rauhnächten, die auf uralte Mythen zurückgehen.

Wie das von der Müllerin, die alle Regeln in den Wind schlägt und in den Rauhnächten Wäsche zum Trocknen hinaushängt. Es kommt, wie es kommen muss: Sturmgott Wothe braust herbei und will die Frau mit sich nehmen. Die Erzählerin greift zu ihrem Waterphone und streicht mit dem Bogen über die Saiten - und schon heult es gespenstisch-gruselig, sodass es einem eiskalt über den Rücken jagt.

"Ich kann nicht jedes Märchen erzählen. Es muss mich berühren. Ich muss mich an einer Geschichte entzünden", sagt Ulrike Mommendey. Die Grimm'schen Märchen trägt sie auf Wunsch zwar vor, aber die mag sie nicht besonders. "Die kennt schon jeder, die sind so vorhersehbar, so rudimentär." Die Gebrüder Grimm, so berichtet sie, hätten vieles weggelassen. Das, was die Würze gibt. "Märchen sind eigentlich sehr erotisch. Und ich mag die feinsinnigen, erotischen Märchen lieber. Oder auch Schamanenmärchen mit ihrer wunderschönen Spiritualität."

Die Erzählerin legt großen Wert darauf, ihren Zuhörern auch Wissen zu vermitteln vom Ursprung der Märchen, wie Bräuche entstanden sind und was sie bedeuten. Ihr Glück, dass Märchen wieder auf dem Vormarsch sind. "Diese Überfülle, die in unserer Gesellschaft herrscht, schafft eine Sehnsucht nach Reduktion", meint Ulrike Mommendey. "Das Erzählen ist fern von jedem Konsum und löst einen Zauber aus, den jeder spürt. Man webt dabei Fäden von Herz zu Herz."

Und so beginnt sie mit einem dünnen Faden, spinnt Wort um Wort in das Gewebe hinein, fügt Ton um Ton hinzu, und mit jeder Geschichte entsteht dieses wunderbar buntgemusterte Tuch, das die Lauschenden einhüllt, in das sie sich fallenlassen oder das sie gar davonträgt wie ein fliegender Teppich aus tausendundeiner Nacht.

Manchmal freilich wird der Zauber jäh zerstört. Ulrike Mommendey erzählt von einem Auftritt in einem Märchenzelt, wo sie teuflische Geschichten zu Halloween darbot. Plötzlich, ganz am Schluss, stürmten zwei splitterfasernackte Flitzer herein. "Sie rannten ums Lagerfeuer, und in einem Reflex hab' ich einen mit Wasser überschüttet." Wie sie gekommen waren, so verschwanden die beiden Geister wieder. Der Spuk war vorbei. "Aber die Leute im Zelt waren geschockt, und so konnte ich sie nicht gehen lassen. Also sagte ich, als Zugabe käme jetzt noch die Geschichte von den drei Haselnüssen." Worauf eine Frau meinte: "Die haben wir doch gerade schon gesehen." Sofort war die Erstarrung gelöst, und alle lachten lauthals.

Manche Geschichte nimmt eben eine überraschende Wendung - das weiß keine besser als die Erzählerin.

Die nächsten Auftritte unter www.geschichtenerzaehler.in