Ingolstadt

"Einen Ort der Vertrautheit schaffen"

Zwei Betroffene gründen Selbsthilfegruppe für Borderliner mit Therapieerfahrung Treffen am Montag

02.03.2017 | Stand 02.12.2020, 18:34 Uhr

Auf einer Wellenlänge: Kristina Schweiger (links) und Karin Steinherr haben sich bei der Therapie kennengelernt. Jetzt gründen sie eine Selbsthilfegruppe für Borderliner mit Therapieerfahrung. - Foto: Böhm

Ingolstadt (DK) "Wir haben einen guten Absprung geschafft", sagen Karin Steinherr und Kristina Schweiger. Nach einer Therapie stehen sie wieder einigermaßen gefestigt im Leben. Jetzt gründen die Frauen eine Selbsthilfegruppe für Borderliner mit Therapieerfahrung. Am Montag, 6. März, ist das erste Treffen.

Ihre Geschichten sind unterschiedlich, das Krankheitsbild dasselbe: Die Neuburgerin Karin Steinherr (42), selbstständig, Mutter von vier Kindern, die offen erzählt, dass sie als Kind sexuell missbraucht wurde, und Kristina Schweiger (30) aus Großmehring, die aufgrund anderer traumatischer Erlebnisse als Neunjährige angefangen hat, sich selbst zu schneiden. Mit 12 Jahren entwickelte sie starke Essstörungen, mit 13 nahm sie zum ersten Mal Drogen. In der Schule und später in der Ausbildung, erzählt sie, "wurde ich krass gemobbt". Kristina bezieht heute Erwerbsminderungsrente und jobbt ein wenig als Haushaltshilfe. Beide Frauen suchten lange Zeit, was typisch für Borderliner ist, die Schuld bei sich. Sie haben sich bei einer stationären Therapie in der Danuviusklinik kennengelernt. Früher hätten sie sich geschämt, offen über ihre Persönlichkeitsstörung zu sprechen. Heute sagen sie übereinstimmend: "Nicht wir müssen uns schämen, sondern die anderen, die das verursacht haben."

Borderliner sind Menschen, die sich in unterschiedlicher Weise selbst verletzen. Um Anspannung abzubauen und weil sie meinen, sich bestrafen zu müssen. Dass Steinherr und Schweiger mit ihrem vollen Namen mutig an die Öffentlichkeit gehen, hat mit der Therapie zu tun, in der sie lernten, ihr Verhalten zu akzeptieren und zu ändern. Gemeinsam mit anderen Betroffenen wollen sie jetzt die erlernten Fähigkeiten festigen, um nicht wieder in alte Verhaltensmuster zu fallen. Deshalb richtet sich ihre Selbsthilfegruppe speziell an Borderliner, die eine ambulante oder stationäre DBT-Therapie bereits hinter sich haben.

DBT steht für Dialektisch-Behaviorale Therapie. Sie umfasst sechs Module, darunter Stresstoleranz, Gefühle zu lernen, Achtsamkeit, sich bewusst wahrnehmen, erzählt Kristina Schweiger. Auf der Homepage der Danuviusklinik wird das Ziel der Therapie in einem Satz erklärt: "Betroffene zu Experten ihrer Probleme und deren Lösungen zu machen."

"Wir möchten einen Ort der Vertrautheit und der Offenheit schaffen, an dem sich keiner verstecken muss", schreiben Steinherr und Schweiger in einem Flyer über die Selbsthilfegruppe, die am Montag im Stadtteiltreff Konradviertel gegründet werden soll.

Eine Selbsthilfegruppe für Borderliner gibt es in Ingolstadt schon seit Jahren. "Da geht jeder rein, lädt seine Probleme ab und geht wieder heim." So etwas wollten sie nicht. Ihre Gruppe ist für Borderliner gedacht, die bereits eine Therapie hinter sich und Interesse am Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten haben. Es geht darum, Therapiewissen aufzufrischen.

Die meisten Menschen denken beim Begriff Borderline sofort ans Ritzen. Doch Selbstverletzung kann, wie bei der Neuburgerin Karin Steinherr, auch andere Formen haben. "Bei mir war das mehr auf zwischenmenschlicher Ebene", erzählt sie. Sie habe etwa in Beziehungen krankhaft geklammert. 100 WhatsApp pro Tag waren keine Seltenheit, entsprechende Probleme somit programmiert. Um sich selbst zu spüren, hat sie ihr Gesicht mit Essigessenz gewaschen, eine Alternative zum Ritzen, denn: "Mit äußeren Wunden rumlaufen wollte ich nicht." Die eigentliche Ursache für ihre Persönlichkeitsstörung war der in ihrer Kindheit geschehene sexuelle Missbrauch. "Ich hab' geschwiegen. Niemand wusste was." Erst 2012 hat sie sich einem Freund anvertraut. "Er hat mich quasi in die Therapie reingeschubst."

Es war der einzig richtige Weg. Mittlerweile hat Karin Steinherr in Neuburg eine Gruppe für Missbrauchsopfer gegründet. In Ingolstadt widmet sie sich zusammen mit Kristina Schweiger der neuen Gruppe für Borderliner mit Therapieerfahrung. Treffpunkt ist am Montag im Stadtteiltreff Konradviertel, Goethestraße 144. Die Zeit erfahren Interessierte bei der Anmeldung: telefonisch unter (0176) 72 75 31 22 oder via E-Mail an bordimittherapie@yahoo.com.