Kösching
„Eine sportliche Heimat“

Zum 120-jährigen Bestehen des TSV 1897 Kösching spricht Vorsitzender Werner Satzinger über Tradition und neue Posten

07.07.2017 | Stand 02.12.2020, 17:49 Uhr |
Rund 300 Mitglieder waren am Freitagnachmittag zusammengekommen, um ein gemeinsames Foto anlässlich des 120-jährigen Bestehens des TSV 1987 Kösching zu schießen. Der Vorstand hatte dazu eine ganz besondere Idee: Auf dem Fußballplatz an der Großmehringer Straße stellten sich die Sportler mit ihren jeweiligen Trikots und Sportgeräten zu einer großen „120“ zusammen, um laut Werner Satzinger ein Zeichen für ihren Traditionsverein zu setzen. „Ich bin überwältigt“, sagte der Vorsitzende angesichts der großen Menschenmenge. −Foto: Schumann

Kösching (DK) Der TSV Kösching besteht heuer seit 120 Jahren.

Der Verein wurde am 1. Juni 1897 gegründet. An diesem Wochenende wird der Geburtstag „nur“ mit dem Jugend-Fußball-Mantelflickercup gefeiert, ein großes Fest soll es dann zum 125-Jährigen geben. Werner Satzinger (kleiá ?nes Foto: Satzinger) – seit über 20 Jahren als Trainer in der Turnabteilung aktiv, seit 2009 im Vorstand, seit 2011 Vereinsvorsitzender und Gründungsmitglied der Radsportabteilung – blickt im Gespräch mit unserer Zeitung auf so einige Veränderungen in der Vereinsstruktur der vergangenen Jahre zurück.

Herr Satzinger, sind Sie stolz auf die lange Vereinsgeschichte des TSV Kösching?

Werner Satzinger: Logisch ist man da stolz. So eine lange Tradition hat nicht jeder, wenn man sich bei den Vereinen in der Region so umsieht. Das ist eine tolle Sache. Dazu sind wir im Landkreis Eichstätt mit unseren mittlerweile über 2300 Mitgliedern einer der größten Vereine.

Wie wird das gefeiert?

Satzinger: Es wird keine große Feier geben. Wir haben zehn einzelne Abteilungen. Die identifizieren sich mehr über sich selbst als über den Hauptverein und feiern lieber, wenn die Abteilung selbst Geburtstag hat. Ein Fest mit Bierzelt und allem Drum und Dran gibt es in fünf Jahren, zum 125-jährigen Bestehen, dann aber schon. Heuer hat die Vereinsführung wenigstens das Foto mit so vielen Mitgliedern wie möglich angeregt (siehe großes Foto, Anm. d. Red.) . Als Zeichen nach außen, dass es noch solche Traditionsvereine wie den TSV Kösching gibt. 120 Jahre sind ja doch kein Pappenstiel.

Sie selbst sind seit langer Zeit im Verein aktiv. Welche Veränderungen haben Sie miterlebt?

Satzinger: Da könnten wir stundenlang drüber reden. In den vergangenen zehn Jahren hat sich auf jeden Fall die Haltung der Mitglieder gegenüber dem Verein geändert. Das alte Publikum, das sich noch eng mit dem Verein verbunden fühlt, stirbt langsam. Einige Mitglieder werden das 125-Jährige sicher nicht mehr erleben. Deshalb haben wir sie für das Foto eingeladen, auch wenn sie schon lange nicht mehr aktiv sind. Die Jüngeren haben nicht mehr so eine enge Bindung zum Verein, was aber nicht nur bei uns so ist, sondern bei vielen größeren Vereinen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Vereinsstruktur nicht mehr so ist, wie sie einmal war. Es ist wie beim Fitnessstudio: Die Leute treten ein, probieren es aus, und wenn sie was Besseres finden, treten sie eben wieder aus. Wir haben mittlerweile 220 bis 230 Neueintritte und gleichzeitig Austritte im Jahr. Das sind so viele, wie manche Vereine nicht einmal insgesamt Mitglieder haben. Trotzdem können wir ein stetes Wachstum des TSV verzeichnen.

Woran liegt dieser Wandel?

Satzinger: Das ist der Wandel der Zeit. Das liegt an der Mobilität, der Ungebundenheit der Jugend. Der Zusammenhalt ist nicht mehr so groß wie früher. Das sportliche Angebot ist wichtiger als die Bindung zum Verein selbst, da kommt wieder mein Vergleich mit dem Fitnessstudio ins Spiel.

Wie wollen Sie in Zukunft damit umgehen?

Satzinger: Wenn wir uns nicht umorientieren, dann geht der Verein irgendwann kaputt. Ich bin zwar kein großer Fan davon, aber wir müssen auch eine Art Sportanbieter werden und zum Beispiel mehr Randsportarten, in denen sich die Jugend tummeln kann, einführen. Dann wird der TSV aber kein Verein mehr sein, wie er es ist oder einmal war.

Was macht den TSV Ihrer Meinung nach aktuell aus?

Satzinger: Das ist nicht nur die lange Tradition, sondern auch das Zusammenleben und dass die Menschen sich kennen, dass sie zusammenarbeiten, um etwas auf die Beine zu stellen, und seien das nur die Feiern. Ich bin selbst ein Zugezogener, aber der TSV Kösching bietet mir nicht nur eine sportliche Heimat. Man lebt durch den Verein nicht anonym im Ort, sondern das ganze Jahr über in Gemeinschaft.

Vor welchen Herausforderungen steht der Verein in der kommenden Zeit noch?

Satzinger: Es gibt eine entscheidende Hürde, die wir gerade hoffentlich dabei sind, zu nehmen. Barbara Strößner, die 31 Jahre lang den ganzen Verein unentgeltlich komplett gemanagt hat, ist bei den jüngsten Wahlen nicht mehr angetreten. Und obwohl wir seit vielen Jahren nach einem Nachfolger suchen, wollte das bisher niemand so richtig machen, weil alle Angst davor hatten, für einen ganzen Verein zuständig zu sein.

Das hört sich so an, als hätten Sie inzwischen eine Lösung gefunden.

Satzinger: Ja. Als wir deutlich gemacht haben, dass der Verein ernsthaft in Gefahr ist, wenn sich niemand für die Posten des Schriftführers und des Kassiers im Vorstand findet, haben sich doch ein paar bereiterklärt, einzuspringen. Zum allerersten Mal in unserer Vereinsgeschichte wird es am 20. Juli deshalb eine außerordentliche Mitgliederversammlung geben, in der diese Posten getrennt voneinander besetzt werden können. Dann geht’s hoffentlich in alter Manier weiter. Außerdem haben wir zum ersten Mal eine Geschäftsführung eingestellt, die bezahlt wird und sogar ein eigenes Büro bekommen hat. Das ist absolut neu. Aber wir sind dabei, wieder eine Struktur reinzubringen.

Das Gespräch führte

Tanja Stephan.

Die außerordentliche Mitgliederversammlung des TSV 1897 Kösching beginnt am Donnerstag, 20. Juli, um 20 Uhr im Sportheim an der Großmehringer Straße. Auf der Tagesordnung stehen die Wahlen des Kassenwarts und des Schriftführers. Außerdem besteht die Möglichkeit zur Wahl eines weiteren Beirats. Anträge, Wünsche oder Vorschläge sind dem Verein laut Vorstand schriftlich bis Mittwoch, 12. Juli, vorzulegen.

A U S D E R C H R O N I K

1897: Im damaligen Bachbräukeller – heute Amberger Keller – gründen 20 Bürger am 1. Juni den „Köschinger Turnverein“. Ein Zusammenschluss von Köschinger Turnern besteht nachweislich seit 1893. Erster Turnplatz ist der Platz vor der Gaststätte.

1903: Für 600 Goldmark wird eine Vereinsfahne angeschafft, die heute noch die Fahne des TSV ist. 1987 wird sie vollständig restauriert.

1911 bis 1919: Der Plan, eine Turnhalle zu bauen, kann vor dem Ersten Weltkrieg nicht verwirklicht werden. Während der Kriegszeit kommt die Köschinger Turnbewegung nahezu zum Erliegen, bevor der Betrieb am 25. Januar 1919 wieder aufgenommen wird.

1920: Für 10 500 Mark erwirbt der Verein den Turn- und Spielplatz am Bach. Dort ist nun auch das in Mode gekommene Fußballspiel möglich. Um diese Zeit wird wohl der Name in „Turn- und Sportverein“ geändert.

1933 bis 1946: Mit dem Dritten Reich erfolgt im Zuge der Gleichschaltung der Zusammenschluss der anderen Köschinger Fußballvereine DJK Kösching und FC Kösching mit dem TSV, der nun allein für den Vereinssport im Markt zuständig ist. Auch während des Zweiten Weltkriegs kommt der Sportbetrieb fast zum Erliegen, bevor er 1946 mit Lizenz der amerikanischen Besatzungsmacht wieder aufgenommen wird.

1954: Der Spielmannszug und die Skiabteilung werden ins Leben gerufen.

1967/68: Ein neues Vereinsheim wird gebaut.

1970 bis 1976: Die Judoabteilung und die Schachspieler schließen sich 1970 dem TSV an, 1976 die Tennisabteilung.

1984: Mit den Volleyballern gibt es eine neue Abteilung, die später vor allem durch den Bau der Dreifachsporthalle einen Aufschwung erfährt.

1993: Die neue Mehrzweckhalle wird eingeweiht, wo fortan auch die Badmintonspieler beheimatet sind.

2008: Die Radsportler schließen sich als zehnte und jüngste Abteilung an. | DK