Regensburg

Eine Schatzkammer voller Worte

Staatliche Bibliothek Regensburg erhält Pergament mit 700 Jahre alter Abschrift

01.02.2019 | Stand 02.12.2020, 14:43 Uhr
Christian Eckl
Stolz präsentiert Bernhard Lübbers, der Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, die 700 Jahre alte Abschrift. −Foto: Eckl

Regensburg (DK) Eine 700 Jahre alte Abschrift eines Werks des bedeutenden Kirchenlehrers Thomas von Aquin ist der Staatlichen Bibliothek Regensburg überantwortet worden. Im Gespräch mit dem DONAUKURIER erläutert Bernhard Lübbers, der Leiter der Einrichtung, warum seiner Bibliothek immer wieder wertvolle Handschriften und Bücher überlassen werden.

Das Paradies, so schrieb es einst der argentinische Dichter Jorge Luis Borges, habe er sich immer als eine Art Bibliothek vorgestellt. Für Bernhard Lübbers ist sein Arbeitsplatz genau das: ein Paradies voller Bücher, wertvoller alter Handschriften und allerlei Geheimnissen, die sich beispielsweise auf Bucheinbänden finden. Genau dort war auch wohl einige hundert Jahre eine Handschrift aufgebracht, die Lübbers kürzlich überreicht wurde: Es handelt sich um eine Abschrift der "Summa Theologiae" des Kirchenvaters Thomas von Aquin aus dem 13. Jahrhundert.

Erstanden hatte sie Elisabeth Mader, die Lübbers gut kennt. Sie hatte sie einst in einem Antiquariat gekauft. "Das Pergament war Bestandteil der viele Bände umfassenden Schriften von Thomas von Aquin", berichtet der Bibliotheksleiter. "Man hat die vielen hundert Blätter voneinander getrennt und dieses Pergament als Einband für ein Buch verwendet."

Dieses Schicksal ereilte viele alte Handschriften, als um das Jahr 1830 die Herstellung von Papier und damit von Büchern industriell erfolgte. Bis heute gibt es in der Staatlichen Bibliothek in Regensburg hunderte solcher Einbände, die eine ganz eigene Geschichte zu erzählen haben.

Gerne zeigt Lübbers, der auch einen Lehrauftrag hat, seinen Studenten ein Pergament, auf dem vielleicht ein Mönch seine mittelalterliche Brille vergessen hat. Sie ist klar als solche zu erkennen, es gibt Ölgemälde, die jene Form deutlich zeigen. Auch das jetzt an Lübbers übereignete Pergament trägt solche Spuren. "Da hat vielleicht jemand lange Zeit Bücher darauf abgelegt, so dass nur bestimmte Stellen von der Sonne ausgebleicht sind."

Doch wie wertvoll sind solche Dokumente? "Der Wert ist eher ideell, denn man kann solche Pergamente für ein paar hundert Euro auf Ebay erstehen", sagt der Historiker. "Aber jedes einzelne Dokument ist wertvoll, denn wenn sich ein Wissenschaftler damit beschäftigt, dann kann er Abweichungen des Textes oder verschiedene andere Spuren identifizieren."

Lübbers glaubt den Grund dafür, dass Menschen wertvolle Bücher und Handschriften an die Staatliche Bibliothek verschenken, auch darin zu sehen, dass "wir uns um die dauerhafte unbeschadete Aufbewahrung bemühen." Denn ein Menschenleben sei im Vergleich zum Alter dieses Pergaments sehr kurz.

Übrigens hat auch Lübbers Träume. "Ich würde gerne das Ende des Hildebrandsliedes finden", sagt er schmunzelnd. Abwegig ist das nicht. Das einzige überlieferte Fragment einer althochdeutschen Dichtung aus der Zeit des Ostgotenkönigs Theoderich (455 bis 526 nach Christus) wurde auf den inneren Deckblattseiten eines Buches gefunden. Ähnlich wie das Pergament der Schrift von Thomas von Aquin war es zweckentfremdet, überdauerte aber so die Jahrhunderte. Die letzten Zeilen fehlen wohl. Für Lübbers wäre es ein Forschertraum, wenn diese zufällig in einem Bestand der Staatlichen Bibliothek auftauchen würden.
 

Christian Eckl