Ingolstadt

Eine Klasse für sich

Spitzenkabarett: René Sydow begeistert in der Neuen Welt

24.01.2019 | Stand 02.12.2020, 14:46 Uhr
Sprachlich brillant, perfekt serviert: René Sydow. −Foto: Leitner

Ingolstadt (DK) So sieht sie also aus, die erste faustdicke Überraschung bei den diesjährigen Kabaretttagen: René Sydow heißt der immer noch viel zu wenig bekannte Kabarettist, der an diesem Abend sein Ingolstadt-Debüt gibt mit seinem Programm, das sich "Die Bürde des weisen Mannes" nennt.

Zieht man nach diesen 120 Minuten in der Neuen Welt ein Fazit, müsste man ihn unbedingt gleichberechtig in eine Reihe stellen mit den beiden "Anstalts"-Leitern Claus von Wagner und Max Uthoff.

Sydow macht politisches Kabarett, eindeutig, hält sich aber nicht damit auf, irgendwelche Politiker anzugehen. Sein Thema ist das, was hinter den überdeutlich zu beobachtenden gesellschaftlichen Fehlentwicklungen steckt. Und - vor allem im zweiten Teil des Programms - was man dagegen tun kann. "Bis zur Eröffnung der Fußball-WM in Katar werden dort circa 4000 Lohnsklaven gestorben sein", sagt er. "Es reicht nicht, wenn die Politik sich zum Sozialstaat lediglich nur bekennt. Man muss sie dazu verpflichten". "Politik und Wirtschaft haben aus der europäischen Sozialgemeinschaft ein Kaufhaus gemacht. " Und schließlich: "Kapitalismus und Neoliberalismus haben als Ersatzreligionen ausgedient. Angesagt ist purer Konsum, der sich selbst ständig potenziert. " Und was hilft gegen die Algorithmen, die längst die Weltherrschaft übernommen und dafür gesorgt hätten, dass unsere eigene Zukunft uns längst enteilt ist?

Weil Sydow eine Antwort geben will, ist das Programm nicht nur schonungslose, satirische Bestandaufnahme, sondern auch ein leidenschaftliches Plädoyer für Allgemein-, Geistes- und Herzensbildung. Es geht ihm um echtes Leben, nicht lediglich um dumpfes Existieren in einem immer unmenschlicher werdenden System. Es geht um die Klimakatastrophe, um verhungernde, versklavte Gesellschaften, nicht darum, was Heidi Klum anhat, was Dieter Bohlen sagt und wie das nächste Baby der Windsors heißen soll. Es geht darum, zumindest die Zusammenhänge zu erkennen, zu wissen, wem es nutzt, wenn Billigläden T-Shirts für einen Euro verkaufen und warum Kaffeepflanzer sich ihren eigenen Kaffee nicht leisten können.

Durchblick setzt Wissen voraus, deshalb Bildung. Ohne Geschichtsbewusstsein ist verantwortliches Handeln zum Wohle der Gemeinschaft nicht möglich, was man aktuell in den USA sehen kann. Wenn also Neurotiker, Narzissten und Egomanen die Welt regieren, heißt das im Umkehrschluss, dass die Klugen dann Pause haben? Nicht unbedingt: "Die Bürde des weisen Mannes" liegt laut Sydow darin, neue Blickwinkel zu finden, möglichst vielen die Augen zu öffnen. Genau das tut er. Und zwar auf ganz hervorragende Weise. Ein Spitzenkabarettist mit einem Spitzenprogramm. Bitte sofort für die Kabaretttage 2020 erneut buchen!

Karl Leitner