Jurahaus saniert
Eine Frage des Respekts

Jurahaus zum Bauernhaus des Jahres gekürt

23.08.2019 | Stand 23.09.2023, 8:18 Uhr
Horst Richter
Der Kachelofen in der Stube funktioniert selbstverständlich noch. Der großgewachsene Florian Gäck (links) fühlt sich wohl in dem Haus, das sein Onkel Anton mit viel Liebe zum Detail saniert hat. −Foto: Richter

Der Öko-Landwirt Anton Gäck aus Beilngries-Oberndorf sanierte 2002 das alte Jurahaus seiner Vorfahren. Heute leben er und sein Neffe Florian mit Familie komfortabel in diesem Haustyp, der zum "Bauernhaus des Jahres" gekürt wurde.

Oberndorf (DK) Massive Stufen führen hinauf zu dem wuchtigen Gebäude, eine hölzerne Tür in dunklem Grün macht den Weg frei in den großzügigen, mit großen Kalksteinplatten ausgelegten Flur mit seinem böhmischen Gewölbe. Rote Türen geben dem Raum eine freundliche Note. Gleich die erste links führt in die Kammer. Hier drin ist Anton Gäck geboren, vor 69 Jahren. "Da ist die Bettstatt gestanden", sagt er und zeigt auf eine Ecke des Zimmers, als wüsste er das nicht von der mittlerweile verstorbenen Mutter, sondern könnte sich noch selbst daran erinnern. Hier drin hatte auch der Vater seinen letzten Atemzug getan. Das mächtige Jurabauernhaus im kleinen Oberndorf bei Beilngries im Kreis Eichstätt hat ganze Generationen in seinen Mauern kommen und gehen sehen. Es selbst hat nur deswegen bis heute Bestand, weil seine jetzigen Bewohner das notwendige Gespür für Ortsgeschichte haben und sich der Verantwortung gestellt haben, dieses Erbe zu erhalten.

Jurahäuser bestimmten über Jahrhunderte hinweg das Bild im Altmühltal. Doch nur wenige sind heute verblieben, sie lassen sich an ihren flach geneigten, mit Legschieferplatten gedeckten Dächern, dem meist fehlenden oder geringen Dachüberstand und an den vergleichsweise kleinen Fenstern und den schnörkellosen Fassaden leicht erkennen. Ihr Ursprung geht bis ins 12. Jahrhundert zurück, sie entstanden vielfach rund um Steinbrüche, wo das Baumaterial herstammt. In der Nachkriegszeit begann alsbald das große Sterben dieser archaischen Häuser, vielfach zu Unrecht als "altes Glump" abgestempelt. Inzwischen erfahren Jurahäuser wieder mehr Wertschätzung, nicht zuletzt durch das Engagement des 1984 gegründeten Jurahausvereins.

Die Interessengemeinschaft Bauernhaus mit Sitz im niedersächsischen Worpswede hat diesen Bautyp im vergangenen Mai zum "Bauernhaus des Jahres 2019" gekürt. Nachhaltigkeit ist keine Erfindung der Neuzeit, wie diese Bauform eindrucksvoll belegt: Das weitgehend natürliche Material stammt direkt aus der Gegend, die Transportwege sind folglich kurz, die Bereiche für Arbeit und Wohnen sind geschickt miteinander verwoben, jedes individuelle Gebäude birgt das Potenzial in sich, Jahrhunderte zu überdauern.

Für den Öko-Landwirt Anton Gäck stand daher nie zur Debatte, sein in die Jahre gekommenes Elternhaus mit der Nummer 10 in Oberndorf abzureißen und etwa durch ein seelenloses Heim von der Stange zu ersetzen. "Es ist seit 1901 in Familienbesitz, mein Großvater aus Oberfranken hat es damals gekauft", sagt er. Die tatsächlichen Ursprünge des Anwesens sind freilich unklar und reichen wohl bis mindestens 1737 zurück. Fest steht, dass der Hof 1834 einem verheerenden Brand zum Opfer fiel, der elf Wohnhäuser, zwölf Stadel und sieben Schuppen zerstörte und 82 Menschen - fast das gesamte Dorf - obdachlos machte. Das spätere Gäck-Anwesen dürfte damals ebenfalls bis auf die mächtigen Mauern niedergebrannt sein. Jedenfalls stammt das Holz des heutigen Dachstuhl aus jener Zeit.

Der Zahn der Zeit hatte aber merklich an dem Gebäude mit der Flurnummer 1593 genagt, nachdem Anton Gäck - der "Veitenbauer", wie er im Ort heißt - es 1969 vom Vater übernommen und bis zur Jahrtausendwende darin gelebt hatte. Hinten, zur Straßenseite, gab es Absenkungen, die wiederum zu Undichtigkeiten im Dach führten. Gäck beschloss, den alten Bauernhof zu sanieren, für ihn eine Frage der Wertschätzung. Nicht jeder in seinem Umfeld verstand diesen Schritt, einer bezeichnete das Jurahaus gar - man möchte es kaum für möglich halten - als "Fremdkörper" im Dorf. Die Urform des Wohnens im Altmühltal sollte auf einmal fehl am Platz sein? Der heute 69-Jährige ließ sich nicht beirren.

Allein zwei Jahre dauerte die Planungsphase - viel Aufwand, aber: "Ich muss sagen, mit der Unteren Denkmalschutzbehörde im Landratsamt Eichstätt hat alles super geklappt", berichtet der "Veitenbauer". Gäck kam selbst mit den oft gefüchteten Denkmalschützern in München klar. 2002 war es soweit, die Instandsetzung begann. Das Haus wurde unterfangen, die Wände standfest verspannt und von Grund auf saniert, aber immer mit allem Respekt vor dem Erbe der Vorfahren. Heute bietet das großzügige Anwesen denselben Komfort wie jeder Neubau. Auf drei Ebenen stehen rund 400 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche zur Verfügung.

Einer, der damals kräftig mit anpackte, war Florian Gäck, Antons Neffe und heute 39 Jahre alt. Dass der junge Mann, von Beruf Konstrukteur für Überspannungsschutz, einmal in den alten Mauern einziehen würde, ergab sich erst viel später. Der Onkel hat selbst keine Kinder, also übernahm Florian den Hof 2007 mit seiner Familie, er lebt mit seiner Frau Bianca und den Kindern Jakob (12), Martin (10) und Emma (7) im Ober- und Dachgeschoss. "Ich mag das hier. Wenn ich neu bauen müsste, wüsste ich gar nicht, wie es hätte machen sollen. Hier passt alles genau wie es ist", findet der junge Mann - trotz 1,90 Meter Körpergröße "muss ich nur an drei Stellen im Haus den Kopf einziehen". Im Nebenerwerb betreibt er ein wenig Ackerbau - Florian Gäck erzeugt Brotroggen für die bekannte Hofpfisterei und Braugerste für den Lammsbräu in Neumarkt - und im Stall nebenan eine Öko-Schweinemast mit 78 Plätzen. Wohnen und arbeiten im selben Anwesen, wie es im Eichstätter Raum über Jahrhunderte hinweg Tradition war.

Die Wohnräume sind hell und freundlich, Holzböden verbreiten eine warme Atmosphäre, da und dort knarzt der Boden heimelig. Die kleinen Fenster lassen dennoch viel Licht ins Haus: Schräge Laibungen vergrößern die Fläche und lenken die Sonnenstrahlen ins Innere. "Hier ist es im Sommer immer schön kühl", freut sich der zwölfjährige Jakob. Die Gäck-Kinder genießen das Platzangebot, in ihren Zimmern baumeln Hängematten oder Sitzschaukeln von den massiven Sichtbalken. In der Stube gleich neben der Haustür steht ein alter Kachelofen. "Wir heizen aber auch über eine Fernwärmeleitung vom Stall herüber, da steht eine Scheitholzheizung", sagt Florian Gäck.

Das Jurahaus als Bauernhaus des Jahres - die Familie Gäck aus Oberndorf belegt eindrucksvoll, wie zeitgemäßes Leben in alten Mauern und im Jahr 2019 funktionieren kann, wenn man sich nur darauf einlässt. "Das Ganze hat einfach seinen ganz eigenen Charme, das ist so wohnlich und wohlig, wie du es in einem Neubau nie kriegst", glaubt der 39-Jährige. Und sein Onkel Anton freut sich, die Familie des Neffen mit den drei Kindern um sich zu haben. Hier ist er geboren, hier will er bleiben bis zuletzt. "Am Anfang war Spott, weil ich das sanieren wollte, jetzt spüre ich manchmal Neid. Es war sicher der richtige Weg."

Horst Richter