Ingolstadt

Eine Festung dient dem Frieden

Bayerisches Armeemuseum begeht 50-jähriges Bestehen am Standort Ingolstadt - Zur Geschichte des Hauses

03.05.2022 | Stand 07.05.2022, 3:34 Uhr
Repräsentative Burg mitten in der Stadt: Das Neue Schloss, erbaut im 15. Jahrhundert, beherbergt seit 1972 das Bayerische Armeemuseum. −Foto: Erich Reisinger

Ingolstadt - Mit Krieg konnte er gar nichts anfangen, Bayerns König Ludwig II.

Das ehrt ihn, wenngleich der Wittelsbacher damit unter den Kindern seiner Zeit arg aus der Art schlug. Monarchen sonnten sich damals gemeinhin gern im Glanz der Bajonette und Pickelhauben ihrer Armeen.

Ludwig mochte kriegerisches Getöse einzig und allein in den Opernschlachten seines Freundes und Kostgängers Richard Wagner leiden. Die Nibelungen lagen dem bayerischen Herrscher näher als die Niederungen der Tagespolitik. Drum nannte man ihn auch den Märchenkönig. Allein die Schätze, die er im Thronsaal von Schloss Neuschwanstein anschrauben ließ, hätten wohl gereicht, ein Heer so auszurüsten, um damit entspannt in Österreich einzumarschieren. Doch die Glorie der bayerischen Armee interessierte ihn nicht für ein Fünferl.

In den 1870er-Jahren schien sich der Generalstab der Missachtung seiner Majestät zu erwehren. Kriegsminister Joseph von Maillinger, General Friedrich von Bothmers und weitere hohe Militärs rangen Ludwig II. - man darf spekulieren: eher offensiv - ein Bayerisches Armeemuseum ab.

Das Bedürfnis nach patriotischer militärhistorischer Repräsentation loderte vielleicht auch deshalb so kräftig, weil das Königreich Bayern 1871 (nicht ganz unfreiwillig; schwierige Geschichte) im preußisch-deutschen Kaiserreich aufgegangen war oder besser: Untergegangen, wie es viele Heimattreue empfanden. Zu den paar Sonderrechten, die den Bayern blieben, gehörte die Biersteuer, eine Staatseisenbahn und eine eigene Armee. Deren Ruhm sollte in einem Landesmuseum - wider die borussische Dominanz - strahlend hervortreten. Gott mit dir, du Land der Bataillone!

1879 setzte der König unter das Gründungsdokument für das Armeemuseum drei Worte: "Zustimmung erteilt. Ludwig. " Punkt. Mehr hat er nicht dazu gesagt. Er besuchte das Museum kein einziges Mal. "Es war ihm wurscht", sagt der Historiker Tobias Schönauer, Kurator im Bayerischen Armeemuseum. "Völlig wurscht. "

Zuerst war die Militärsammlung im Münchner Zeughaus ausgestellt. 1905 zog das Museum in einen neuen Prachtbau im Hofgarten. Der wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt; die Ruine erlebte erst 1993 eine Renaissance: als Bayerische Staatskanzlei. Von 1946 bis 1969 bestand das Bayerische Armeemuseum im Bayerischen Nationalmuseum fort. Dann beschloss der Freistaat, es nach Ingolstadt zu verlegen. Das Neue Schloss wurde dafür eigens aufwendig saniert und bekam sogar (wenn auch nicht ganz originalgetreu) seine Türme zurück; die alten waren im 17. Jahrhundert weggebrannt.

Vor 50 Jahren ist das Bayerische Armeemuseum am Standort Ingolstadt eröffnet worden. Zum Jubiläum ist heuer einiges geplant, darunter ein großer Tag der Offenen Tür im Schloss am 16 . Juli (siehe den Kasten).

Der Festakt zur Eröffnung mit 350 Ehrengästen fand am 25. Mai 1972 im Fahnensaal des Schlosses statt. Das Armeemuseum in Ingolstadt bilde "einen neuen kulturhistorischen Mittelpunkt Bayerns", sprach Finanzminister Ludwig Huber (CSU). Sein Staatssekretär Erwin Lauerbach betonte in seiner Rede: "Dies ist keine Ehrenhalle zur Verherrlichung von Krieg und Militarismus. " Das Museum müsse auch klarmachen, "wie viel Leid und Trauer der Krieg verursacht". Es diene daher dem Frieden.

So sieht man es im Schloss bis heute. Tobias Schönauer: "Wir haben Krieg in Europa. Ein militärhistorisches Museum ist aufgefordert, sich diesem Thema zu stellen und historisch darauf zu schauen: Woraus entsteht Krieg? Was verursacht Krieg? Welches Leid bringt er über die Bevölkerung? Das zeigen wir in unseren Ausstellungen immer wieder. Aktueller, als es heute ist, können wir leider Gottes nicht sein. "

DK

TAG DER OFFENEN TÜR IM SCHLOSS AM 16. JULI

Das Armeemuseum veranstaltet am Samstag, 16. Juli, anlässlich des 50-jährigen Bestehens im Neuen Schloss einen Tag der Offenen Tür bei freiem Eintritt. Die Herren vom wissenschaftlichen Stab wollen sich dann zurückhalten, "weil man unsere Arbeit eh in den Ausstellungen sieht oder in Büchern lesen kann", sagt Museumssprecher Tobias Schönauer. Dafür stellen sie Kolleginnen und Kollegen in den Mittelpunkt, "die man sonst nicht sieht", und auf die sie stolz sind: das zehnköpfige Team der Museumswerkstatt. "Alles historische Handwerksberufe", sagt Frank Wernitz, Militärhistoriker und Museumskurator; er koordiniert den Tag der Offenen Tür. Eine Konservatorin alter Fahnen, eine Schneiderin, ein Sattler, ein Schlosser oder ein Buchbinder zeigen ihr Können bei der Restaurierung, Montage und Reinigung historischer Artefakte. "Es soll der Auftritt der alten Gewerke sein", kündigt Wernitz an.

Weitere Angebote am Tag der Offenen Tür: Ein Kinderprogramm mit Basteln und Vorführungen. So werden etwa Vorderlader krachen und im Schlosshof betagte Militärfahrzeuge zu sehen sein - alles mit historischem Anspruch. "Es ist unsere Aufgabe, die Geschichte des Krieges zu vermitteln. Ein Armeemuseum hat sich dieses Themas zu widmen", so Wernitz.

Im Armeemuseum lagern auch mehrere Hunderttausend Zinnsoldaten. Ein paar Tausend davon schlagen im Zinnfigurenturm historische Schlachten. Am Tag der Offenen Tür erfahren die Besucher an einer Station, wie so eine Zinnfigur entsteht: von der Uniform-Recherche bis zum Bemalen. "Zinnfiguren sind kein Anachronismus", erzählt Schönauer. Arrangiere man sie spektakulär, "erliegen alle ihrer Faszination".

Apropos spektakulär: Anlässlich des Museumsjubiläums wird ein weiterer Raum eröffnet. Das dort präsentierte bedeutende Exponat hat mit dem bayerischen Kurfürsten Maximilian I. zu tun, der 1651 - erkrankt von einer Wallfahrt nach Bettbrunn kommend - im Ingolstädter Schloss gestorben ist. Doch mehr wird noch nicht verraten.

sic

Christian Silvester