Effektvoller Kontrapunkt zum Vorweihnachtsglitzer

"Licht 2.0": Sechs Künstlerinnen und Künstler bespielen in Pfaffenhofen den öffentlichen Raum

06.12.2020 | Stand 10.12.2020, 3:33 Uhr
Visuelle Abenteuer: Markus Jordan hat sein Werk "Licht am Ende des Tunnels" auf der Ilminsel platziert (oben, links). Sebastian Klein beeindruckt mit seiner hintersinnigen Projektion "The Happiness Organization". Susann Dietrich spielt effektvoll mit Licht und Raum, Veronika Veit präsentiert ein schrilles Video. Und Victor D. Cartagena hat den Hungerturm erobert (Bilder im Uhrzeigersinn). −Foto: Fehr, Lukas Leonhardt Medienproduktion

Pfaffenhofen - Corona macht erfinderisch.

Das haben viele Kulturschaffende aus und in der Not in diesem Jahr eindrucksvoll gezeigt und sind neue Wege gegangen, um Kunst zu schaffen und diese für die Menschen erlebbar zu machen. Dass das finanziell meist eine Nullnummer war und ist und viele existenzielle Sorgen haben, steht auf einem anderen Blatt. Dass die Politik hier noch immer allzu zögerlich und nicht umfassend agiert, um den vielen Kreativen in ihrer Situation, die einem Berufsverbot gleichkommt, langfristige und umfassende Hilfe zukommen zu lassen, ist ein großes Versäumnis und eine Missachtung der Kulturschaffenden und der Bedeutung von Kunst in ihrer Vielfalt für die Gesellschaft.

Dennoch, es gibt auch immer wieder gute Signale. Zum Jahresende hat der Neue Kunstverein Pfaffenhofen erneut - nachdem er im Sommer bereits Kunst in den öffentlichen Raum verlegt und 30 Plakate von Künstlerinnen und Künstlern im Innenstadtbereich von Pfaffenhofen gezeigt hatte - in Zusammenarbeit mit der Stadt Pfaffenhofen noch ein Projekt initiiert, das Kunst trotz Beschränkungen und Kontaktverboten sichtbar macht. Innerhalb von drei Wochen haben Steffen Kopetzky, Schriftsteller und Vorsitzender des Neuen Kunstvereins, und seine Mitstreiter in Windeseile Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich an "Licht 2.0" zu beteiligen, ein Projekt, bei dem Installationen, kinetische Objekte und Projektionen in der Stadt zu entdecken sind. Steffen Kopetzky sagt dazu: "Was gibt es naheliegenderes, als im Winter Lichtkunst zu präsentieren. Licht, der elementare Stoff der Kunst überhaupt in seiner Reinform. "

Nur zu gerne haben Markus Jordan, Sebastian Klein, Victor D. Cartagena, Veronika Veit, Susann Dietrich sowie Achim Weinberg zugesagt. Für manche von ihnen war es der erste öffentliche Auftritt in diesen langen Corona-Monaten, für andere eine gute Gelegenheit, Neues auszuprobieren. Und das eben nicht in Innenräumen, sondern an verschiedenen Orten der Stadt, in historischen Gebäuden, in leerstehenden Geschäften oder an Hausfassaden. Dabei sind die Positionen auch politisch, schaffen historische Querverbindungen, sind vielschichtig und bieten nicht nur eine sinnreiche Alternative zum vorweihnachtlichen Glitzer, sondern auch einen effektvollen und spannenden Kontrapunkt zu den inflationär blinkenden Lichtquellen an Fassaden und in Vorgärten.

Weithin sichtbar in der Dunkelheit ist das spektakuläre und wandelbare Werk von Markus Jordan, dessen Titel - "Licht am Ende des Tunnels" - auch als Motto, als Hoffnungszeichen für das gesamte Projekt gelten mag. Der Künstler aus Ingolstadt, Meister visueller Wunderwerke und verblüffender Lichtinstallationen, für die er im vergangenen Jahr mit dem Ingolstädter Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde, hat einen mehrere Meter hohen offenen Kubus aus Aluminiumgestänge auf die Ilminsel gesetzt. Mit Hilfe von guten Freunden und mit Unterstützung etwa vom Gartenamt der Stadt Pfaffenhofen, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt. Aus blau fluoreszierenden Fäden wird ein liegender Zylinder geschaffen, der sich durch Rotation einer Grundfläche zu einem Hyperboloid und wieder zurück verformt. Es ergeben sich mit analogen Mitteln digital anmutende überraschende Effekte, geometrische Formen, die nicht nur das Kunstwerk, sondern auch den Betrachter in Bewegung versetzen. Clou dabei: Egal, wie kompliziert die Figur oder das Muster aussieht, es sind immer nur gerade Linien.

Victor D. Cartagena, Künstler aus Kalifornien, der in Lenting lebt, bespielt gleich zwei Orte zum Thema Schulden. Das Haus des Kunsthandels "ars vivendi" an der Hohenwarter Straße 71, das mit dem Titel "Exodus" zur Projektionsfläche für große Porträts wird, und den sogenannten Hungerturm am Stadtgraben. Da klopft im Innern ein Herz, aus den Fensteröffnungen des 600 Jahre alten Gebäudes, das eigentlich ein Pfänderturm war, in dem Menschen eingesperrt wurden, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten, fixieren den Betrachter Augenpaare. Von Pfaffenhofener Bürgern. Cartagena macht Geschichte sichtbar und schlägt einen Bogen in die Gegenwart. Themen seiner beiden eindrücklichen Installationen sind nicht nur die immense private Überschuldung in unseren Tagen und Industrienationen, sondern auch die Schuldenlast der Entwicklungsländer, die Weltwirtschaft, der Kapitalismus und die Konsequenzen wie Armut und die Flucht von Millionen Menschen. Cartagena setzt ein Mahnmal, aber will auch "ein sichtbares Zeichen für die Veränderbarkeit der Gesellschaft und einen immer möglichen Neuanfang" setzen.

Bezug auf die Stadtgeschichte und die gleichermaßen globale, aktuelle und hoch brisante Problematik des Wassers als lebenserhaltender Ressource nimmt auch Achim Weinberg. Der Nürnberger Künstler hat in den Innenraum des Betriebsgebäudes der Arlmühle am Bürgerpark sein schimmerndes Werk positioniert. "Wasser ist Gold" heißt die Arbeit, die aus Leuchtkästen besteht, die Schmuckschatullen, Brutkästen oder archäologischen Vitrinen gleichen.

Reduziert und dennoch raumbildend und raumfüllend ist das Werk von Susann Dietrich aus Lemgo, "Sinusoid". In der Galerie kuk an der Auenstraße 44 zeigt die von der "Alchemie des Lichts" faszinierte Künstlerin ihre fabelhaften und minimalistischen Projektionen.

Veronika Veit präsentiert sich im Schaufenster einer ehemaligen Bäckerei an der Hohenwarter Straße 37. Dort flimmert nun das Video "Dirt as a Pet" der Münchner Künstlerin, eine Filminstallation, die hintersinnig und schräg Rollenmuster aufgreift.

Ein Highlight im wahrsten Sinne des Wortes ist "The Happiness Organization" von Sebastian Klein in einem leerstehenden Geschäft an der Schulstraße 23. In zehn Minuten erzählt der Kulturförderpreisträger der Stadt von 2011, der sich vor allem der Malerei verschrieben hat, eine aberwitzige, hintersinnige und an rätselhaften Wendungen reiche Geschichte über Reisen, Reichtum, Umweltzerstörung, Ängste und Sorgen in Corona-Zeiten, Fake-News, Verschwörungsmythen. Ausgangspunkt ist "The Beach", jener Film mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle aus dem Jahr 2000, der am legendären Strand von Maya Bay in Thailand gedreht wurde. Klein hat ein inhaltliches, visuelles und an technischen Raffinessen reiches Meisterwerk geschaffen. Da tummeln sich Tausende Urlauber, da schweben Wörter durch den Raum, fallen Diamanten und flattern Dollarscheine, fliegen Emirates-Flugzeuge, da mischen sich Smileys mit Corona-Viren. Ein Kunstwerk, das die Probleme und Absurditäten dieser außergewöhnlichen Zeiten treffend in Szene setzt.

DK