Wolnzach

Drei Fachleute, zwei Ansichten

Baumaktivistin Annette Hartmann kritisiert Fällaktionen - Staatliches Bauamt und Markt halten dagegen

08.03.2021 | Stand 12.03.2021, 3:34 Uhr
Nur noch ein Stumpf steht vom großen Ahorn an der Straße. Der abgeschnittene Stamm wird als Totholzbaum wieder aufgestellt. −Foto: Trouboukis

Wolnzach - Bald soll der Kreiselneubau am Wolnzacher Gewerbegebiet Schlagenhausermühle beginnen. Damit wird eine Baumaßnahme umgesetzt, die Voraussetzung zur Erschließung dieses Gewerbegebiets ist. Am Aschermittwoch wurden vorbereitend dazu etliche Bäume gefällt: aus planerischer Sicht notwendig, sagt dazu das Staatliche Bauamt als Bauherr; bedauerlich, aber nicht vermeidbar, heißt es aus dem Wolnzacher Rathaus; vom Zerschlagen ökologischen Tafelsilbers spricht dagegen die Geisenfelder Baumkontrolleurin Annette Hartmann.

Die Baumaktivistin

Baumrodungen werden stets nach dem gleichen Schema dargestellt, sagt Annette Hartmann: "Wir lesen eingangs, die Bäume mussten weg zugunsten des neuen Bauwerks. Wer hinterfragt diese Priorität Bauwerk vor Baum, zumal jetzt, in Zeiten des Klimawandels?" Eine typische Phrase sei auch der Ausdruck "bedauerlich". Das werfe die Frage auf, ob denn ernsthaft Alternativen geprüft wurden: "Hat jemand Planungsvarianten entwickelt, die Baum und Bauwerk unter einen Hut gebracht hätten? Dann wäre so ein Kreisel vielleicht nicht rund, sondern elliptisch - aber es könnten Bäume stehen bleiben, idealerweise als Schmuckstück in der Mitte." Das Fällen sei selten der beste, noch seltener der preisgünstigste Weg für das Gemeinwohl, werde doch die Bodenversiegelung, die Schaffung neuer Hitzeinseln und vor allem der Verlust von leistungsfähigen grünen Klimageräten alle noch teuer zu stehen kommen.

Auch würden gerne Defekte an gefällten Bäumen - im Falle Wolnzach am großen Ahorn - entdeckt: "Es genügt eine faustgroße dunkle Stelle und spätestens jetzt gibt der besorgte Laie seine Bedenken auf. Kaputt ist nun mal kaputt. Dass reife Bäume im Alter ihren verholzten Kern für die Statik kaum mehr brauchen, einige Arten, wie beispielsweise Linden fast immer irgendwann hohl werden und trotzdem noch Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte sicher stehen, hat sich noch nicht herumgesprochen." Ahornbäume erreichten ein Alter von bis zu 600 Jahren. Der gefallene Ahorn war "nicht einmal in seiner Lebensmitte angekommen".

Kritisch sieht sie Ersatzpflanzungen: "Wir erfahren keine Zahl von Bäumen (...). Diese Schwammigkeit sagt schon wieder viel über die Ernsthaftigkeit der Ausgleichspläne. Aber der Knackpunkt ist, dass sich nur ein Unkundiger von Ersatzpflanzungen trösten lässt: Um einen einzigen Großbaum mit seiner Zelloberfläche von zwei Fußballfeldern in seinen vielen Funktionen wirklich zu ersetzen, bräuchte es 2000 Jungbäume. Hinzu kommt, dass ein Baum im bebauten Raum für den Klimaschutz viermal wertvoller ist, als stünde er draußen in der freien Landschaft oder im Wald - weil eben Schatten, Kühlung, Befeuchtung an Ort und Stelle benötigt werden." Bedenke man, dass viele Ausgleichspflanzungen aus den unterschiedlichsten Gründen nie stattfänden, werde der Schaden einer Fällung von Großbäumen in all seiner Dimension erkennbar.

Dass der gefällte Ahorn als Totholzbaum eine andere Funktion bekommen soll, sei reiner Hohn: "Das ist doch zynisch! Wir Menschen leben auch nicht weiter, wenn eines Tages Würmer an unseren Knochen nagen. Nichts gegen den natürlichen Kreislauf des Lebens, aber hier wird der hässlichen Fratze des Todes ein rosa Plüschdeckchen übergezogen." Diese "Fratze" grinse auch an anderen Stellen im Landkreis: in Manching beim Edeka, wo für einen Kreisel zehn Großbäume geopfert wurden; zwischen Englmannszell und der Bundesstraße 300, wo neun Eichen fallen sollten und jetzt doch bleiben dürfen; für den Radweg Strobenried-Oberlauterbach, wo zwei Dutzend Straßenbäume weichen mussten; oder in Geisenfeld, wo für die Erweiterung der Realschule 16 Bäume fallen sollen - aber nur für die Zeit des Umbaus; danach sollen 90 Prozent der Fläche wieder bepflanzt sein.

"Wenn schon ein einziger Kreisel einen Millionenbetrag kosten darf, wie wäre es mit einem Fördertopf für Baumschutzkonzepte als Bestandteil künftiger Bauplanung? Und mit einem kräftigen öffentlichen Zuschuss für den Erhalt großer Bäume?" fragt die Baumaktivistin. "In der Rodungssaison 2020/2021 wurde genug ökologisches Tafelsilber geopfert. Es wird höchste Zeit, gegenzusteuern."

Das Bauamt

Tanja Geyer vom Staatlichen Bauamt Ingolstadt leitet den Wolnzacher Kreiselbau. Zur Sicht Annette Hartmanns sagt sie: "Der Erhalt von Großbäumen liegt auch uns am Herzen. Daneben sind wir gesetzlich verpflichtet, vermeidbare Eingriffe in Natur und Landschaft zu unterlassen." Man habe mehrere Planungsvarianten geprüft: "Bei der Lage des Kreisverkehrs bestehen Zwangspunkte, die hauptsächlich an den Anschlussbereichen der Kreisverkehrsarme und der Bebauung der umliegenden Grundstücke liegen. Der Kreuzungsbereich wurde soweit wie möglich an den Bestand angepasst und sowohl in Lage als auch in Höhe und Querneigung flächenschonend und massensparend angelegt." Aufgrund dieser Vorgaben habe es keine Variante gegeben, bei der die drei Bäume mittleren Alters auf der bestehenden Grüninsel hätten erhalten werden können. Weiterhin habe man geprüft, ob ein Erhalt der drei Bäume am Straßenrand (rechts von Starzhausen kommend) möglich gewesen wäre: "Die Linienführung der Planung ergibt sich aus den ankommenden, an den Kreisverkehr anzubindenden Straßen. Bei der Planung ist die Gewährleistung von Sichtbezügen zu beachten. Die ankommenden Straßen sind auf ein Niveau zu bringen, wodurch das umliegende Gelände und die begleitenden Wege höhenmäßig so angepasst werden muss, dass ein Erhalt der Bäume leider nicht möglich war."

Die Dimensionierung des Kreisverkehrs hinsichtlich der Ausfahrts- und Einfahrtsradien und der damit verbundenen Verkehrssicherheit sei bereits auf ein Minimum reduziert: "Somit ergab sich auch hieraus keine Option, die Bäume zu erhalten.  Auch die Wahl eines elliptischen Kreisverkehrs wäre platzmäßig nicht umsetzbar und würde eine noch größere Bodenversiegelung nach sich ziehen." Zum großen Ahorn sagt sie: "Da vor allem der Stamm des Altbaumes ein hohes Potenzial als Lebens- und Nahrungsraum für Insekten, Vögel oder Fledermäuse birgt, wurde versucht, gemeinsam mit dem Markt Wolnzach eine Lösung zu finden. So wird der Stamm an anderer Stelle als Totholzbiotop wieder aufgerichtet und kann dort seine Funktionen im Naturhaushalt weiterhin übernehmen und weiterentwickeln."

Die Rodung der Bäume sei im Rahmen der Eingriffsregelung berücksichtigt und schlage sich in der Dimensionierung der für die Baumaßnahme notwendigen Kompensationsfläche nieder. Weiterhin sei die Neupflanzung von 16 Straßenbäumen im Bereich des Kreisverkehrs sowie entlang der Staatsstraße 2049 Richtung Starzhausen geplant. Die Pflanzung werde zwar nicht sofort, aber doch mittel- bis langfristig die verlorenen Funktionen für Naturhaushalt und Klima übernehmen sowie den Eingriff in das Ortsbild kompensieren. Die Pflanzungen würden zeitnah, nach Abschluss der Baumaßnahme, durchgeführt. Die Ersatzpflanzung sei mit dem Markt Wolnzach abgestimmt.

Der Forstfachmann

Dominik Fehringer ist der Fachmann für Natur und Umwelt im Wolnzacher Bauamt, und begleitet in dieser Funktion den Kreiselbau. "Der besagte Bergahorn hatte einige Hohlstellen am Stamm sowie im Kronenbereich, zu dem kam eine Anhebung am Wurzelteller", sagt er auf Anfrage unserer Zeitung. "Es ist korrekt, dass ein Baum bis zu einen gewissen Maß innen hohl sein kann und trotzdem stabil ist." Jedoch müsse man hier das Gesamtbild betrachten. "Der Standort ist auf einem Ranker mit einem Höhenunterschied von etwa 2,50 Metern zum Wurzelansatz Richtung Westen sowie der äußerst stark befahrenen Staatsstraße mit sehr stark frequentiertem Fuß und Radweg im Osten. Was eine hohe Belastung des Wurzelbereiches mit sich bringt". Der Baum wurde zweimal jährlich auf Verkehrssicherheit geprüft, auch habe man professionelle Kronenpflegen und Zugversuche vorgenommen. Dies war notwendig, weil "teilweise auch sehr starkes Totholz die Verkehrsteilnehmer gefährdete". Vermehrt auftretendes Totholz sei immer ein Zeichen, dass lebenswichtige Elemente wie Wasser, Nährstoffe, Spurenelemente, Licht nur begrenzt zur Verfügung stünden - und deshalb von der Pflanze manche Kronenbereiche nicht mehr ausreichend versorgt werden können. Die Bauarbeiten mit schweren Maschinen und Erdbewegungen hätten den Baum zusätzlich erneut sehr stark beeinträchtigt, man hätte mit Wurzelabrissen, Quetschungen, Schäden durch Baufahrzeuge rechnen müssen, so dass ein längeres Überstehen äußerst fragwürdig gewesen wäre: "Die Folge, wäre eine Entnahme des Ahorns einige Jahre nach der Fertigstellung des Bauvorhabens gewesen, um die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer gewährleisten zu können."

Jede Behörde - wie das Amt für Ländliche Entwicklung, Bayerische Staatsforsten, Untere Naturschutzbehörde, Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft - weise auf die Wichtigkeit von stehendem Totholz hin. Fehringer nennt hier auch den Naturschutzbund, den Landesbund für Vogelschutz, den Bund Naturschutz, den Bayerischen Jagdverband: "Hiervon haben wir leider in unseren bayerischen Wäldern und Heckenstrukturen immer noch zu wenig. Denn Totholzstrukturen bieten nicht nur für größere Lebewesen wie Spechte, Eulen, Fledermäuse und Bilchen ein wichtiges Habitat, sondern sind gerade für eine enorme Anzahl an Holz zersetzenden Lebewesen wie Käfern, Pilzen und Kleinstlebewesen von überlebenswichtiger Bedeutung." Bei Käfern rede man beispielsweise von über 1700 Arten in Mitteleuropa, die für ihre Entwicklung auf Totholz angewiesen sind. Auch bei Wespen und Wildbienenarten spreche man von ähnlich hohen Zahlen, die für ihren Nestbau vor allem stehendes Totholz benötigen.

Fazit des Fachmanns: "Dass der Stamm eines Baumes, der aus technischer Sicht nicht mehr zu retten war, anstatt zu Brennholz oder Hackschnitzeln verarbeitet zu werden, noch einen sinnvollen und für die Natur äußerst wichtigen Zweck erfüllt, kann nicht falsch sein."

kat