stadtgeflüster

Doppelter Genuss

15.07.2019 | Stand 02.12.2020, 13:30 Uhr

(gul) Es gibt Fehler in Sachen Musik, die hört man gar nicht.

Klassik-Genuß ist so ein Fall: Klingt gut, ist aber trotzdem falsch - nämlich falsch geschrieben. Denn seit Einführung der Rechtschreibreform im vergangenen Jahrtausend endet der Genuss hinten mit einem Doppel-S statt mit einem scharfen S, wie es früher üblich war. Leider hat unser Spätdienst am Sonntagabend einen Rückfall in die alte Schreibweise erlitten und als Schlagzeile über das Foto oben auf der Titelseite "Klassik-Genuß im Klenzepark" eingetippt. Vielleicht lag es ja daran, dass die klassische Musik vom einem Nimbus des Altertümlichen umweht wird.

Trotzdem sollte eine Zeitung natürlich mit der Zeit gehen, auch wenn sie über ein Klassik-Open-Air berichtet. Doch als wir den Fehler bemerkt und korrigiert haben, war ein Teil der Ausgabe bereits gedruckt. Deshalb gab es die erste Seite des DONAUKURIER gestern in zwei Versionen - eine davon gemäß der aktuellen Schreibregeln und eine für die Freunde des alten Regelwerks.

Eigentlich schienen die durch die Rechtschreibreform hervorgerufenen Verwirrungen inzwischen ja weitgehend überwunden zu sein. Hoffentlich haben wir nicht bei einzelnen Lesern nun neue Irritationen ausgelöst, weil es auf der DK-Titelseite des Nachbarn einen anderen "Klassik-Genuss" oder "Genuß" gab. Geklungen hat er jedenfalls in beiden Fällen gleich.

Wie viel die Besucher von den Musikern gesehen haben, ist eine andere Sache. Am Samstagabend war es jedenfalls manchmal nicht leicht, durch das Meer von Regenschirmen einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Allerdings ist es verständlich, wenn Klassik-Freunde bei einer Veranstaltung unter derart offenem Himmel nicht nass werden wollen.

Schade ist es dagegen, wenn der Genuss durch störende Nebengeräusche getrübt wird: Rechts klacken immer wieder die Bierflaschen, links wird lautstark geratscht: "Hast du schon gehört? " - bei dieser Frage geht es bestimmt nicht um die Töne von der Bühne. Nun gehört eine lockere Atmosphäre zu einem Open Air dazu und macht erst das besondere Flair aus. Doch wenn manche Besucher sich anscheinend gar nicht für die Musik interessieren, kann man sich schon fragen, warum sie nicht woanders Party machen. Aber zu sehr ärgern sollte man sich nicht - das wäre auch wieder ein Fehler.