Ingolstadt

"Diese Willkür verunsichert die Leute sehr"

Die BLLV-Kreisvorsitzende Karin Leibl spricht über die Pläne des Kultusministers gegen den Lehrermangel

22.01.2020 | Stand 02.12.2020, 12:08 Uhr
Grundschullehrer sollen mehr arbeiten, außerdem sollen sie länger im Beruf bleiben. Dieser Vorstoß des Bayerischen Kultusministers Michael Piazolo (FW) stößt auf viel Kritik. −Foto: Bird/dpa

Ingolstadt - Die bayerischen Grundschullehrer sollen mehr arbeiten - 29 statt 28 Unterrichtsstunden pro Woche - das zumindest plant Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler).

Außerdem sollen sie wie ihre Kollegen aus den Mittel- und Förderschulen nur noch in Ausnahmefällen vor dem 66. Lebensjahr in Pension gehen dürfen. Zudem dürfen Förderschullehrer im Rahmen einer Antragsteilzeit höchstens noch auf 23, Grund- und Mittelschullehrer auf 24 Wochenstunden reduzieren. Karin Leibl (kleines Foto) ist deshalb sehr besorgt. Die Mittelschullehrerin aus Ingolstadt ist Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) und verfolgt die Pläne der Politik genau.

Frau Leibl, die Pläne des Kultusministers haben bei vielen Lehrern für Ärger gesorgt. Sie sagen: Viele von ihnen sind schon jetzt am Limit.

Karin Leibl: Ja. Was ich aber ganz deutlich sage, ist dass Herr Piazolo nur reagieren kann. Er ist zu kurz Minister, um Schuld daran sein zu können. Das ist auch den Lehrern bewusst - aber sie dürfen halt nicht diejenigen sein, die die Versäumnisse der Politik ausbaden müssen! Die liegen in der Planung. Man weiß natürlich, wie viele Kinder auf der Welt sind, gerade in den Grundschulen. Es gibt eine Karikatur, die gefällt mir sehr gut, bei der Sechsjährige im Krankenhaus liegen, mit der Unterschrift: ,Kultusministerium kämpft mit schwer kalkulierbaren Ursachen für einen erhöhten Lehrerbedarf: Immer mehr Neugeborene sind schulreif' (lacht).

Der Lehrermangel ist da, die Planungen sind versäumt, sagen Sie. Was hätten Sie sich anstelle der aktuellen Überlegungen gewünscht?

Leibl: Wenn es freiwillig gewesen wäre, dann hätte man sicher zusammengeholfen und etwas erreicht - dann hätten Schulleiter, Personalräte, versucht, Leute zu Teilzeitaufstockungen zu bewegen, und das wäre auch gegangen. Lehrer machen alles für Kinder. Ich teile mir dieses Schuljahr eine Klasse mit einer Kollegin, wir vertreten eine schwangere Kollegin. Sie hat sechs Stunden aufgestockt, damit sie mit mir zusammen die Klasse ,vollmacht', damit die Kinder nicht drei Lehrer haben. Freiwillig.

Freiwillig sind die angekündigten Maßnahmen aber nicht. Als Verbandsvertreterin sagen Sie, viele Lehrer seien jetzt schon überfordert.

Leibl: Die Maßnahmen, die jetzt kommen sollen, sind zu Lasten derer, die ohnehin schon am Limit oder drüber sind.

Haben Sie Beispiele aus dem Alltag an Ingolstädter Schulen?

Leibl: Ich bin seit zehn Jahren BLLV-Kreisvorsitzende. Seither berate ich Leute, wie sie in den Ruhestand kommen, zum Beispiel über Altersteilzeit oder ein Freistellungsmodell, meist gekoppelt mit dem Antragsruhestand. Bisher konnte man frühestens mit 64 gehen. Aktuell sind drei Frauen dabei, die gesagt haben: Bisher haben sie 14 Stunden Teilzeit gearbeitet, nach ihrem 64. Geburtstag gehen sie. Jetzt erfahren sie, dass sie nicht gehen können und auch noch zehn Stunden mehr unterrichten müssen. Die haben sich dahingerobbt, und erfahren jetzt: Sie müssen noch ein Jahr länger arbeiten. Das betrifft die ganze Lebensplanung, eine etwa hat Enkelkinder; ihre Tochter will wieder anfangen zu arbeiten. Das gleiche gilt für die Freistellung vor dem Ruhestand, die Betroffenen wissen nicht, ob sie nun zwei Jahre freigestellt werden und mit 64 wieder kommen und arbeiten müssen.

Sind also besonders ältere Kollegen verunsichert?

Leibl: Wir warten natürlich auf die sogenannten Ausführungsbestimmungen, in denen genau steht: Was kann man jetzt noch beantragen? Beim Antragsruhestand heißt es: Einzelfallprüfung, das bedeutet sie müssen den Antrag stellen und dann auf das Ja oder Nein warten. Wenn dann jemand erkrankt, ist das sicher nicht, weil er bockig ist; man muss einfach schauen, wie viele Stunden es wirklich bringt. Meine Sorge ist auch: Wenn die Leute krank werden - was kommt dann nächstes Jahr? Muss ich dann noch ein Jahr länger? Diese Willkür verunsichert die Leute sehr. Das betrifft in Ingolstadt nicht nur Grundschullehrer, auch Kollegen von den Mittelschulen sowie Fach- und Förderlehrkräfte - das sind bestimmt 800 bis 900 Lehrer. Ein Beispiel vielleicht noch . . .

. . . nur zu.

Leibl: Es gibt eine Ingolstädter Grundschule, an der drei Kolleginnen sind, deren Kinder jetzt 18 Jahre alt geworden sind. Jetzt trifft sie familienpolitische Teilzeit nicht mehr.

Und sie können die reduzierten Stunden nicht beibehalten. Der Kultusminister will die Antragsteilzeit höchstens noch auf 24 Wochenstunden reduzieren.

Leibl: Das heißt an einer Schule gibt es drei Kolleginnen, die mindestens 24 Stunden arbeiten müssen. Da stellt sich die Frage: Wenn sie jetzt wirklich aufstocken, ist dann eine zu viel? Muss eine Kollegin die Schule verlassen?

Mit den regulären 28 Schulstunden Unterricht, die Piazolo mit einem Arbeitszeitkonto auf 29 aufstocken möchte, ist es nicht getan, heißt es. Welche Aufgaben haben Grundschullehrer noch?

Leibl: Vor- und Nachbereitung zum Beispiel. Viele Gymnasial- und Realschullehrer, die die Zusatzqualifikation für die Grundschule erwerben, stellen fest: Der Korrekturaufwand ist Wahnsinn. Die Leistungsspanne in den Grundschulen ist auch enorm - man differenziert nach Förderbedarf. Elternabende, Pausenaufsichten, Konferenzen in der Schule. Die außerunterrichtlichen Pflichten sind noch mal so viel. In den vergangenen Jahren sind durch Politik und Gesellschaft immer mehr Aufgaben an die Schulen delegiert worden - ohne Entlastung. Es ist der Politik bewusst. Wenn man statt 14 Stunden 24 unterrichtet, dann ist es damit ja nicht getan. Die Lehrer schaffen es nicht. Zwei Kolleginnen aus Ingolstadt, die beide 14 Stunden unterrichtet haben, haben mir erzählt, dass sie Probleme mit der Stimme haben und nicht mehr als 14 Stunden leisten können.

Diese Kolleginnen sollen künftig aber trotzdem 24 Stunden arbeiten. Sie meinen also, dass durch die Pläne das Problem nicht gelöst, sondern verschlimmert wird?

Leibl: Ja, so ist es. Weil es die trifft, die ohnehin schon belastet sind. Die Maßnahmen bei der Antragsteilzeit und dem Antragsruhestand betreffen vor allem die Lebensälteren, die sich ihre Gesundheit mit Teilzeit erkauft haben. Das ist keine Polemik.

Welche Optionen haben die Betroffenen?

Leibl: Wir beim BLLV beraten. Wir warten ab, vielleicht gibt es Altersteilzeitmodelle, bei denen man den Durchschnitt der letzten fünf Jahre Teilzeit arbeiten darf - mit 80 Prozent Gehalt. Die andere Möglichkeit ist die Teildienstfähigkeit, wenn man sich vom Amtsarzt untersuchen lässt und er entscheidet, wie viel man arbeiten kann. Oder: So lange arbeiten, bis man wirklich erkrankt.

Um dem Mangel an Grundschullehrern zu bekämpfen, fordert Ministerpräsident Markus Söder (CSU) an Universitäten den Numerus Clausus fürs Grundschullehramt aufzuheben. Reicht das?

Leibl: Das fordern wir schon lange. Es sind schon vor zwei Jahren die Studienplätze erhöht worden in Eichstätt und München. Die Frage ist: Was kommt hinten raus? Es springen aber viele wieder ab.

Woran liegt das?

Leibl: Viele stellen sich das nett vor, aber stellen nach ein zwei Praktika fest: Kleine Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit. Grundschüler sind lebendig und fordernd. Bei einer Gesprächsrunde in Eichstätt haben die Studierenden gesagt, dass es nicht attraktiv ist, Grundschullehrer zu werden.

Was könnte man dagegen tun?

Leibl: Natürlich die Besoldung ändern. Mit unserem Studium bekommt man Besoldungsstufe A13 - mit Ausnahme der Grund- und Mittelschullehrer (Sie werden nach A12 besoldet, d. Red. ). Man müsste diesen Zusatz nur streichen. Es liegt aber auch an den Arbeitsbedingungen. Es kommt immer was ,on Top', aber keine Entlastung dazu. Die Leute brauchen Hilfe, die Mittel wären da.

Das Gespräch führte Julian Bird.

DK