Thalmässing

"Die Zeiten werden rauer"

Gedenken an Reichspogromnacht in Thalmässing mahnt zur Vorsicht in heutigen Tagen

11.11.2018 | Stand 02.12.2020, 15:16 Uhr
Uwe Ziegler
Teelichter und Steine legen die Thalmässinger am Platz der früheren Synagoge ab. −Foto: Unterburger

Thalmässing (HK) Derr 80. Wiederkehr der Reichspogromnacht haben in Thalmässing am Freitagabend 30 Menschen gedacht. Die stellvetretende Bürgermeisterin Ursula Klobe und Diakon Lothar Michel gestalteten die Veranstaltung und erinnerten in Ansprachen an die Verbrechen, die 1938 an jüdischen Bürgern in ganz Deutschland - und auch in Thalmässing - verübt worden sind.

Vor 80 Jahren seien deutschlandweit Synagogen in Brand gesteckt, Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen und diese geplündert, Juden in ihren Wohnungen überfallen, auf die Straße getrieben und die Wohnungen verwüstet worden. "Der 9. November 1938 markiert einen Zivilisationsbruch in der deutschen Geschichte", erklärte die Ursula Klobe. "Die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung schlug um in brachiale Gewalt."

Mit der Machtübernahme der Nazis habe auch in der Landgemeinde Thalmässing, die Diskriminierung zugenommen, immer mehr jüdische Bürger seien weggegangen. "1933 waren in der einst wohlhabenden jüdischen Siedlung noch fünf jüdische Familien namens Neuburger, Rosenfeld, Heydecker, Schülein und Süß." Doch 1937 habe sich die jüdische Gemeinde aufgelöst, die Synagoge sei bereits 1936 als Schranne genutzt worden. Auch wenn sie deshalb in jener Nach nicht brannte, so "wurden auch hier Scheiben eingeschlagen und Geschäfte verwüstet", so Klobe.

Die Erinnerung vor allem an Emma Neuburger sei lebendig, die 1936 als achtjähriges Mädchen über Nürnberg in die USA emigrierte, blickte die Vizebürgermeisterin zurück - auch wenn diese mittlerweile verstorben sei. Als verheiratete Emma Smith habe sie 1996 die Marktgemeinde und die Eröffnung der Ausstellung "Jüdische Heimat Thalmässing" besucht. Auf ihre Initiative sei im Jahr 2000 der Gedenkstein am Platz der früheren Synagoge errichtet worden. Der Platz, wo die Gedenkveranstaltungen an die Pogromnacht von 1938 alljährlich stattfindet. Emma Neuburgers Tochter Esther, eine Enkelin und ein Neffe seien jetzt im September zu Gast in THalmässing gewesen, um den Gedenkstein neben dem jüdischen Friedhof einzuweihen. "Ich bin sehr dankbar für die freundschaftliche Begegnung mit den sehr herzlichen Frauen, deren Mutter und Großmutter hier so schlecht behandelt wurde."

Abschließend zitierte Ursula Klobe Zahlen, herausgegeben von der Bundesregierung. Demnach habe es 2017 insgesamt 1453 antisemitische Straftaten in Deutschland gegeben. "Das ergibt einen Durchschnitt von vier Straftaten pro Tag." Das griff der evangelische Diakon Lothar Michel auf: "Die Zeiten werden rauer", sagte er, doch "wir haben die Erinnerungspflicht".

Der Diakon erinnerte daran, dass allein bis zum 11. November 1939 30000 Juden in Konzentrationslager verschleppt und mehr als 600 jüdische Friedhöfe verwüstet worden sind. Die Reichspogromnacht sei der Beginn der Vernichtung des europäischen Judentums gewesen. "Auch hier in Thalmässing gab es Zerstörungen", sagte er, "die physische Vernichtung der Juden folgte."

Widerstand im Volk habe es nicht gegeben, fällte er sein Urteil, "nur ein bisschen Empörung". Auch das Verhalten der evangelischen Kirche kritisierte er: "Da wollten manche Kräfte aus Jesus einen Arier machen", berichtete er. Zwar habe sich die Bekennende Kirche von den Deutschen Christen distanziert, zu einem echten Widerstand habe es aber nicht gereicht. Lediglich Dietrich Bonhoeffer habe die Gräueltaten richtig eingeschätzt - aber er sei ziemlich alleine damit gewesen. "Der christlich geprägte Antisemitismus und Luthers Judenfeindlichkeit spielten den Nazis zu", unterstrich Diakon Michel, "als Staat und als Kirche haben wir versagt, es kam keine Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern, keine Empathie, auf. Wir haben zugeschaut oder gleich selbst mit Hand angelegt."

Umso wachsamer müsse man heute sein angesichts von Hetzjagden auf Menschen. "Pogrome und Antisemitismus sollte es nicht mehr geben, denn Antisemitismus ist immer nur der Beginn einer weiteren Kette von Eliminierungen." Antisemitismus sei "das Einfallstor" zu nationalistischen Bewegungen und Parteien und zu Hasskommentaren in sozialen Netzwerken. "Die Erinnerungskultur ist angezählt", so Michel weiter, "wir brauchen mehr Empathie und mehr Wertschätzung." Solche Werte sollten auch von den Kirchen ausgehen.

Nach einem Gebet und Fürbitten legten alle Teilnehmer der Gedenkveranstaltung einen Stein auf dem Gedenkstein ab. "Dies geschieht als Erinnerung an und Verbundenheit mit den Verstorbenen, aber auch mit den Lebenden", begründete Diakon Michel den jüdischen Brauch.

Robert Unterburger