Ingolstadt

Die Mona Lisa der Konkreten Kunst

Die Stadt besitzt jetzt Lohses "Fünfzehn systematische Farbreihen in progressiven Horizontalgruppen"

09.03.2012 | Stand 03.12.2020, 1:44 Uhr

Kunst für eine industrielle Welt: „Fünfzehn systematische Farbreihen“, ein Schlüsselwerk der Moderne, gehört jetzt der Stadt. Bisher war es nur als Leihgabe im Museum für Konkrete Kunst an der Tränktorstraße zu sehen. Am Freitag wurde die Neuerwerbung gefeiert. - Foto: Rössle

Ingolstadt (DK) Es ist eines der bedeutendsten Werke der Konkreten Kunst und von weltweiter Bekanntheit: „Fünfzehn systematische Farbreihen“ von Richard Paul Lohse. Seit 1996 ist es als Leihgabe im Museum für Konkrete Kunst zu sehen. Jetzt gehört das Bild der Stadt – auch dank zweier Stiftungen.


 
Von wegen, das kann ja jedes Kind! Miriam Müller kennt die Klischees; als Pädagogin im Museum für Konkrete Kunst ist sie mit dem Genre ebenso vertraut wie mit Kindern, die hier an der Tränktorstraße die Welt der Moderne entdecken. „Lohses fünfzehn Farbreihen faszinieren die Kleinen immer besonders“, erzählt Miriam Müller. Wegen der regenbogenartigen Ausdrucksstärke.
 
Die Museumspädagogin weiß allerdings auch: Von kindlicher Schaffenskraft zu Richard Paul Lohse (1902–1988), ein Alter Meister der Konkreten Kunst, ist es ein sehr weiter Weg, denn: „Hinter seinen fünfzehn Farbreihen steckt ein kompliziertes mathematisches System.“


Und das begründet die Bedeutung des Werks in der Fachwelt. Weil Lohses Farbreihen in präziser Übersicht ausdrücken, was Konkrete Kunst ausmacht, gelten sie als Schlüsselwerk der Moderne, als eine Art Mona Lisa der Konkreten Kunst, wenn man so will. Auch wenn das vier Ingolstädter Stadträte offenbar anders sehen, die Ende vorigen Jahres gegen den Kauf des Lohses gestimmt haben: wegen der Kosten. 83 000 Euro bezahlte die Stadt, 66 700 Euro übernahm die Siemens Kulturstiftung und den dritten Teil, 50 000 Euro, steuerte die Kulturstiftung der Länder bei. Dass der Wert bald stark steigen wird, gilt als sicher, obgleich die Stadt das Bild freilich niemals verkaufen würde.

Jedenfalls versicherte das OB Alfred Lehmann am Freitag bei der offiziellen Inbesitznahme der Erwerbung ausdrücklich. „Und die Diskussion darüber hat auch nicht geschadet.“

Der Lohse ist jetzt also nach 16 Jahren Leihgabendasein ein Schanzer. Man darf die „Fünfzehn systematischen Farbreihen in progressiven Horizontalgruppen“ aber nicht mit den „Fünfzehn systematischen Farbreihen mit vertikaler und horizontaler Verdichtung“ verwechseln; das Bild schaut anders aus, das sagt schon der Titel.

Tobias Hoffmann, der Leiter des Museums, interpretiert die vier Gegenstimmen im Stadtrat als Ausdruck breiter Akzeptanz; da ist er ganz anderen Gegenwind gewohnt. Er weiß: Lohses Bild ist für Laien meistens der Schlüssel zum Verständnis der Konkreten Kunst. „Hier geht es darum, Kunst für eine industriell geprägte Welt zu schaffen, ohne persönliche Gefühle. Deshalb soll sie auch aussehen wie industriell gefertigt“, erklärt der Kunsthistoriker. Mathematisch eben, maschinell-seriell. „Jede Farbe hat die gleiche Fläche.“

Michael Hoernes von der Kulturstiftung der Länder lobte die Entscheidung: „Es ist großartig, dass es die Stadt geschafft hat, für die Bürger ein Werk von nationaler Bedeutung an dem Ort zu halten, wo es seine größte Strahlkraft entfaltet!“