Ingolstadt

"Die Leute werden verrückt"

Ein Jahr nach der Gründung: Bewohner kritisieren Lebensumstände im Ingolstädter Ankerzentrum

25.07.2019 | Stand 02.12.2020, 13:25 Uhr
Proteste gegen die Lebensbedingungen in der ehemaligen Max-Immelmann-Kaserne gab es von Bewohnern im Mai 2018 bei einem offiziellen Pressetermin. Seit August 2018 ist die Kaserne eine der vier Ingolstädter Niederlassungen des oberbayerischen Ankerzentrums. −Foto: Hauser /Archiv

Ingolstadt (DK) Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann ist zufrieden.

Seit einem Jahr gibt es in Bayern die sieben so genannten Ankerzentren (Ankunft, Entscheidung, Rückführung). In ihnen werden Flüchtlinge und Asylbewerber für die Dauer des Anerkennungsverfahrens gemeinsam untergebracht. Die eingebundenen Behörden, etwa das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, betreiben Niederlassungen in den Unterkünften. Dadurch sollen sich die Verfahren beschleunigen. "Das Konzept hat sich bewährt", resümierte Herrmann zuletzt. Am Montag kommen er und Ministerpräsident Markus Söder nach Manching und werden diese Einschätzung wohl wiederholen.

Viele Bewohner der Ankerzentren sehen das freilich anders. Zuletzt hat sich eine Gruppe Nigerianer, die in der ehemaligen Max-Immelmann-Kaserne (MIK) in Oberstimm leben oder gelebt haben, an den DONAUKURIER gewandt und die schwierigen Lebensumstände in der Unterkunft beklagt. Unabhängig zu überprüfen sind ihre Schilderungen kaum. Der Zugang zum Ankerzentrum und seinen Dependancen in Ingolstadt ist streng reglementiert. Außerhalb von offiziellen Presseterminen erhalten Journalisten keinen Einblick.

Die vorgebrachte Kritik der nigerianischen Flüchtlinge deckt sich in vielen Punkten mit der "Ingolstädter Erklärung", in der ein breites Bündnis von Helfern Anfang Juni eine Verbesserung der Lebensumstände in den zentralen Ingolstädter Asylbewerber-Unterkünften gefordert hat. Dabei wird deutlich, dass die Hauptursache für Probleme in den Ankerzentren wohl in ihrem grundsätzlichen System liegt: Die gemeinsame Unterbringung mehrerer hundert Menschen über Monate und mitunter Jahre hinweg.

"Das ist kein Umfeld, in dem Kinder leben sollten", findet eine junge Mutter, die mit ihrem Mann und einem Säugling zum Gespräch in die Redaktion gekommen ist und seit fast zwei Jahren in der MIK lebt. Wie die anderen will sie ihren Namen lieber nicht sagen. "Es gibt ständig Aufregung in der MIK. Oft ist die Polizei da. Es gibt Streitereien, und das Essen ist nicht gut", berichtet sie. Tatsächlich entzünden sich an der Verpflegung der Bewohner immer wieder Streitereien. Kein Gespräch mit Kasernenbewohnern, in dem das Essen nicht angesprochen wird. Das Brot ist immer wieder Thema. Es wird als "ungetoastetes Toastbrot" bezeichnet. Freilich spielen dabei auch die kulturellen Hintergründe der Flüchtlinge eine Rolle. Viele kommen aus Ländern mit ganz anderen Essgewohnheiten. "Das fängt schon beim Würzen an", sagt eine Helferin. Für Afrikaner schmecke das Essen oft "einfach nur fad". Wer auf einer langen Urlaubsreise einmal längere Zeit auf gewohnte Kost verzichtet hat, mag das Gefühl nachempfinden. "Für fünf, sechs Wochen geht das schon mal, aber über Monate und Jahre hinweg birgt das natürlich Konfliktpotenzial. "

Die Regierung von Oberbayern, die das Ankerzentrum verantwortet, wird immer wieder auf dieses Thema angesprochen. Auf eine Anfrage des DONAUKURIER hieß es aus München dazu zuletzt: "Die Asylbewerber erhalten Verpflegung nach den Vorgaben der deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Eine ausgewogene, abwechslungsreiche und gesunde Verpflegung der Asylbewerber ist gewährleistet. Auf Alter, Gesundheit, kulturelle sowie religiöse Gebote und spezielle Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner (beispielsweise vegetarische Ernährung, Diätkost auf Grund ärztlicher Anordnung, keine Verwendung von Schweinefleisch) wird Rücksicht genommen. "

Den Bewohnern wäre es am liebsten, wenn sie selber kochen könnten. Das ist ihnen aber verboten. Das sehe das Gesetz vor, das für alle bayerischen Ankerzentren gilt, argumentiert die Regierung von Oberbayern. Grundsätzlich bekämen die Bewohner Sachleistungen - in dem Fall Verpflegung - und eben kein Geld, um sich selbst zu versorgen. In anderen Bezirken wird dies allerdings offenbar nicht so streng gehandhabt (siehe eigener Artikel rechts).

Manche Bewohner der MIK versuchen regelmäßig, das Kochverbot zu umgehen. "Ich weiß nicht, wie viele Herdplatten und Wasserkocher sie mir abgenommen haben" erzählt eine 26-jährige Afrikanerin, die mit ihrem Kind fünf Monate in der Kaserne gelebt hat, mittlerweile aber anerkannt ist und in der Ingolstädter Innenstadt eine Wohnung hat. Einmal, so erinnert sich die junge Familie aus dem Ankerzentrum, hätten einige Männer aus der MIK außerhalb der Kaserne gegrillt. "Die fertigen Steaks hat ihnen die Security am Eingang weggenommen und weggeworfen", echauffiert sich die junge Mutter. Ihr Mann erzählt von einem Afrikaner, der Mayonnaise in die Unterkunft bringen wollte, "um sie für die Kinder auf das Brot zu schmieren". Auch die Mayonnaise sei ihm abgenommen und entsorgt worden. Tatsächlich sind verderbliche Speisen nicht in den Unterkünften erlaubt, da es dort keine Kühlschränke gibt, heißt es von offizieller Seite.

Die Durchsetzung der Hausordnung durch das Sicherheitspersonal empfinden viele Bewohner als Gängelung und grenzüberschreitend. "Am Eingang wird unser Babyfläschen geöffnet, und die Security riecht daran, ob wir Schnaps einschmuggeln. Auch der Kinderwagen wird jedes Mal durchwühlt. " Frauen würden - auch von männlichen Sicherheitsleuten - immer wieder unangemessen berührt. "Sie sagen, sie suchen nach Lebensmitteln, die wir unter der Kleidung ins Lager schmuggeln", berichtet die Mutter, und die ehemalige Bewohnerin erzählt, sie habe einmal beobachtet, wie eine Frau den Bauch habe freimachen müssen, weil ihr der Sicherheitsdienst nicht geglaubt habe, dass sie schwanger ist. Da die Zimmer nicht abzuschließen seien, müsse man 24 Stunden am Tag damit rechnen, dass jemand das Zimmer betritt. "Ich schlafe deswegen immer vollständig angezogen", erzählt die Mutter. Und oft sei es so, dass, wenn es etwa in einem Nachbarzimmer Ärger gibt, auch alle anderen Unterkünfte durchsucht werden. "Die Sicherheitsleute kommen mitten in der Nacht rein, weil zwei Zimmer weiter jemand gekocht haben soll", berichtet die ehemalige Bewohnerin.

Dazu komme die stetige Ungewissheit um die eigene rechtliche Situation, die verordnete Untätigkeit und die Einförmigkeit der Tage. "Die Leute werden verrückt", berichtet ein alleinstehender Nigerianer aus der Gruppe im Gespräch mit dem DONAUKURIER. "Und manche werden nicht nur frustriert, sondern auch aggressiv. " Es sei deswegen kein Wunder, dass es immer wieder zu Konflikten unter den Flüchtlingen oder mit den Sicherheitsleuten gibt. Mehrmals am Tag sei die Polizei im Ankerzentrum, ständig gebe es Krawall. Zurück nach Nigeria könne er aber nicht, weil er dort mit dem Tod bedroht werde.

Der größte Wunsch? "Selbstbestimmt leben", sagt der Familienvater . "Ich möchte arbeiten, mir eine Existenz aufbauen dürfen, nicht mehr auf Hilfe angewiesen sein - und endlich die Kaserne verlassen können. "
 

Beispiel Bamberg

Bamberg (jhh) Das größte der sieben bayerischen Ankerzentren ist in Bamberg.Bis zu 1500 Menschen können dort in einer ehemaligen Kaserne untergebracht werden. Im Vergleich mit den anderen zentralen Flüchtlingsunterkünften in Bayern wird Bamberg in manchen Belangen von Helferkreisen immer wieder als positives Beispiel genannt. Wie Ulrike Siebenhaar, die Sprecherin der Stadt Bamberg, auf DK-Nachfrage bestätigt, ist es dort etwa für jedermann "relativ unproblematisch möglich", das Zentrum zu betreten. Wer sich ausweisen könne, erhalte Zutritt. "Das ist ja kein Gefängnis", so Siebenhaar. Beobachter führen diese Entwicklung auch auf eine intensive Auseinandersetzung der Kommunalpolitik mit dem Ankerzentrum zurück. Stephan Theo Reichel, der Geschäftsführer des Vereins Matteo - Kirche und Asyl, konstatiert, "dass Integration vor allem da funktionieren kann, wo sich die Stadtspitze positiv engagiert". Auch in Bamberg gibt es - wie in Ingolstadt und Manching - immer wieder Diskussionen um das Essen. Anders als die Regierung von Oberbayern hat sich die Regierung von Oberfranken entschieden, den Bewohnern das Kochen zu ermöglichen. "Es wurden Kochcontainer aufgestellt", berichtet Siebenhaar. "Das ist wirklich eine tolle Sache und funktioniert gut. " Nicht nur, dass die Bewohner sich so nach ihrem eigenen Geschmack versorgen könnten, das gemeinsame Kochen habe auch eine wichtige soziale Funktion.

Tägliche Polizeieinsätze

Ingolstadt (jhh) Für die Ingolstädter Polizei sind die Dependancen des Ankerzentrums Einsatzschwerpunkte.Manchmal mehrmals am Tag rücken die Beamten aus, um Streit zu schlichten. Entweder zwischen Bewohnern oder mit dem Sicherheitsdienst. Peter Heigl, der Leiter der Ingolstädter Inspektion, begrüßt in dem Zusammenhang, dass das Ankerzentrum auf mehrere Standorte (Max-Immelmann-Kaserne, Audi-Kreisel, Marie-Curie-Straße) verteilt ist. "Das entzerrt die Lage etwas", sagt er. "Sollten noch mehr Menschen zusammen leben, wäre das Konfliktpotenzial wohl noch höher. " Derzeit sind rund 1000 Menschen im Ankerzentrum untergebracht. Es waren aber schon deutlich mehr. Zu den Aufgaben der Polizei gehört es auch, ausreisepflichtige Flüchtlinge aufzusuchen und zum Flughafen zu bringen. Dabei ist es zuletzt zu dramatischen Szenen gekommen. In der Unterkunft in der Marie-Curie-Straße hat sich ein Nigerianer angesichts der Polizei mit einem Rasiermesser eine klaffende Wunde an der Stirn zugefügt. Da der Mann an chronischer Hepatitis B und D erkrankt ist, eine besonders heikle Situation. Der Nigerianer wurde trotz Gegenwehr schließlich in ein Klinikum gebracht, ihm droht nun die Abschiebehaft. Er soll nach Italien gebracht werden. Flüchtlingshelfer fürchten jetzt um das Leben des kranken Mannes, da sie annehmen, dass er dort nicht die nötige medizinische Versorgung erfährt. Offenbar leidet er auch an einer Leberzirrhose. Da bei dem Einsatz nach Angaben von PI-Chef Heigl auch ein Polizist verletzt wurde, wird gegen den Afrikaner ein Ermittlungsverfahren wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Polizeibeamten eingeleitet.

Johannes Hauser