Eitensheim

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Krieger- und Soldatenverein freut sich über Aufklärung des Schicksals eines Eitensheimer Kameraden

02.03.2018 | Stand 02.12.2020, 16:45 Uhr
360 Kilometer vom Bergungsort entfernt liegt der Sammelfriedhof in Siemianowice, auf dem der Eitensheimer Paulus Mayer nun seine letzte Ruhe fand. −Foto: privat; Stephan

Eitensheim (DK) Nach über 70 Jahren ist ein seit 1945 vermisster Soldat aus Eitensheim aus einem Kameradengrab in Polen geborgen worden. Die Mitglieder des hiesigen Krieger- und Soldatenvereins freuen sich mit den Angehörigen - sehen darin aber auch eine Bestätigung ihrer Arbeit.

Wenn Werner Mogl (kleines Foto) vom Schicksal des Eitensheimer Soldaten Paulus Mayer (siehe eigener Artikel) erzählt, wirkt er gerührt. "Man hofft immer wieder, dass man einen vermissten Kameraden findet", sagt er. "Es ist fast unglaublich, dass Paulus Mayer nach über 70 Jahren einwandfrei identifiziert werden konnte." Die Bergung des 1945 gefallenen Soldaten bewege die Mitglieder des Eitensheimer Krieger- und Soldatenvereins, die sich in ihrer Arbeit bekräftigt fühlten: "Wenn jemand aus dem Dorf gefunden wird, dann ist das ein Erfolgserlebnis."

Der Verein wurde 1876 zur Pflege der Kameradschaft von Kriegsteilnehmern, zur Unterstützung von Familien, deren Angehörige im Krieg ihr Leben ließen, sowie zur Aufrechterhaltung der Erinnerung an gefallene Kameraden gegründet. Diese Grundsätze gelten bis heute, ist der Homepage des Vereins zu entnehmen. Mogl unterstützt diesen seit 25 Jahren als Kassier. Er war nicht nur selbst als Sanitäter bei der Bundeswehr in Murnau, sondern ist auch aus familiärer Hinsicht mit der deutschen Kriegsgeschichte verbunden. "Zwei Brüder meines Vaters werden in Russland vermisst", sagt Mogl. Der Vater selbst sei aus dem Zweiten Weltkrieg wieder heimgekehrt. "Es gibt viele Feldpostbriefe aus dieser Zeit", erzählt Mogl. "Wenn man die liest, läuft es einem kalt den Rücken runter." Gerade die Weihnachtszeit habe der Vater - wie Paulus Mayers Tochter - in Trauer über die Kameraden verbracht. "Das nimmt einen mit."

Umso wichtiger sei die Arbeit der Krieger- und Soldatenvereine, die die Aufklärung der Schicksale vermisster Kameraden unterstützen - wie es vor einigen Jahren zum Beispiel in Ochsenfeld der Fall war. "Wir haben es uns auch auf die Fahne geschrieben, den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (humanitäre Organisation, die im Auftrag der Bundesregierung die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland erfasst und pflegt, Anm. d. Red.) mit Sammlungen zu fördern", sagt Mogl, der seit 2008 Sammlungsleiter ist. So gehen die Vorstandsmitglieder jedes Jahr um den Volkstrauertag herum von Haus zu Haus, um die Eitensheimer um eine Spende zu bitten. "Die Leute warten immer auf uns, die meisten Bürger geben wirklich gerne."

Der hiesige Verein sammelt laut Mogl in der Regel rund 3000 Euro im Jahr. "Im Schnitt ist das ein Euro pro Einwohner, das ist ein Spitzenwert im gesamten Volksbund", sagt Mogl stolz über den Beitrag zur Sammlung des Bezirksverbands Oberbayern, der regelmäßig mit Abstand das beste Ergebnis bundesweit erziele. Für seine Leistungen habe der Eitensheimer Krieger- und Soldatenverein 2011 das Fahnenehrenband des Volksbunds erhalten mit der Aufschrift "Mortui viventes obligant - Die Toten verpflichten die Lebenden".

Die Freude über den Erfolg wird durch die Nachwuchssorgen des Vereins getrübt. "Ohne ehrenamtliche Sammler wäre die Arbeit des Volksbunds nicht möglich", sagt Mogl. Etwa 70 Prozent des Gelds, das dieser für seine Arbeit benötigt, kämen durch Spenden und Nachlässe zusammen, nur 30 Prozent aus öffentlicher Hand. "Das Ehrenamt ist wichtiger denn je, Kriegstote werden nach wie vor geborgen und umgebettet." Der Generationenwechsel erschweá ?re dies: "Immer weniger junge Leute haben Berührungspunkte zum Krieg, weil es oft keinen Opa mehr gibt, der erzählen kann", sagt Mogl. Deshalb sei es erforderlich, Aufklärungsarbeit zu leisten. In Eitensheim zu sammeln, sei unkompliziert. "Das ist auf dem Dorf noch einfach, da kennen sich alle", macht Mogl Mut, sich zu beteiligen.

Warum dies so wichtig ist, zeige sich am Fall Paulus Mayer. Dessen Tochter Johanna Frontzek habe einen Suchantrag über die Homepage des Volksbunds ausgefüllt, sodass die Nachricht über die Bergung schnell die richtige Adresse erreicht habe. Um einen Beitrag zum endgültigen Abschied von Paulus Mayer zu leisten, möchte der Krieger- und Soldatenverein Mogl zufolge nun die im Rathaus hängende Gedenktafel ändern: Mayers Foto soll von den Vermissten zu den Gefallen verschoben werden. "Um abzuschließen."

Abschied von Paulus Mayer

Eitensheim (DK) Johanna Frontzek aus Eitensheim hat vor Kurzem Post von der Deutschen Dienststelle in Berlin und vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge aus Kassel erhalten. Was in den Briefen stand, konnte sie zuerst nicht glauben: Ihr Vater, seit Januar 1945 in Polen vermisst, konnte geborgen werden.

Einen Suchantrag hatte Frontzek schon lange zuvor beim Volksbund und dem Roten Kreuz gestellt. Ihr Vater Paulus Mayer musste im Dezember 1943 noch einmal in den Krieg ziehen. Sie war damals knapp vier Jahre alt. Bis heute hat sie den Abschied nie aus ihren Gedanken verloren. "Gerade um Weihnachten herum", erzählt Frontzek, "kamen mir die Bilder immer wieder vor Augen, als sich der Vater von der Familie verabschiedete."

Niemand konnte ahnen, dass es ein Abschied für immer war, als Paulus Mayer seine Frau, die kleine Tochter Johanna und seinen erst sechs Monate alten Sohn Paul zurücklassen musste. "Mein ganzes Leben hat mir etwas gefehlt, jetzt ist es da, der Kreis hat sich geschlossen", sagt Frontzek. "Leider kann es mein Bruder Paul nicht mehr miterleben, er ist vor Jahren schon gestorben." Als Trost seien nur die vielen Briefe des Vaters von der Front, die die Mutter sorgsam aufbewahrt hatte, geblieben. Jetzt hat sich das Schicksal des Vaters aufgeklärt.

Paulus Mayer wurde am 4. Juli 1905 in Pietenfeld geboren und heiratete 1935 Johanna Schneider aus Enkering. Beide hatten in Eitensheim eine Anstellung bei einem Bauern gefunden und sich dort kennengelernt. In Eitensheim blieben sie sesshaft. Im Dezember 1944 musste er mit seiner Einheit, dem 6. Batterie Stellungs-Werfer-Regiment 102, nach Polen, bei Januszewice im Bezirk Petrikau, über 700 Kilometer von der Heimat entfernt. Dort fand er, so steht es im Schreiben der Deutschen Dienststelle, zwischen dem 11. und 20. Januar 1945 den Tod. Anhand der Erkennungsmarke aus einem kürzlich entdeckten Kameradengrab konnte Paulus Mayer zweifelsfrei identifiziert werden.

Aus diesem Kameradengrab wurden die Gebeine von 80 deutschen Soldaten exhumiert und durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in den 360 Kilometer vom Bergungsort entfernten Sammelfriedhof in Siemianowice bei Krakau umgebettet. In der 3,4 Hektar großen und vom Volksbund unterhaltenen deutschen Kriegsgräberstätte, die 1998 der Öffentlichkeit übergeben wurde, fanden bisher etwa 32 500 deutsche Kameraden ihre letzte Ruhestätte. Nun auch Paulus Mayer.