Mörnsheim
Die Flut kam in kürzester Zeit

Vor 150 Jahren Jahrhunderthochwasser im Gailachtal - Mühlheim, Mörnsheim und Altendorf überschwemmt

21.07.2021 | Stand 26.07.2021, 3:33 Uhr
Eine Steintafel an einem Haus in der Rosenau erinnert an die Fllut vom 20.Juli 1871. −Foto: Meier

Mörnsheim - Der Forellenbach in Mörnsheim, die Gailach, ist übers Jahr ein ruhiges Wasser. Biber, Wildenten und Gänse, Wasseramsel und Eisvogel sind dort beheimatet und fühlen sich wohl. Doch bei heftigen Niederschlägen kann die kleine idyllische Gailach schnell zu einem reißenden Bach anschwellen. Meist aber läuft das Wasser binnen weniger Stunden ab und richtet selten größeren Schaden an.

Anders allerdings war es am 20. Juli 1871. Ein sintflutartiger Wolkenbruch mit Hagelschlag setzte in kürzester Zeit ganz Mühlheim, Mörnsheim und Altendorf unter Wasser. Aus den Seitentälern schossen urplötzlich Wassermassen ins Dorf und die Gailach verwandelte sich in einen reißenden Fluss. Am Markt stand das Wasser über einen Meter hoch. Die Flut schwemmte die Erde weg, so dass nur noch der blanke Stein zu sehen war und die gesamte Ernte im Tal wurde vernichtet.

Max Dorr, damals Lehrer in Mühlheim, hielt seine Erinnerungen an dieses Jahrhunderthochwasser fest: "Vom Röglinger Tal herein wälzten sich die bedrohlichen Wasserfluten, überschwemmten den Holzplatz, trieben Balken, Geäst und sonstiges Buschwerk auf Mühlheim zu. Zu allem Unglück erwies sich die untere Brücke als unüberwindbares Hindernis, weil sich die starken Balken und Bohlen quer zu den Brückenpfeilern legten und den ungestümen Wassermassen den Durchritt verwehrten. Innerhalb weniger Sekunden bildete sich ein Rückstau, der alle niedriger gelegenen Häuser im Nu unter Wasser setzte. Den entsetzten Bewohnern blieb keine Zeit, ihre Habe zu retten. Sie mussten fluchtartig die unteren Etagen verlassen und höhere Stockwerke ersteigen, froh, ihr nacktes Leben retten zu können. Die braune Flut drückte die Fenster ein, zerstörte die Einrichtung oder riss sie mit sich fort. In vielen Stuben schwammen Stühle und Tische an der Decke. Noch schlimmer erwischte es die Tiere: Was nicht fortgerissen wurde, ertrank oder stand bis zum Halse im Wasser. Zum Glück barst die Friedhofsmauer und ein gewaltiger Wasserschwall ergoss sich nun in Richtung Mörnsheim und setzte auch den Markt unter Wasser.

Menschenleben waren Gott sei Dank nicht zu beklagen, dafür war der Ernte- und Flurschaden beträchtlich. Ein in Rögling eiligst los geschickter Feuerreiter, der die Mülheimer warnen sollte, kam zu spät. Auch die Häuser waren völlig durchnässt, die Fußböden bedeckt mit einer dicken Schlammschicht. Nur durch die Hilfe der Nachbarorte, die für das Vieh bereitwillig Futter spendeten und Saatgut lieferten, konnte wenigstens die größte Not gelindert werden. Auch eine Regierungskommission aus Ansbach überzeugte sich vom Ausmaß des Schadens und versprach Hilfe."

Seitdem treten zwar immer wieder Hochwasser auf, die letzten 1994 und 2017. Sie waren aber nie mehr so verheerend wie am 20.Juli 1871.

eme