Ingolstadt

Die erste chirurgische Klinik Mitteleuropas?

Das Schneidhaus der Fugger in Augsburg: Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert Untersuchung eines Manuskripts im Medizinhistorischen Museum

22.08.2019 | Stand 02.12.2020, 13:13 Uhr
Zeichnungen von Harnblasen-Steinen enthält das Manuskript im Besitz des Medizinhistorischen Museums, das jetzt wissenschaftlich erforscht wird. Dafür erhält das Museum rund 400000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. An dem großen Harnstein in der Mitte ist der 14-jährige Sebastian Dexel aus Ingolstadt einst gestorben. −Foto: Medizinhistorisches Museum/Monika Weber

Ingolstadt (DK) Ein Manuskript aus der Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums steht am Ende der Vortragsreihe zur Spitalstiftung - und am Anfang eines ambitionierten Forschungsprojektes.

Am Mittwoch, 28. August, um 19 Uhr beenden die Münchner Historikerin Annemarie Kinzelbach und Museumsdirektorin Prof. Marion Ruisinger die Vortragsreihe des Deutschen Medizinhistorischen Museums zum 700. Gründungsjubiläum der Ingolstädter Heilig-Geist-Stiftung mit einem gemeinsamen Beitrag über das "Schneidhaus der Fugger in Augsburg". Der Schlussakzent bildet zugleich den Auftakt für ein ambitioniertes Forschungsprojekt des Museums, das auf drei Jahre angelegt ist und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird. Im Zentrum von Vortrag und Forschung steht ein illustriertes Manuskript, das im Jahr 2016 von der "Gesellschaft der Freunde und Förderer des Deutschen Medizinhistorischen Museums" für das DMMI erworben wurde.

Die großformatige Handschrift ist wie ein Buch gebunden. "Schon beim ersten Durchblättern kommt man ins Staunen und Fragen", so Ruisinger. "Denn diese Handschrift ist mehr gemalt als geschrieben. " Tatsächlich findet sich darin so gut wie kein zusammenhängender Text, aber dafür seitenweise farbige Porträts von Harnblasen-Steinen. Bei jedem ist der Name seines Trägers vermerkt, außerdem dessen Alter und Wohnort. Auf einige Steine wurde ein kleines rotes Kreuz gemalt. "In diesen Fällen hat der Steinkranke die Operation nicht überlebt", so Ruisinger. Diese Operation - der Steinschnitt oder die "Lithotomie" - wurde übrigens schon im hippokratischen Eid erwähnt.

Die Kranken waren überwiegend Knaben oder ältere Männer. Einer davon, der 14-jährige Sohn des Sebastian Dexel, stammte aus Ingolstadt. Auch sein Stein trägt ein rotes Kreuz. Andere Seiten zeigen keine Bilder, sondern gemalte Kartuschen, in denen ebenfalls Patientennamen und Behandlungen vermerkt sind. Hier handelte es sich ganz überwiegend um Leisten- oder Hodenbrüche, die teils mit dem Schnitt, teils mit dem Bruchband behandelt wurden. Andere Diagnosen wie "Fistel" oder "Krepsschaden" sind die Ausnahme.

Wo aber wurden diese Operationen durchgeführt? Und wer hat sie bezahlt? Warum hat man die Blasensteine anschließend aufwändig abgezeichnet und koloriert? Woher stammt dieses Manuskript überhaupt? Einige dieser Fragen haben Ruisinger und Annemarie Kinzelbach, die das Projekt ab September bearbeiten wird, schon im Vorfeld klären können: Das Manuskript stammt aus dem Schneidhaus, das Anton Fugger 1560 testamentarisch gestiftet hatte. "Im Fuggerarchiv in Dillingen", so Ruisinger, "gibt es dazu eine reiche Parallelüberlieferung. Durch diese gute Aktenlage wurde es uns möglich, ausgehend von dem Manuskript ein Forschungsprojekt zu formulieren. " So werden in Dillingen die Rechnungsbücher aus dem Schneidhaus aufbewahrt, in denen für die Jahre von 1571 bis 1630 rund viertausend chirurgische Patienten namentlich aufgeführt sind - darunter auch diejenigen aus dem gemalten Manuskript.

Was dieses Projekt für die Forschung so interessant macht: Bislang ist man davon ausgegangen, dass es damals (zumindest in unseren Breiten) keine Spitäler gegeben hat, die auf chirurgische Eingriffe spezialisiert waren. Zumindest in Augsburg scheint das aber doch der Fall gewesen zu sein. Damit wäre das Schneidhaus der Fugger die erste - etwas salopp formuliert - chirurgische Klinik Mitteleuropas gewesen. Die DFG bewilligte dem Museum nicht nur das Forschungsprojekt, das nun erstmals der Geschichte des Schneidhauses nachgeht, sondern gewährte ihm auch Unterstützung für die Sonderausstellung, in der die Forschungsergebnisse abschließend einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden - und das nicht nur in Ingolstadt, sondern auch im Maximilianmuseum in Augsburg, das als Kooperationspartner an dem Antrag beteiligt ist.

Wer nicht so lange warten möchte, kann bei dem Abendvortrag am 28. August das Manuskript schon jetzt im Original bewundern. Der Marburger Fachantiquar John Wilcockson, von dem die Förderergesellschaft das Manuskript vor drei Jahren kaufte, wird bei dem Vortrag ebenfalls anwesend sein und weitere Informationen zu dessen Herkunft geben. Einlass ist ab 18 Uhr. Der Eintritt ist frei, der Vortrag dauert eine Stunde.